Skinheads und Medien II

 

Mit Beginn der 9oer Jahre rückten die fast schon in Vergessenheit geratenen Skinheads wieder verstärkt in das Interesse der Medien. Wie bereits Mitte der 8oer Jahre gaben gewalttätige Ereignisse den Anlaß für eine verstärkte Auseinandersetzung mit radikalen Jugendlichen.

Besonders nach den gewalttätigen Ausschreitungen in Hoyerswerda (17. bis 22. 9. 1991), Hünxe (3. 1o. 1991), Rostock-Lichtenhagen (23. bis 29. 8. 1992) und Mölln (23. 11. 1992) konnte bei den Medien die verstärkte Herausbildung des sogenannten "Medienskins" beobachtet werden. Dieser "Medienskin" wurde dadurch kreiert, daß, obwohl die Skinhead-Szene äußerst heterogen war und vom "Redskin" zum "Bonehead" reichte, ein Großteil der Mediendarstellung Skinheads nur als rechte Gewalttäter charakterisierte. Denn die Medien sahen sich Schwierigkeiten gegenüber, wenn es darum ging, den gewöhnlichen Rassismus in der deutschen Gesellschaft visuell zu verdeutlichen. Stammtischrunden, die sich in Pogromphantasien ergehen, der Jugendliche von nebenan, der nach einem Fußballspiel auch auf Ausländerhatz geht, der pensionierte Beamte, der beim Einsteigen in einen Bus einer mit Einkaufstüten bepackten türkischen Frau in die Seite knufft, das alles ließ sich schlecht in ein Bild setzen. Der Skinhead jedoch bot aus dieser Schwierigkeit einen Ausweg. Sein Abbild schien für all das zu stehen, was dargestellt werden sollte: Gewalttätigkeit, Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalität[1]. Daher wurden gerade diese Aspekte der Skinheads besonders überbetont[2]. Das öffentliche Bild der Skinheads schrumpfte auf das Image von brutalen rechten Schlägern zusammen[3], der Begriff "Skinhead" wurde folgerichtig von den Medien als der "neue Name für Haß" vermarktet[4].

An dieser Stigmatisierung beteiligten sich aber nicht nur Massenmedien, die an einer sensationsträchtigen Berichterstattung zum Zwecke der Auflagesteigerung interessiert waren, sondern auch in weiten Bereichen der Printerzeugnisse fand die Gleichsetzung eines Skinheads mit einem rechtsradikalen Gewalttäter Verwendung (zum Beispiel in den Publikationen der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und der Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg[5], der Zeitung für Hamburger Lehrerinnen und Lehrer[6], der Zeitung für Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistende[7], der Zeitung für politische Erziehung, Sozial- und Gemeinschaftskunde[8]).

Diese Stigmatisierung führte dazu, daß der Begriff "Skinhead" pauschal auch dann Verwendung fand, wenn keiner dieser Jugendlichen anwesend war[9]. Als ein Beispiel mag die Einordnung von Lars Christiansen, einem der Täter des Brandanschlages von Mölln 1992, als Skinhead dienen[10]. Das geschah, obwohl keines der veröffentlichten Photos, die aus der Zeit vor der Tat stammten[11], noch Fernsehaufnahmen während der Zeit seiner Verhandlung ihn mit den typischen Skinhead-Stilelementen Glatze, Bomberjacke und schweren Stiefeln, zeigten.

Gerade der Umgang mit Bildmaterial, das Skinheads zeigte, geschah recht willkürlich. So korrespondierten die Photos in Veröffentlichungen nicht immer unmittelbar mit dem Geschriebenen - zum Beispiel druckte der Spiegel dasselbe Photo von Skinheads in Bierlaune dreimal ab, einmal im Zusammenhang mit dem "Chaos"-Treffen in Hannover 1983 (Skinheads und "Punks" trafen sich, um gemeinsam zu feiern)[12], mit ausländerfeindlichen Ausschreitungen im Umfeld eines Fußballspieles zwischen Deutschland und der Türkei[13] und anläßlich eines Berichtes über ein Fußballfanprojekt, in dem auf ein "Skinheadtreffen in Hannover" verwiesen wurde[14]. Die Textunterschriften zu den Bildern vermittelten, daß die Photos jeweils direkt vor Ort aufgenommen worden seien. Im Stern beispielsweise schien die Bildunterschrift darauf hinzudeuten, daß die Aufnahme "feiernde" Skinheads in Brüssel zeigte[15], während im Buch desselben Autors dasselbe Photo Skinheads in Rotterdam zeigen sollte[16].

Diese Art von Medienberichten führte nicht nur dazu, die Skinheads zu stigmatisieren, sondern sie schien darüber hinaus auch zu belegen, daß es sich bei der Problematik der Ausländerfeindlichkeit um ein "Jugend"-Problem handele[17].

Aber nun konkret zur Darstellung der Skinheads durch die Medien. Exemplarisch seien wie schon im Kapitel Skinheads und Medien I Spiegel und Stern ausgewählt.

Der Spiegel stellte nach wie vor Skinheads durchweg als rechte Jugendliche dar. So wurden Skinheads in einem Atemzug mit Rechtsradikalen[18], der FAP[19] und den Neonazis[20] genannt. Darüber hinaus verwies der Spiegel auf eine Einschätzung des Verfassungsschutzes, die besagte, daß "Auftritte von Skinheads 'ohne neonazistische Begleitumstände' (...) inzwischen 'seltene Ausnahmeerscheinungen'" seien[21]. Das deute sich bereits durch das Äußere der Skinheads an, die straff organisiert seien, Glatzen und Bomberjacken trügen und manchmal auch Tätowierungen mit NS-Symbolik aufwiesen[22]. Mit der Zeit schien sich eine "stramm organisierte Skinhead- und Neonazi-Szene" zu entwickeln[23], auch wenn es mehr "die Langeweile als deren Fanatismus (sei), die die jungen Rechten zur Gewalt treibt"[24]. Trotzdem waren die Skinheads "ein Stück häßliches Deutschland"[25], die vor allem "notorische Ausländerhasser" seien[26]. Die Skinheads waren eben rechtsextrem[27]. Sicher, nicht jedesmal, wenn in einem Text das Wort "Skinhead" benutzt wurde, wurde explizit auf rechtsradikale Tendenzen verwiesen, aber bei einer so häufigen Koppelung dieser beiden Begriffe war das auch nicht nötig, um den Skinheads das Image einer rechten Schlägertruppe zu geben. Zumal durch ungenaue Formulierungen wie "die rechtsradikalen Skinheads" manchmal kaum zu bestimmen war, auf welche Gruppe sich der Artikel bezog: auf die Gesamtheit der Skinheads, der damit unterstellt wurde, daß sie rechtsradikal war, oder nur einen Teil der Gesamtgruppe, eben jenen wirklich rechtsradikalen Skinheads. Ob aber nun rechtsradikal oder nicht, gefährlich waren sie, denn, so wies ein Artikel hin, es hätten sich Skinheads auch schon mal mit "scharfer Übungsmonition (...) in einem ehemaligen NVA-Lager eingedeckt. Unbehelligt kamen sie auf das Gelände, wo Handgranaten, Panzerfäuste, Sprengstoffstangen und Maschinengewehrmunition lagerten."[28].

Es gab zwar hin und wieder auch kurze Hinweise darauf, daß die Mehrheit der Skinheads lediglich "anpolitisiert" sei und es in der Regel keine Anbindung an das rechte politische Lager gäbe[29], sich ihr Rechtsradikalismus daher im "unreflektierten Skandieren von Parolen und dem provokativen Tragen von NS-Emblemen"[30] erschöpfe, aber solche Einschätzungen wurden sehr selten abgedruckt. Als Höchstleistung eines differenzierten Denkens muß daher die Erkenntnis eines Spiegelautors gelten, der schrieb: "Skinheads sind keine rechte RAF, sie sind nicht aus politischen Gründen zu Gewalttätern geworden, sie sind Gewalttäter, die sich politische Begründungen ausleihen. In den fünfziger Jahren wären Skinheads 'Halbstarke' genannt worden, in den Sechzigern 'Rocker'."[31]

Ebenso gab es nur kurze Hinweise auf andere Skinhead-Gruppierungen wie die "Redskins"[32] und "Oi-Skins", die "eine zumindest stark reservierte Haltung gegenüber Ausländern (hätten), (...) aber rechtsradikale Denkweisen aber kategorisch ab (lehnten)"[33] oder auf "unpolitische Skins - ihnen geht es vor allem um ihre Art von Spaß, Saufen,  Fußball, Musik, Randale."[34] Erst Anfang 1993, brachte der Spiegel einen größeren Bericht über "Redskins", in dem über ihre Rivalität mit rechtsradikalen "Boneheads" berichtet wurde[35]. Dabei ging es dem Berichterstatter aber anscheinend mehr um die Darstellung einer neuen Facette der Gewalttätigkeit, als um eine andere Sicht auf Skinheads, denn auf die seit der Publikation mehr als 5 Jahre existierenden und im Vergleich zu den "Redskins" sehr viel zahlreicheren S.H.A.R.P.-Skinheads wurde mit keinem Wort eingegangen. Diese wenigen Zeilen im Spiegel waren jedoch Ausnahmen in der gängigen Gleichsetzung von Skinheads mit rechten Jugendlichen.

Auch im Stern dominierte klar die Tendenz, Skinheads als rechte Jugendliche zu charakterisieren. Der Stern stellte Skinheads in den Dunstkreis neonazistischer Beeinflussung, daher wurden Skinheads häufig zusammen mit Neonazis[36] und Rechtsradikalen genannt[37]. Noch seltener als im Spiegel wurde versucht, auf differenzierte Sichtweisen zurückzugreifen. Nur einmal wurde kurz darauf verwiesen, daß Skinheads nicht nur als ein Ausbund von rechter Brutalität zu verstehen seien, sondern daß diese Jugendlichen in ihrem Verhalten "normaler, als es viele wahrhaben wollen", seien[38]. Auf andere Skinhead-Gruppierungen wurde nur mit einem einzigen Satz verwiesen, und dieser galt den "Redskins" und ihrer Rivalität mit rechten Skinheads[39].

Auch die Darstellung der Skinheads im Sternbuch unterschied sich nicht von der einseitigen Sichtweise des Magazins. Sie wurden als gewalttätige Randalierer geschildert[40], die hämisch selbst Brandanschläge auf Menschen befürworteten[41]. Ihre Abwechslung im täglichen Einerlei bestünde zum Beispiel darin, vietnamesische Markthändler herumzuschubsen und anzupöbeln, bis diese eingeschüchtert das Weite suchten[42]. Die Skinheads seien Mitglieder von rechtsradikalen Parteien[43] und würfen auch selbst Brandsätze[44]. Typisch für Skinheads sei es, alles zu verprügeln, was ihnen nicht zusage: Ausländer, Linke, Schwule, Prostituierte und Obdachlose. Skinhead zu sein, bedeute Nationalist zu sein[45].

Spiegel und Stern besaßen in der Darstellung dieselbe Tendenz, nämlich die Skinheads nicht mit ihrer "Normalität" darzustellen, sondern sich darauf zu konzentrieren, die Skinheads in ihrer Andersartigkeit und "Abartigkeit" zu zeigen und später auch zu bestätigen.

Da röchen Räume, in denen sich Skinheads treffen, muffig, und Dosen mit Hundefutter ständen neben Dosen mit Bier[46]. Passend dazu war dann auch die häufig getroffene Feststellung, daß Skinheads aus sozialen Randlagen stammten, wo es nur zerrüttete Familien, Arbeitslosigkeit und wenig Bildung gebe[47]. Skinheads selbst seien unsichere, orientierungslose Jugendliche, die sich Skinhead-Gruppen angeschlossen hatten, um darin die Stärke zu finden, über die sie ansonsten nicht verfügten[48]. Skinheads seien daher in der Mehrheit "frustrierte oder sozial gescheiterte Existenzen"[49]. Die Haare wären selbst abrasiert worden, um Geld zu sparen "oder auch der Läuse wegen"[50]. Feige seien Skinheads darüber hinaus auch noch: Bevor sie auf ihre Opfer losgingen, erkundeten sie erst einmal sorgfältig das Kräfteverhältnis, um sicherzugehen, daß sie in der Überzahl seien[51]. Ob all dieser Gewalttätigkeit und Feigheit nahm es dann auch nicht Wunder, daß der Stern wußte, daß drei Viertel der minderjährigen Skinheads vorbestraft seien[52].

Bei der Beschreibung des Fanatismus der Skinheads griffen beide Magazine sogar auf religiöse Metaphern zurück. Ein interviewter Jugendlicher war demzufolge "bekennender Skinhead"[53] und in ihren Fanzines "predigen Skinheads den Rassenhaß"[54].

Leichte Unterschiede bei der Beschreibung der Skinheads bestanden allenfalls in der Klassifikation: Waren Skinheads gemäß dem Sternbuch eher die "Härtesten der Harten"[55], waren sie beim Spiegel eher die "Dümmsten der Dummen"[56], da sie zu über 95 Prozent Hauptschüler seien[57]. Sehr griffig wurde diese Überzeugung auch durch Stuck vertreten: "Skinheads  sind durchweg dumm"[58].

Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, soll darauf hingewiesen werden, daß es nicht abgestritten wird, daß es unter den Skinheads nicht auch feige, brutale und dumme Jugendliche gäbe, aber die Ausschließlichkeit, mit der Skinheads auch entgegen anderslautenden Hinweisen (vergleiche Kapitel: Skinheads als Objekt der Jugendforschung und Kapitel: Skinheads - die harten Fakten) solchermaßen charakterisiert wurden, führte unberechtigterweise zur einseitigen Stigmatisierung der Skinheads, auf die am Anfang dieses Kapitels hingewiesen wurde.

Einige Autoren wiesen bei ihrer Beurteilung der Rolle der Medien in bezug auf die Berichterstattung über rechtsradikale Gewalttaten Anfang der 9oer darauf hin, daß, wie schon zu Zeiten der "Halbstarkenkrawalle", die Medienberichte eine ambivalente Wirkungsweise hatten: Auf der einen Seite aber hätten die Medien zwar die Ausschreitungen verurteilt, auf der anderen Seite aber würde die ausführliche Berichterstattung nun zum Auslöser für neue Krawalle und Übergriffe, da sie bestimmte Teile der Jugendlichen zur Nachahmung inspiriere[59].

Andere Autoren verwandten in ihrer Beurteilung der Medien Argumentationslinien, die dem Konzept des "labeling approach" recht ähnlich waren.

Die Theorie des "labeling approach" ging nicht wie andere Annahmen davon aus, daß deviantes Verhalten eine feste Größe war, das sich an objektiven Normen orientierte, sondern begriff das abweichende Verhalten "als Zuschreibungsprozeß des Attributes der Devianz zu bestimmten Verhaltensweisen im Rahmen von Interaktionen"[60]. Abweichendes Verhalten war also keine unveränderliche, objektiv zu beschreibende Größe, sondern es konnte, was vor nicht allzu langer Zeit als verhaltensunauffällig oder "normal" galt, wenig später als deviantes Verhalten angesehen werden, da die Klassifikation für Devianz durch gesellschaftliche Definitions- und Zuschreibungsprozesse zustande kam[61].

Kaiser und Matthesius wiesen zum Beispiel darauf hin, daß es auch schon vor der Verbreitung des Skinhead-Stils in Deutschland zu Prügeleien im Umfeld von Fußballspielen gekommen war, ohne daß diese von der Gesellschaft verurteilt wurden. Solche Verhaltensweisen hatte es schon immer gegeben, sie waren daher als normal empfunden worden[62]. Nicht die Jugendlichen hätten ihr Verhalten verändert, sondern die Gesellschaft würde auf Schlägereien zunehmend  mißbilligender  reagieren[63].

Neben der Veränderlichkeit von Normen zur Bestimmung von Kriminalität wurde vom "labeling approach" weiterhin darauf hingewiesen, daß im Zuge der Neubestimmung von Devianz bestimmte Charakterzüge bei Personen als abweichendes Verhalten hervorgehoben werden, die damit auch verstärkt wurden. Das Individuum übernimmt im Verlauf dieser Hervorhebung die ihm zugeschriebenen Eigenschaften und fügt sich in die Rolle des "Kriminellen".[64]

Die ungerechtfertigte Zuschreibung von Rechtsradikalität hätte dazu geführt, daß die Skinheads tatsächlich immer rechtsradikaler wurden. Die dann erfolgte Zunahme der rechten Gesinnung wurde von der Außenwelt als Bestätigung der ursprünglichen Zuschreibung gewertet - ganz im Sinne des kommunikationstheoretischen Ansatzes der "self-fulfilling prophecy"[65].

Die Autoren benannten jedoch nicht, auf welcher Ebene diese Zunahme der Rechtsradikalität stattfand: auf der persönlichen, das heißt, die Jugendlichen übernahmen während ihrer Skinhead-Zeit immer mehr an rechter Ideologie, oder auf der Gruppenebene, das heißt das neue rechte Image bewog einige Jugendliche, aus der Gruppe auszusteigen, worauf ihr Platz von Jugendlichen eingenommen wurde, die von vornherein stärker rechtem Gedankengut anhingen und damit eine Rechtsentwicklung der Gruppe bewirkten, oder ob eine Kombination von beiden Prozessen stattfand.

Auf die Art und Weise der Berichterstattung privater und öffentlich-rechtlicher Fernsehanstalten ging Hohmann ein. Wie von Medien, die auf das Interesse der Käufer beziehungsweise der Fernsehzuschauer angewiesen waren, nicht anders zu erwarten war, reagierten sie prompt auf die gewalttätigen Ausschreitungen in den Herbstmonaten der Jahre 1991 und 1992. Es kam zu einer    Zunahme der medialen Präsenz der Täter (-meistens dargestellt in der Form von Skinheads) und Hintermänner der organisierten Rechten. In der Folgezeit nach den jeweiligen Ausschreitungen kam es zu einer Flut von Reportagen, Talk-Shows und Informationen zur rechtsradikalen Szene, kaum ein Talkmaster, der nicht einmal einen Rechten in seiner Show hatte, sei es Biolek (ARD), Böhme (SAT 1), Meyer (SAT 1) oder Gottschalk (RTL).[66]

Die Berichterstattung wies wiederum ambivalente Tendenzen auf. Einerseits wurden die dargestellten Ereignisse verurteilt, andererseits wurde durch die detaillierte Schilderung der Taten nicht nur ein Anreiz zur Nachahmung geschaffen, sondern darüber hinaus wurde bei einigen Jugendlichen ein Interesse für Artikel geweckt, die in den Berichten vorgestellt wurden: Fanzines, Rechtsrock-Erzeugnisse, rechte Videospiele sowie andere Accessoirs der rechten Szene, die teilweise mit Bezugsadresse zusammen ausgestrahlt wurden[67]. Somit sorgten auch die Massenmedien für die Konstituierung eines rechten Jugendstils, der ohne die mediale Vermittlung keinen Markt für sich gefunden hätte[68], denn immerhin muß man als Jugendlicher wissen, daß ein "richtiger" Skinhead ein "Böhse-Onkelz"-T-Shirt trägt und wo man es bekommt.

Darüber hinaus wiesen die Berichte auch eine Tendenz dahingehend auf, daß einer individuellen Marginalisierung mit Hilfe eines rechten Weltbildes von Seiten der Täter entgegengetreten wurde. Es wurde damit das Fehlen einer Handlungsalternative suggeriert, und Rassismus bekam den Nimbus von Zwangsläufigkeit.[69]

Auch die Fernsehanstalten verliehen den rechten Jugendlichen den tragische Hauch einer "gegen ihre Väter und Mütter und die Gesellschaft aufbegehrenden, verlorenen Generation"[70].

Eine Mischung aus dem Image der "verlorenen Generation" und der dumpfen, rechten Schläger war die Art der Verwendung von Skinheads in verschiedenen Fernsehspielen. Sie übernahmen darin das gängige "Indianer"-Image in vielen Western, wurden als undurchschaubare Masse quirlender Körper dargestellt, meistens im Angriff begriffen, brutal und wenn überhaupt fähig, sich auszudrücken, dann nur in guttural gemurmelten, kurzen Sätzen (zum Beispiel "Voll auf Hass", Tatort, ARD, 8. November 1987, "Dann eben mit Gewalt", ZDF, Oktober/ November 1993, "Kahlschlag", ARD, 17. November 1993, "Kameraden", Tatort, ARD, 22. November 1993, "Zivilcourage", Wolffs Revier, SAT 1, "Thanner's neuer Job", Polizeiruf 11o, N3, 3. Oktober 1994, Doppelter Einsatz, RTL, 4. Oktober 1994).

Sofern überhaupt eine persönliche Charakterisierung der Skinheads stattfand, wurde die Übernahme des Skinhead-Stils als tragisches Ergebnis von Defiziten begriffen. Daher wurden sie als unsichere Jugendliche porträtiert, entweder zerrissen zwischen einer links-alternativen Mutter und einem allein an seinem Beruf interessierten Vater ("Kahlschlag", ARD, 17. November 1993) oder empört über die spießigen Eltern, die zwar ihre Vorurteile in der Stammtischrunde verbreiteten, aber nicht den "Mut" aufbrachten, diese auszuleben. Dies tat dann der Junge stellvertretend für sie ("Die Bombe tickt", ARD, 12. und 14. Januar 1994).

Der medialen Vermittlung zufolge konnten sich Skinheads aus ihrer Szene nur durch das Entsetzen über die Folgen der eigenen Gewalttaten ("Dann eben mit Gewalt", ZDF, Oktober/ November 1993; "Kahlschlag", ARD, 17. November 1993), eine Zuneigung zu einem links-alternativen Mädchen ("Kahlschlag", ARD, 17. November 1993) oder den eigenen Tod ("Die Bombe tickt", ARD, 12. und 14. Januar 1994) lösen.

Allen Skinhead-Darstellungen war eigen, daß sie auf engste Verwicklungen der Skinhead-Jugendlichen mit rechten Organisationen hinwiesen. Diese Verbundenheit ging bis zur Bildung rechter Terrorzellen ("Die Bombe tickt", ARD, 12. und 14. Januar 1994).

Die Magazinbeiträge drehten sich meistens um die Rechtsradikalität der Skinheads (zum Beispiel "Ostglatzen in Anatolien", N3 aktuell, 4. Mai 1993; "Die Opferqualität im Skinhead-Image-Männlichkeitstyp, Kriegsbilder und Gewalt", Prime Time, RTL, 9. Mai 1993; "Thema: Rechts", Moskito, ARD, 14. November 1993).

Eine löbliche Ausnahme war die "Dokumentation: Scharfe Glatzen" des "KANAL 4" (RTL, 1o. April 1994). In dieser Sendung wurde endlich einmal auf die ganze Diversität des Skinhead-Stils eingegangen - einschließlich einer ausführlichen Darstellung von S.H.A.R.P.-Skinheads und "Ska"-Musik.

 

 

Fazit

 

Mit der fast ausschließlichen Darstellung der Skinheads als rechte Brutalo-Schläger beeinflußten die Medien nicht nur den Charakter der Skinhead-Gruppen und ließen diese, wenn auch unbeabsichtigterweise, sich dem medialen rechtsradikalen Image annähern, sondern riefen via medialer Vermittlung den Skinhead-Stil erst wieder in die Erinnerung einer breiteren Öffentlichkeit zurück und leiteten danach, wiederum weitgehend unbeabsichtigt, die Popularisierung und Verbreitung dieses Stils ein.

 


 

[1]               Vgl. Ackermann, S. 4o, Seidel-Pielen, S. 372

[2]               Vgl. Kaiser, S. 129

[3]               Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 3, S. 193, Morshäuser, S. 32, Mücke, S. 4o8

[4]               Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 3, S. 193

[5]               Vgl. Sachse, S. 3

[6]               Vgl. Hamburg macht Schule, Titelseite

[7]               Vgl. WUB, S. 13

[8]               Vgl. Wochenschau- 1, S. 166

[9]               Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 73

[10]            Vgl. Metzner, S. 81, Spiegel, 5o/92- 2, S. 35

[11]            Vgl. zum Beispiel Spiegel, 5o/92- 2, S. 35

[12]            Vgl. Spiegel, 28/ 83, S. 65

[13]            Vgl. Spiegel, 44/ 83, S. 111

[14]            Vgl. Spiegel, 7/ 86, S. 184

[15]            Vgl. Stern, 3/86, S. 5o

[16]            Vgl. Kromschröder, S. 87

[17]            Vgl. Rathgeber/ Wahl, S. 5

[18]            Vgl. Spiegel, 26/ 86, S. 88

[19]            Vgl. Spiegel, 49/ 88, S. 49

[20]            Vgl. Spiegel, 16/ 91, S. 112, Spiegel, 42/ 91, S. 38, Spiegel, 4o/ 92, S. 81

[21]            Spiegel, 42/ 91- 2, S. 37

[22]            Vgl. Spiegel, 5o/ 92- 1, S. 25

[23]            Spiegel, 5o/ 92- 1, S. 3o

[24]            Spiegel, 5o/ 92- 2, S. 37

[25]            Spiegel, 8/ 93, S. 54

[26]            Spiegel, 24/ 93, S. 21

[27]            Vgl. Spiegel, 24/ 93, S. 19

[28]            Spiegel, 46/ 9o- 2, S. 5o

[29]            Spiegel, 41/ 9o, S. 114, Spiegel, 46/ 9o, S. 45

[30]            Spiegel, 46/ 9o, S. 45

[31]            Spiegel, 5o/ 92- 2, S. 36

[32]            Vgl. Spiegel, 46/ 9o, S. S. 61

[33]            Spiegel, 5o/ 92, S. 31

[34]            Spiegel, 24/ 93, S. 23

[35]            Vgl. Spiegel, 3/ 93, S. 7off

[36]            Vgl. Stern, 52/ 89, S. 27, Stern, 42/ 9o, S. 214, Stern, 47/ 9o, S. 3o, Stern, 39/ 92, S. 228, Stern, 39/ 92, S. 228, Stern, 12/ 93, S. 2o

[37]            Vgl. (Stern, 2o/ 91, S. 2oo, Stern, 39/ 92, S. 228, Stern, 39/ 92, S. 288, Stern, 48/ 92, S. 316, Stern, 52/ 93, S. 11o

[38]            Stern, 24/ 9o, S. 88

[39]            Vgl. Stern, 46/ 9o, S. 27o

[40]            Vgl. Wüllenweber, S. 21

[41]            Vgl. Schmitz, S. 47

[42]            Vgl. Tausch, S. 54

[43]            Vgl. Metzner, S. 81

[44]            Vgl. Hermann/ Hundseder, S. 97

[45]            Vgl. Elendt, S. 294

[46]            Vgl. Karthee, S. 11o

[47]            Vgl. Spiegel, 26/ 86, S. 88, Spiegel, 46/ 9o, S. 41, Spiegel, 42/ 91- 2, S. 38, Spiegel, 2/ 93, S. 36

[48]            Vgl. Spiegel, 46/ 9o, S. 41, Spiegel, 42/ 91- 2, S. 114

[49]            Wüllenweber, S. 145

[50]            Spiegel, 26/ 86, S. 88

[51]            Vgl. Spiegel, 46/ 9o- 1, S. 43, Spiegel, 46/ 9o- 2, S. 51

[52]            Vgl. Stern, 47/ 9o, S. 142

[53]            Stern, 37/ 92, S. 21

[54]            Spiegel, 5o/ 92- 1, S. 3o

[55]            Vgl. Schmitz/ Trunk, S. 85, Wüllenweber, S. 26

[56]            Vgl. Spiegel, 42/ 91- 2, S. 38, Spiegel, 24/ 93, S. 2o

[57]            Vgl.Spiegel, 24/ 93, S. 2o

[58]            Vgl. Stuck, S. 136

[59]            Vgl. Assheuer/ Sarkowicz, S. 1o1, Heitmann, zitiert in Senatsverwaltung, S. 2o, Breyvogel- 3, S. 2o, Willems, S. 1o2

[60]            Lamneck, S. 217

[61]            Vgl. Lamneck, S. 218

[62]            Vgl. Matthesius, S. 111

[63]            Vgl. Kaiser, S. 129

[64]            Vgl. Lamneck, S. 219

[65]            Vgl. Baake, S. 87, Breymann, S. 294, Esser/ Dominikowski, S. 15, Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 63, 1o8, 178, 213, Heim/ Hirsch, S. 84, Heinisch, zitiert in Senatsverwaltung S. 34, Hestermann, S. 84, Jugend und Sport e. V.- 1, S. 39, Matthesius, S. 184, 11o, Mücke, S. 41o, Pilz, S. 84, Schneider, T.- 1, S. 77, Stock/ Mühlberg, S. 19, Wochenschau- 2, S. 23

[66]            Vgl. Hohmann, S. 87f

[67]            Vgl. Hohmann, S. 93

[68]            Vgl. Hohmann, S. 89

[69]            Vgl. Gottschalk, S. 1o4, Hohmann, S. 9of

[70]            Hohmann, S. 96