Die zweite Generation der Skinheads in Westdeutschland - die Unsichtbaren

 

War schon die erste Generation der Skinheads recht selten von außenstehenden Zeitgenossen wahrgenommen worden, so verschwand die zweite Generation wieder fast völlig aus dem Blick der Öffentlichkeit, denn es gab kaum noch Veröffentlichungen über sie. Dies war um so erstaunlicher, da es im ersten Halbjahr 1986 zu einer massiven Medienpresenz gekommen war, auf die im letzten Kapitel eingegangen wurde.

Das große Medienecho, das der Totschlag von Ramazan Avzi hervorrief, machte zwar eine breitere Öffentlichkeit auf die Skinheads aufmerksam[1], aber seine große Bedeutung erlangte es durch den Einfluß, den die Medien auf die Skinheads ausübten. In der Folge veränderten sich die Skinheads und näherten sich dem Bild, das die Medien von ihnen zeichneten, an[2]. Dieses Bild porträtierte die Skinheads allgemein als eine Gruppe, die gewalttätig, versoffen und neonazistisch war[3]. Gerade das zog besonders diejenigen Jugendlichen an, die schon vorher rechtem Gedankengut anhingen und nun zu wissen glaubten, daß man sich gemäß der eigenen Überzeugungen als Skinhead zu kleiden habe [4]. Das äußere Outfit erfuhr eine gewisse Einengung auf grüne Bomberjacken mit domestosgebleichten Jeans und hohen Stiefeln.[5] Mit dem zunehmenden Ausscheiden der Skinheads der ersten Generation, die zwar latent ausländerfeindlich waren, aber sich noch nicht von rechten Parteien und Organisationen hatten vereinnahmen lassen, wurde damit tatsächlich ein deutlicher Rechtsruck der Skinheads eingeleitet. Immer häufiger engagierten sich Skinheads direkt in rechten Organisationen und Parteien[6], wie der "Nationalen Front"[7], den "Republikanern"[8], der "FAP" und der "Nationalen Liste"[9]. Schon 1985 hatte diese Entwicklung begonnen[10], und sie setzte sich in den nächsten Jahren fort.

Die Verfassungsschutzberichte aus der zweiten Hälfte der 8oer zeichneten sich durch eine ähnliche Ambivalenz aus, die die Skinheads auch durch die größere Öffentlichkeit erfuhren. In den Berichten für 1986 und 1987 wurde - wie schon in den Vorjahren - konstatiert, daß es den Rechtsextremisten nach wie vor nicht gelungen sei, die Gruppe der Skinheads für ihre politische Arbeit zu gewinnen[11]. Zwar wurde 1986 zum ersten Mal eine konkrete Zahl von Skinheads angegeben, die als Rechtsextremisten anzusehen waren, nämlich 2oo[12], aber weiter wurde nicht auf diese Gruppe eingegangen. Diese Anzahl der rechtsextremistischen Skinheads erhöhte sich nach Angaben des Verfassungsschutzberichtes für 1988 auf 25o und blieb für das folgende Jahr konstant[13]. Damit wären ein Zehntel der Gesamtgruppe der Skinheads rechtsextremistisch[14]. Der Grund für die fehlende Einbindung weiter Teile der 2500 Skinheads in die Strukturen organisierter Rechtsradikalität wurde nach wie vor in der Disziplinlosigkeit der Skinheads gesehen. Die Skinheads seien letztendlich nur auf Randale aus[15].

Es wurde also von Seiten des Verfassungsschutzes zwar eine gewisse Verschärfung der Rechtsradikalität unter den Skinheads beobachtet, aber Anlaß zur Beunruhigung schien das für die Verfassungsschützer nicht zu sein, denn Skinheads kamen in der zweiten Hälfte der 8oer nur auf durchschnittlich drei Eintragungen pro Verfassungsschutzbericht.

Bei diesem allgemeinen Desinteresse wundert es nicht, daß sich auch der S.H.A.R.P.-Gedanke als Gegenbewegung zu dem sich verschärfenden Rechtsradikalismus unter den Skinheads weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit herausbildete. Ausgelöst durch die Initiative in Amerika und England[16], schlossen sich ab 1988 auch in Westdeutschland Skinheads in S.H.A.R.P.-Gruppen zusammen[17]. Sie wollten dem rechten Image bewußt entgegentreten, hatten aber darüber hinaus keine fest umrissenen politischen Vorstellungen. Daher waren sich die Wissenschaftler bei der Einschätzung der Gruppe auch nicht einig. Ackermann  hielt sie für "unpolitisch"[18], Farin und Seidel-Pielen schätzten sie als "eher nicht- als antirassistisch" ein[19], während Baensch sie hingegen durchaus als "antirassistisch" ansah[20]. "Aber immerhin", so Farin und Seidel-Pielen, "die S.H.A.R.P.-Skins werden zu bevorzugten Prügelgegnern ihrer rechtgescheitelten Zwillingsbrüder."[21]

Auf die Existenz von "Redskins" wurde zwar von einigen Autoren verwiesen[22], aber genaue Details über die Herausbildung dieser kleinen Gruppe gab keiner von ihnen.

 

 

Einschätzungen der Skinheads durch die Medien und zeitgenössische Autoren

 

All diese Vorgänge liefen beinahe unbemerkt von der Öffentlichkeit ab. Obwohl die Zahl der Skinheads stetig zunahm und im Laufe der Zeit auf rund 2.5oo anstieg (vgl. Kapitel: Skinheads - die harten Fakten), wurden sie von den Medien weitestgehend ignoriert. Der Spiegel brachte im Sommer 1986 noch einmal eine Seite über den Prozeß zum Tod des Ramazan Avzi und das Prozeßurteil[23]. Ein Jahr später erschien unter dem Titel "Skinheads - Rechte Armee Fraktion" ein zweiseitiger Bericht, der sich aber in erster Linie mit der FAP auseinandersetzte[24]. Wieder ein Jahr später wurde eine kurze 19-zeilige Notiz über die Skinheads in der DDR[25] publiziert. Ein paar Ausgaben darauf veröffentlichte der Spiegel eine weitere Reportage über die FAP, die durch ein Bild von Skinheads illustriert wurde. Im Bericht selbst wurde nicht weiter auf diese Skinhead-Gruppe eingegangen[26]. 1989 beschäftigte sich der Spiegel überhaupt nicht mit den Skinheads, und erst im Spätsommer 199o erschien erneut ein Bericht zu diesem Thema. Dieser betraf dann aber schon die dritte   Generation (vgl. Kapitel: Skinheads und Medien II) Insgesamt publizierte der Spiegel von Sommer 1986 bis Sommer 199o nur um die 1oo Zeilen zum Thema Skinheads, wobei über die Hälfte dieser Zeilen simple Beschreibungen von Tathergängen waren. Hintergründe, zahlenmäßige Entwicklungen oder andere detaillierte Informationen veröffentlichte der Spiegel im genannten Zeitraum nicht.

Ähnlich sah die Entwicklung bei Berichten des Stern aus. Auch der Stern berichtete nur noch sporadisch über Skinheads - im Winter 1987[27], eineinhalb Jahre darauf, im Frühsommer 1989[28], ein halbes Jahr später[29] und dann wieder im Frühsommer 199o[30]. Keiner dieser Berichte beschäftigte sich jedoch mit Skinheads in Westdeutschland. Zwei der Artikel handelten von Skinheads in der DDR[31]. Einer setzte sich mit dem Umbruch in der DDR auseinander und ging in diesem Zusammenhang auf rechtsradikale Entwicklungen ein[32]. Der vierte Bericht war eine Beschreibung der Aktivitäten des "Ku-Klux-Klan" in Amerika [33], in dem sich auch Skinheads engagierten[34].

Auch während der Zeit der zweiten Skinhead-Generation erschienen wenige Publikationen, die sich mit dieser Generation auseinandersetzten. Nur eine Handvoll Autoren bezogen sich in ihren Arbeiten auf die Skinheads. In den meisten Fällen wurden Skinheads nur als latent rechtsextremistisch eingeschätzt, die zwar Randale suchten, aber da sie sich selbst für unpolitisch hielten, noch keine politische Kraft seien[35]. Nur  Kromschröder stellte die Skinheads in seinem Buch "Ich war einer von ihnen" als hartgesottene Nazis dar[36].

In dem Buch "Skinheads in Deutschland" von Eberwein und Drexler, welches Interviews mit Skinheads enthielt, wurden ganz bewußt rechtsextremistische Skinheads ausgeklammert[37]. Auch die Mitarbeiter des Jugend und Sport e. V. wandten sich erst nach 1986 den Skinheads zu. Da der Verein primär im Fußballfanumfeld aktiv war, erlebten die Mitarbeiter in ihren Projekten der Betreuung militanter Fußballfans die schnelle Ablösung der Skinheads durch "Hooligans"[38]. Keiner der zeitgenössischen Autoren hatte anscheinend die Bildung der S.H.A.R.P.-Skinheads bemerkt, denn niemand berichtete darüber. Hestermann schloß die Existenz von "Redskins" in Westdeutschland in einem Artikel sogar ausdrücklich aus[39].

Auf etwaige Unterschiede zwischen Skinheads Anfang der 8oer und denen nach 1987 ging keiner der zeitgenössischen Wissenschaftler ein.

Insgesamt waren die Arbeiten bis auf wenige Ausnahmen - Jugend und Sport e. V.- 1, Hestermann - recht oberflächliche Abhandlungen, die wenig detaillierte Kenntnisse  über Skinheads vermittelten.

 

 

Fazit

 

Von den Zeitgenossen fast völlig unbemerkt veränderte sich der Skinhead-Stil. Zunächst strömten - aufgrund der Berichterstattung in den Medien - vermehrt Jugendliche mit einem rechtsextremen Weltbild zu den Skinheads, deren Zahl sich stetig vergrößerte und auf rund 2.5oo anwuchs. Aufgrund dieses "rechten" Images der Skinheads kam es fast zeitgleich mit der Entwicklung in England zu einer Differenzierung der Skinhead-Szene. Es entstanden die kleine Gruppe der "Redskins", die Gruppe der S.H.A.R.P.-Skinheads, und die quasi als Restgruppe verbliebenen und von der Öffentlichkeit wahrgenommenen "eigentlichen" Skinheads, die auch als "Oi-Skins" bezeichnet wurden (- im Gegensatz zu der englischen Schreibweise fehlte bei der deutschen das Ausrufungszeichen nach dem "Oi")[40]. Diejenigen von diesen Skinheads, die sich längerfristig in rechtsextremen Parteien und Organisationen engagierten, wurden von den "unpolitischen" Skinheads als "Boneheads" bezeichnet (- inwieweit diese Gruppe diesen Namen für sich an- beziehungsweise übernahm, wurde aus der Literatur nicht ersichtlich).

 

 


 

[1]               Vgl. Assheuer/ Sarkowicz, S. 87, Jugend und Sport- 1, S. 1, Maegerle, S. 23, Welp, S. 1o, Wirth- 3, S. 189

[2]               Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 63, 1o8, 213, Matthesius, S. 184, Mücke, S. 41o, Schneider, T.- 1, S. 77, 85, Wochenschau- 2, S. 23

[3]               Vgl. Jugend und Sport e. V.- 1, S. 39, Matthesius, S. 11o, 178

[4]               Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 1o6

[5]               Vgl. Spiegel, 1/ 86, S. 64, Spiegel, 26/ 86, S. 86, Stern, 3/ 86, S. 46, Stern, 25/ 86, S. 32, 41

[6]               Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 1o8, Hartwig, S. 329

[7]               Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 1o8, Hartwig, S. 329, Verfassungsschutzbericht 1987, S. 12o

[8]               Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 1o8, Hartwig, S. 329

[9]               Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 1o8

[10]            Vgl. Eberwein/ Drexler, S. 12, Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 65, Hartwig, S. Matthesius, S. 2o4

[11]            Vgl. Verfassungsschutzbericht 1986, S. 183, Verfassungsschutzbericht 1987, S. 12o

[12]            Vgl. Verfassungsschutzbericht 1986, S. 183

[13]            Vgl. Verfassungsschutzbericht 1988, S. 117, 136, Verfassungsschutzbericht 1989, S. 111, 133

[14]            Vgl. Verfassungsschutzbericht 1988, S. 136, Verfassungsschutzbericht 1989, S. 133

[15]            Vgl. Verfassungsschutzbericht 1987, S. 12o

[16]            Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 1, S. 77, Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 118

[17]            Vgl. Vgl. Ackermann, S. 4o, Baensch, S. 28, Farin/ Seidel-Pielen- 1, S. 77, Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 118, Karthee, S. 1o9

[18]            Ackermann, S. 4o

[19]            Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 136

[20]            Baensch, S. 28

[21]            Farin/ Seidel-Pielen- 1, S. 77

[22]            Vgl. Baensch, S. 28, Farin/ Seidel-Pielen- 1, S. 81

[23]            Vgl. Spiegel, 28/ 86, S. 75, "Jeder, der hier brüllt, fliegt raus"

[24]            Vgl. Spiegel, 33/ 87, S. 78f

[25]            Vgl. Spiegel, 45/ 88, S. 16, "Antisemitismus Ost"

[26]            Vgl. Spiegel, 49/ 88, S. 49f, "Wir bringen euch alle um"

[27]            Vgl. Stern, 5o/ 87, S. 246f

[28]            Vgl Stern, 18/ 89, S. 32ff

[29]            Vgl. Stern, 52/ 89, S. 24ff

[30]            Vgl. Stern, 24/ 9o, S. 85ff

[31]            Vgl. Stern, 5o/ 87, S. 246f, "Furcht vor den Kahlköpfen", Stern, 24/ 9o, S. 85 ff, "Gefährlich normal"

[32]            Vgl. Stern, 52/ 89, S. 24ff, "Heim ins Reich"

[33]            Vgl. Stern, 18/ 89, S. 32ff, "Der Ku-Klux-Klan lebt"

[34]            Vgl. Stern, 18/ 89, S. 38

[35]            Vgl. Bock, S. 2o4, Hestermann, S. 87, Jugend und Sport e. V.- 1, S. 6f, Pilz/ Sengebusch, S. 87, van Ooyen, S. 4of, Wirth- 3, S. 47

[36]            Vgl. Kromschröder, S. 84ff

[37]            Vgl. Eberwein/ Drexler, S. 7

[38]            Vgl. Jugend und Sport e. V.- 1, S. 2o

[39]            Vgl. Hestermann, S. 77

[40]            Vgl. zum Beispiel Antifaschistisches AutorInnenkollektiv, S. 32, Baensch, S. 28, Farin/ Seidel-Pielen- 1, S.86, Hestermann, S. 76