Skinheads und Medien I

 

Die erste Generation der Skinheads war verglichen mit der dritten relativ selten Gegenstand der Medien.

Der Spiegel war eine der ersten Wochenzeitschriften, die schon früh und einigermaßen regelmäßig über Skinheads berichtete. Schon 197o waren die Skinheads zum ersten Mal einen Bericht wert - damals noch als Kuriosität des Auslands - die Skinheads in England. Aber schon zu dieser Zeit wurde  der allgemeine Grundton geprägt, der auch später die Berichte des Spiegel durchzog. Dort war von "Horden von Skinheads" die Rede, von der "Brutalität dieser Glatzköpfe", die Pakistani auflauerten und "in fanatischem Haß" zusammenschlügen[1].

Als dann auch in Westdeutschland Skinheads auftauchten, änderte sich nicht viel an dieser Linie. Auch wenn die Verfassungsschutzberichte keine übermäßige Rechtsradikalität der Skinheads konstatieren mochten (vgl. Kapitel: Die Entwicklung des Rechtsradikalismus unter den Skinheads), focht das den Spiegel nicht an, die Skinheads nahezu ausschließlich in diesem Licht darzustellen. Die Skinheads hatten demzufolge "Wut auf Türken, Bock auf Hitler"[2], und der typische Skinhead wollte nichts anderes "als ein einfacher SA-Mann  sein, der sich auf der Straße prügeln darf"[3]. Mit "NS-Emblemen bestickten Fliegerjacken"[4] stünden die "kahlgeschorenen Jungbrutalos"[5] "unter dem SS-Motto 'Unsere Ehre heißt Treue' (T-Shirt-Beschriftung) treu zusammen"[6]. Dabei rechnete der Spiegel die "rabiaten Skinheads"[7] "einer gesellschaftlichen Randgruppe"[8] zu. Der "Ausländerhaß der Skins ist bekannt" zitierte der Spiegel einen Sozialpädagogen[9] und gehöre daher "zum Standardverhalten der Glatzköpfe"[10]. Die Skinheads gehörten "wie überall in Europa, an den rechten Rand der Jugendszene"[11], die sich durch ein "enormes Gewaltpotential"[12] auszeichneten. Nur einmal wurde von dieser allgemeinen Verurteilung abgewichen und eine differenziertere Sicht wiedergegeben. "Genausowenig, wie sie zu verharmlosen, kann man sie alle als Nazis in  einen Topf werfen. Skins suchen vor allem Action."[13] Dieser eine Satz war der einzige innerhalb von sieben Berichten von 1982 bis 1986, die sich teilweise mit Skinheads beschäftigten, der die Stereotypisierung der Skinheads als rechtsradikale Schläger zumindest ansatzweise aufbrach.

Jedoch schon in dem ersten großen Bericht des Spiegel, der anläßlich der Prozeßeröffnung gegen die am Tod von Ramazan Avzis tatbeteiligten Skinheads auf vier Seiten die Skinheads allgemein in den Mittelpunkt stellte, wurde wieder auf das alte (Feind-)Bild zurückgegriffen. Die Skinheads wurden pauschal als rechtsradikal eingestuft, die laut Überschrift "Häßlich, gewalttätig und brutal" seien[14]. Zwar wurde im Bericht auf die Einschätzung des Verfassungsschutzes hingewiesen, wonach die Gesamtheit der Skinheads ausdrücklich nicht als "rechtsradikal" oder "neonazistisch" einstuft wurden[15], aber die ganze Aufmachung des Berichtes ließ diese Einschätzung als bestenfalls naiv erscheinen.

Ebenfalls entgegen dem Urteil der zugegebenermaßen wenigen Fachleute, wie beispielsweise den Mitarbeitern des Jugend und Sport e. V., aber in Übereinstimmung mit der allgemeinen medialen Darstellung[16] wurden die Skinheads als Angehörige der "Unterschicht"[17] ausgemacht. Demzufolge stammten die Skinheads aus "Zonen der Gesellschaft, wo es an Geld, Geborgenheit und Bildung mangelt"[18]. Sie seien "in aller Regel dort aufgewachsen, wo sich Armut, Arbeitslosigkeit und Ausländer ballen, in Wohnblocks hinterm Güterbahnhof oder Sozialsilos in der Vorstadt"[19].

Ähnlich scherenschnittartig porträtierte auch der Stern die Skinheads. In der ersten Hälfte der 8oer wurde nur selten auf die Skinheads eingegangen, und dann auch nur als nicht erklärter Begriff. So tauchte zum Beispiel das Wort "Skinheads" in der Überschrift eines Artikels über die verschiedenen Jugendszenen in England zwar auf, aber im Text selbst wurde dann nicht weiter auf sie eingegangen[20]. Ähnlich verfuhr der Stern bei einem Bericht über die Aktivitäten von Michael Kühnen. Auch hier tauchte das Wort "Skinhead" im Zusammenhang des Umfeldes von Kühnen auf, aber ohne weiteres Eingehen auf die Skinhead-Gruppen[21]. Die nächste Erwähnung von Skinheads fand kurze Zeit später in einem Bericht mit dem sinnigen Titel "Wir hau'n se alle platt" statt. Es ging in diesem Bericht um diverse Großstadtjugendbanden - die "Streetgangs". Es gab ein halbseitiges Photo mit der Unterschrift, daß es sich bei den hier Abgebildeten um Skinheads aus Frankfurt-Sachsenhausen handele. Wer sie komisch angucke, bezöge Prügel. "Das geht voll ab."[22] Ansonsten wurde in dem Artikel nicht weiter auf Skinheads eingegangen. Eine weitere kurze Erwähnung fand in einem Bericht über Verbindungen militanter Fußballfans zu organisierten Rechten statt. Dabei wurden die Skinheads jedoch eher als "Juniorpartner" in der Allianz der Rechten angesehen, das Hauptaugenmerk lag auf anderen   Fußballfanzusammenschlüssen wie der "Borussen-Front".[23] Diese Nichtbeachtung der Skinheads änderte sich nach 1985.

Zwar wurden schon vorher Gewaltakte der Skinheads bekannt (vgl. Kapitel: Chronik), aber besonders die Tötung von Ramazan Avzi durch Skinheads Ende Dezember 1985 zog ein beachtliches Medienecho nach sich[24]. Fast jede Zeitschrift veröffentlichte in dem Halbjahr danach einen Bericht über die Skinheads, bei denen die Überschriften häufig schon für sich sprachen. Auf den Spiegel-Artikel "Häßlich, gewalttätig und brutal" wurde schon eingegangen. Der Stern veröffentlichte kurz hintereinander zwei Berichte: "Terror der Skins"[25] und "Gewalt ohne Grenzen"[26]. In beiden Berichten wurde das rechtsradikale Image der Skinheads aufgegriffen und verstärkt. In dem ersten Artikel wurde behauptet, daß ihre Sprache "die nackte Gewalt" sei[27] und nachdem das auch vom Spiegel aufgegriffene SS-Motto "Unsere Ehre ist Treue" zitiert worden war, wies der Artikel auf die "schrecklichen Verirrungen"[28] der Skinheads hin, denn sie griffen mit Fäusten, eisenbeschlagenen Stiefeln und Baseballschlägern "in dumpfen Hass alles an, was ihnen fremd und 'unsauber' erscheint"[29], besonders Ausländer. Auch in diesem Artikel wurde auf die Einschätzung des Verfassungsschutzes hingewiesen, die eine Rechtsradikalität  der Skinheads in Abrede stellte[30], und ebenfalls wie im Spiegel-Artikel erschien diese Aussage durch die ganze Aufmachung des Textes als unhaltbar. Im zweiten Stern-Bericht, "Gewalt ohne Grenzen", wurde in großen, teilweise doppelseitigen Photos, die Skinheads in ganz Europa zeigten, versucht, eine "blutige Skinhead-Internationale"[31] aufzudecken. Diese Internationale war ohne Abstriche rechtsextremistisch beziehungsweise neonazistisch ausgerichtet. London wurde da ganz gemäß traditioneller Naziterminologie als "Hauptstadt der Bewegung"[32] ausgemacht. Im allgemeinen jedoch erschöpfte sich die vom Stern entdeckte "Skinhead-Internationale" darin, daß der Autor des Artikels durch ganz Europa gereist war, um vereinzelte Skinhead-Gruppen aufzusuchen.

Andere Zeitungen, die Artikel über Skinheads veröffentlichten, waren zum Beispiel Konkret: "Rassenhass - Skins ohne Head"[33], Cover: "Berliner Skinheads. Hass - Kampf in allen Gassen"[34], Cargo - Zeitschrift für Ethnologie: "Die Glatze - Gedanken aus einem nackten Körperteil"[35]. Allen Artikeln war gemeinsam, daß sie ausschließlich die Aspekte der Gewalt[36], der neonazistischen Ausrichtung[37] und des   übermäßigen Alkoholkonsums[38] der Skinheads thematisierten.

Die Rolle der Medien wurde von einigen Autoren recht kritisch beurteilt, denn mit ihren Berichten über die Skinheads würden die Medien diese nicht nur kommentierend begleiten, sondern mit ihren Kommentaren würden sie auch auf das Selbstbildnis der Jugendlichen einwirken. Die Berichte würden dazu führen, daß die Jugendlichen die ihnen zugeschriebenen Rollen übernähmen[39] und damit einhergehend auch ein Feindbild aufbauten[40]. So wären die Skinheads erst durch die Berichte in den Medien zur Übernahme rechtsextremistischer Positionen bewogen worden, da man ihnen diese Haltung sowieso dauernd unterstellt habe[41]. Dies gelte gerade für die zweite Generation der Skinheads[42].

Zwar erleichtere die Etikettierung der Skinheads als rechtsradikale Gruppe dem oberflächlichen Betrachter die Einordnung dieses Jugendstiles[43], aber trotzdem sei die Wirkungsweise der Medien nicht so zwingend, wie oben beschrieben, so wenigstens die Auffassung von Baake. Er wies darauf hin, daß die Jugendlichen nicht notwendigerweise - quasi willenlos - die Rollen, die ihnen durch die Medien zugeschrieben würden, übernähmen, sondern sich auch gerade den Medien verweigern  würden und bewußt nach Alternativen suchten[44]. Daher könne nicht genau bestimmt werden, inwieweit die Medien die jugendkulturellen Entwürfe und Szenen hervorriefen und formten oder inwieweit diese Medien nur thematisierten, was ohnehin längst existierte[45]. Gewissermaßen ergäbe sich also bei der Beurteilung des Einflusses und der Rolle der Medien in bezug auf die Formung des Skinhead-Stils die alte Frage was zuerst da war, die Henne oder das Ei.

 

 

Fazit

 

Ungeachtet einer letzten Klärung der Frage nach der Beziehung der Medien zu den Jugendkulturen bleibt festzuhalten, daß die Medien den Skinhead-Stil seit Beginn seines Bestehens in Westdeutschland beeinflußt hatten. Nicht nur, daß sie bei der Vermittlung des Stils aus Großbritannien beteiligt waren, sie hatten großen Einfluß auf die weitere Entwicklung der Skinheads. Dabei zeichnete sich die Berichterstattung oft durch Eindimensionalität aus:

•   Es wurde nicht auf die häufige Herkunft der Skinheads aus der Mittelschicht hingewiesen, auf ihre durchaus bürgerlichen Lebensplanungen, sondern der Skinhead-Stil wurde als Ausdrucksweise von vernachlässigten Ghettokindern der Unterschicht porträtiert.

•   Es wurde nicht versucht, die "normalen" Seiten der Skinhead-Jugendlichen darzustellen, sondern nur ihre extremen Handlungen fanden mediale Beachtung.

•   Es wurde nicht auf die Unterschiede innerhalb des Skinhead-Stils hingewiesen, die es auch schon 1985/ 86 gab, sondern die Skinheads wurden als homogene rechtsradikale Gruppe dargestellt.

 

Mit dieser Art von Berichterstattung waren die Medien gerade in den letzten beiden Punkten richtungsweisend für die zweite Generation der Skinheads.


 

[1]               Spiegel, 24/7o, S. 1oo

[2]               Spiegel, 48/82- 1 , S. 64

[3]               Spiegel, 28/83, S. 65

[4]               Spiegel, 41/83, S. 114

[5]               Spiegel, 41/83, S. 114

[6]               Spiegel, 44/83, S. 114

[7]               Spiegel, 23/84, S. 68

[8]               Spiegel, 1/86, S. 64

[9]               Spiegel, 7/86, S. 184

[10]            Spiegel, 26/86, S. 86

[11]            Spiegel, 26/86, S. 87

[12]            Spiegel, 26/86, S. 87

[13]            Spiegel, 7/86, S. 184

[14]            Spiegel, 26/86, S. 86

[15]            Vgl. Spiegel, 26/86, S. 88f

[16]            Vgl. Esser/ Dominikowski, S. 9

[17]            Vgl. Spiegel, 26/86, S. 88

[18]            Spiegel, 26/86, S. 88

[19]            Spiegel, 26/86, S. 88

[20]            Vgl. Stern, 1o/84, S. 4off

[21]            Vgl. Stern, 29/ 84, S. 52ff

[22]            Stern, 3o/ 84, S. 58

[23]            Vgl. Stern, 25/ 85, S. 1off

[24]            Vgl. Jugend und Sport e. V.- 1, S. 1, Maegerle, S. 23, Schubarth/ Schmidt , S. 87 Welp , S. 1o, Wirth- 3, S. 189

[25]            Stern, 3/ 86, S. 46ff

[26]            Stern, 25/ 86, S. 26ff

[27]            Stern, 3/ 86, S. 46

[28]            Stern, 3/ 86, S. 48

[29]            Stern, 3/ 86, S. 46

[30]            Vgl. Stern, 3/ 86, S. 48

[31]            Stern, 25/ 86, S. 27

[32]            Stern, 25/ 86, S. 4o

[33]            Konkret, 2/ 86

[34]            Cover, 1o/ 86

[35]            Cargo, 7/ 85

[36]            Vgl. Baake, S. 99, Matthesius, S. 1o9, Welp, S. 1o, Wirth- 3, S. 189

[37]            Vgl. Matthesius, S. 188, Welp, S. 1o

[38]            Vgl. Matthesius, S. 176

[39]            Vgl. Baake, S. 2o4, Breymann, S. 294, Esser/ Dominikowski, S. 15 Farin/ Seidel-Pielen- 1, S. 148, Matthesius, S. 1o8, Rusinek, S. 98, Seidel-Pielen, S. 355, Willems, S. 1o2

[40]            Vgl. Baake, S. 98

[41]            Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 63, Matthesius, S. 184, Mücke, S. 41o, Schneider, T.- 1, S. 77, 85, Wochenschau- 2, S. 23,

[42]            Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 1o8, 213, Jugend und Sport e. V.- 1, S. 39, Matthesius, S. 11o, 178

[43]            Vgl. Matthesius, S. 177

[44]            Vgl. Baake, S. 99

[45]            Vgl. Baake, S. 98