Jugendprojekte mit Skinheads
Dieses Kapitel trägt die Überschrift "Jugendprojekte "mit" und nicht "für" Skinheads, weil es keine Überlegungen gab, wie speziell mit Skinheads umzugehen sei. Selbst Autoren, die in ihren Artikeln Skinheads als deutlich identifizierbare, eigenständige Gruppe behandelt hatten, machten sie bei Vorschlägen, wie gegen rechtsextremistische oder gewalttätige Orientierungsmuster von Jugendlichen vorzugehen sei, keine Unterschiede mehr zwischen Rechtsradikalen sowie Neonazis einerseits und Skinheads andererseits[1]. Letztlich behandelten auch diese Autoren durch die Nivellierung sämtlicher Spielarten der gewalttätigen und/ oder rechtsradikalen Jugendgruppen sowie durch die mannigfaltigen Vermischungen beider Positionen die Skinheads als eine große, homogene Gruppe, die mit denselben Methoden zu beeinflussen sei.
Im folgenden sollen die verschiedenen Vorschläge, die von den Autoren gemacht wurden, wie gewalttätigen und/ oder rechtsradikalen Jugendlichen zu begegnen und sie zu beeinflussen seien, vorgestellt werden. Um die ganze Bandbreite der Forderungen, Absichtserklärungen und Zielvorstellungen mit ihren teilweise ungenauen, schwammigen Formulierungen und Widersprüchen zu verdeutlichen, wurden die Ratschläge teilweise in der Phraseologie der Autoren belassen. Dabei soll bei der Aufzählung so vorgegangen werden, daß von abstrakten zu konkreten Überlegungen übergegangen wird.
Im politisch-gesellschaftlichen Bereich wurde gefordert:
• ein Klimawechsel, der unter anderem zu erreichen sei durch Großdemonstrationen, Lichterketten oder Rockkonzerte gegen Rechts und medienwirksame Kampagnen wie die des Deutschen Fußballbundes "Mein Freund ist ein Ausländer"[2] oder die Kampagne der gelben Hand: "Mach meinen Kumpel nicht an!"[3],
• die Vernetzung von Kompetenz der verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche - der Schule, Jugendhilfe, gesellschaftlichen Organisationen, Parteien, Verbände Verwaltungen und anderer mehr - zur Entwicklung effizienter, auch präventiver Gegenstrategien[4],
• eine Zurückhaltung bei der Etikettierung "Faschist" oder "Nazi", denn in der Regel habe man es zwar häufig mit Jugendlichen zu tun, die in graduell unterschiedlicher Weise rechtes Gedankengut vertreten, die aber in aller Regel keine Nazis seien[5],
• eine Schaffung von Chancen für Jugendliche, um für sie Zukunftsperspektiven erlebbar zu machen, anstatt zu kritisieren und Bedrohungsängste zu steigern[6],
• eine Verbesserung der Lebensverhältnisse und Lebensperspektiven bei Jugendlichen aus Problemgruppen, durch gezielte Bildungs- und Berufsförderung, Schaffung von Arbeitsplätzen und Wohnraum[7],
• eine gezielte Intensivierung und Konzentrierung formeller Sozialkontrolle[8],
• eine Verschärfung des Strafrechtes, eine schnellere Aburteilung von Tätern, ein Ausbau des Polizeiapparates[9].
Dem widersprachen andere. Dieser Weg einer sicherheitspolitischen und strafrechtlichen Verschärfung sei der falsche, da er Märtyrer schaffe, die die rechtsradikale Szene brauche. Die Szene würde damit enger zusammengeschweißt und letztendlich regelrecht verstärkt. Bei den einzelnen Jugendlichen würde ein Gefängnisaufenthalt eine weitere Radikalisierung bewirken[10]. Gefordert wurden:
• eine vernünftige Einwanderungspolitik[11],
• eine Arbeitsmarkt- und Integrationspolitik, die Konkurrenzverhältnisse entschärft und zugleich die Möglichkeit von Solidaritätserfahrungen über ethnische Grenzen hinweg zum Ziel habe[12],
• eine Verbesserung der politischen Partizipationsmöglichkeiten für Jugendliche[13] - zum Beispiel durch das Senken des Wahlrechtsalters auf 16 Jahre[14],
• die Einrichtung eines Fonds, aus dem Opfer rassistischer Gewalt versorgt würden[15].
Von den Eltern wurde verlangt:
• Sie müßten ihren Erziehungsauftrag wahrnehmen und eine wertorientierte Erziehung leisten, in deren Mittelpunkt die Achtung des Lebens und des Rechtes stehen. Sie müßten vorleben, wie Konflikte ohne Gewalt gelöst werden können. Sie müßten für ihre Kinder Zeit aufbringen, deren Bedürfnissen nach Zuwendung gerecht werden und sich mit ihnen geistig auseinandersetzen[16].
Für den Bereich der Schule wurde angemahnt:
• eine Neubewertung und Weiterentwicklung der Grund-, Haupt- und Berufsschulen. Das betreffe sowohl die Qualifikation und Bezahlung der Lehrer, als auch die schulische Praxis einer multikulturellen und gewaltbewußten Erziehung[17],
• daß die Schule nicht zu einer Wissensfabrik verkommen dürfe, sondern ihren Erziehungsauftrag ernstnehmen müsse[18],
• daß die Pädagogen sich dafür einsetzen müßten, daß ihre Verantwortung gegenüber den Trägern der Jugendarbeit ersetzt würde durch eine Verantwortung gegenüber den Jugendlichen[19],
• daß bei der Berücksichtigung von Problemen mit gewalttätigen beziehungsweise rechtsradikalen Schülern gelte, Gelassenheit zu bewahren und eine nüchterne Bestandsaufnahme vorzunehmen[20],
• daß eine stärkere Beteiligung der Schüler an Vorbereitung und Durchführung des Unterrichts unter Berücksichtigung ihrer Lerninteressen anzustreben sei[21],
• daß gemeinschaftliche Arbeitsformen verstärkt angewandt werden müßten, die Solidarität und Sozialität vermittelten, kommunikationsfördernd wirkten und demokratische Erfahrungen ermöglichten[22],
• daß es eine Medienerziehung geben müsse, die den möglichen destruktiven Einfluß der Medien zu begrenzen und den potentiellen Nutzen zu optimieren suche[23],
• daß im Unterricht Frustrationen und Mißerfolge aller Art vermieden werden müßten[24],
• daß nicht gerechtfertigte Autorität abgebaut werden müßte[25],
• daß das Lehrpersonal gerade auf Jugendliche mit rechtsextremen Orientierungsmustern zu- und eingehen müss, denn gerade diesen Schülern fehle die Zuwendung garantiert[26],
• daß als Lernziel anzustreben sei, die Fähigkeit zur Übernahme der Perspektive eines Anderen, die Emphathie, zu entwickeln[27]. Die Emphathie solle erreicht werden, in dem zum Beispiel rechtsorientierte Gewalttäter mit den Opferfolgen konfrontiert würden[28],
• daß es in der Lehrplangestaltung und im Unterricht mehr an historisch-politischer Bildungs- und Aufklärungsarbeit über den Nationalsozialismus bedürfe[29] (- andere Autoren fanden, daß solcherlei Geschichtsorientierung eine unsinnige Aufklärung sei, notwendig sei vielmehr eine Auseinandersetzung mit dem heutigen Rechtsextremismus, seinen Ursachen, Vorstellungen, Organisations- und Ausdrucksweisen[30]),
• daß auf die regionale Geschichte im Unterricht eingegangen werden müsse[31], wie auch auf die Funktion der Ausländer im Wirtschaftsprozeß Deutschlands[32],
• daß es wichtig sei, Deutschland als Ein- und Auswanderungsland darzustellen[33],
• daß die Bildung von Schülerarbeitskreisen initiiert werden müsse[34],
• Projekttage auszurichten mit zum Beispiel Theaterarbeit, welche Gewaltfreiheit trainieren solle, mit Dichterlesungen von regional bekannten Autoren, Gesprächskreisen mit Asylbewerbern, Sozialarbeitern und ausländischen Betriebspraktikanten, Schweigekreisen mit Kerzen und/ oder Ausstellungen zum Thema "Gewalt"[35]. Denn durch diese Projektarbeit, Rollenspiele und Theaterarbeit usw. verknüpfe sich das Erlernen allgemeiner demokratischer Verfahren und Fairneßregeln mit der unmittelbar schulischen Praxis[36].
Von der Jugend- und Sozialarbeit wurde erwartet:
• eine Umorientierung der Jugendverbände in Richtung auf die Bedürfnisse der Jugendlichen, die in selbstorganisierten Gruppen die Bewältigung von Alltagsproblemen und Identitätssuche anstrebe[37],
• ein engagiertes Herangehen, das sich ohne Berührungsängste politisch bewußter und kenntnisreicher als bisher mit den Jugendlichen auseinandersetze[38],
• eine Einübung sozial-kognitiver Kompetenzen, um Verstehensbereitschaften zu entwickeln und einzusetzen[39],
• eine Eröffnung positiver Dimensionen für die Jugendlichen, die sich im rechtsextremistischen Umfeld bewegten[40],
• die Schaffung differenzierter Angebote, die auf die Defizite im Lebensraum, aber vor allem auf Sehnsüchte und berechtigte Wünsche Jugendlicher einginge[41],
• die Schaffung konkreter Angebote zur Integration in feste Gruppen für die heute 1o bis 14jährigen[42],
• die Bereitstellung von Räumen, die die Jugendlichen frei gestalten und einrichten könnten[43],
• eine besondere Berücksichtigung der Jugendlichen, die von der Emanzipation am meisten entfernt seien[44] (- dieser Meinung wurde auch widersprochen: Es solle keine Fixierung auf Jugendliche der Auffälligkeitsbereiche geben, sondern die Jugendhilfe solle eine Angebotsstruktur entwickeln, die sich an alle Jugendlichen wende[45]),
• eine reichhaltige Palette von Angeboten aus dem Bereich der "Erlebnispädagogik", beispielsweise Wett- und Kampfspiele, in der Regel Fußballspiele, Wochenendfahrten und andere Gruppenaktivitäten[46],
• eine Auflösung der Gruppenstrukturen, in denen sich die gewalttätigen beziehungsweise rechtsradikalen Jugendlichen befänden[47] (- andere sahen darin nicht den richtigen Weg. Nicht die Zerschlagung der Gruppen müsse das pädagogische Ziel sein, sondern eine Akzeptanz der Cliquen mit ihrem Cliquenleben, ihren Aktivitätsmustern, Einstellungen und Verhaltensweisen[48]),
• eine Jugendarbeit, die die Jugendlichen in allen wesentlichen Fragen mitbestimmen ließe[49],
• eine Förderung der Kommunikation und des Austausches über ethnische Grenzen hinweg[50],
• ein Konzept, das dem Konsumterror entgegentrete[51],
• eine Arbeitsweise, die mit den Jugendlichen ein unmittelbares Verhältnis zur Umwelt und Schöpfung neu erstelle und gemeinsam erlebbar mache[52],
• Jugendarbeiter, die neben der intellektuellen Auseinandersetzung auch die Gefühle der Jugendlichen ernst nähmen[53],
• eine Diskussion, die sich mit dem Männlichkeitswahn in unserer Gesellschaft auseinandersetze[54],
• ein soziales Training, das die Fähigkeit zu gewaltfreier Konfliktlösung wecke und fördere[55],
• eine präventive Aufklärung und Bestärkung bereits "überzeugter" Jugendlicher. Diese dürften nicht allein gelassen werden[56],
• eine Diskussion über die Frage nach dem Deutschsein, nach dem Zusammenleben mit Einwanderern und anderen ethnischen Minderheiten sowie dem eigenen männlichen oder weiblichen Selbstverständnis[57]. Dabei solle der Sozial- oder Jugendarbeiter seine eigene Meinung, seinen eigenen Standpunkt offensiv vertreten[58],
• die Organisation von Stadtteilfesten[59],
• die Ausrichtung von Ausländerfesten[60],
• die Initiierung von Wettbewerben wie "Alltag in Nationalsozialismus"[61],
• die Teilnahme an internationalen Jugendaustauschprogrammen[62],
• die Ausarbeitung von und die Teilnahme an alternativen Stadtrundfahrten[63],
• die Ausrichtung von und die Teilnahme an internationalen Jugendcamps[64],
• eine Mithilfe an Gedenkstättenarbeit[65].
Ungeachtet der vielen Forderungen und Ratschläge, oder vielleicht auch gerade deshalb, gab es nur wenige Projekte, die versuchten, wenigstens einen Teil der Vorschläge bei der Arbeit mit Skinheads in die Tat umzusetzen. Aber nicht nur die vielen und sich teilweise widersprechenden Ratschläge schienen einer Umsetzung der theoretischen Überlegungen in die Praxis entgegenzustehen. Es gab darüber hinaus bei der Projektarbeit mit Skinheads ein weitaus strukturelleres Problem.
Einige Autoren nahmen an, daß ein grundlegendes Problem der Arbeit mit Skinheads, gewalttätigen beziehungsweise rechtsradikalen Jugendlichen der unterschiedliche soziale Hintergrund von Betreuern und Betreuten sei. Die Sozial- und Jugendarbeiter entstammten in der Regel der Mittelschicht, die den Idealen der 68er nachhingen und sich daher im Umfeld links-alternativer Szenen aufhielten, während die Jugendlichen aus den benachteiligten Schichten der Gesellschaft stammten.[66] Die Mitarbeiter der Straßensozialarbeit in Hamburg drückten diese Unterschiede pointiert mit den Worten aus: "Während sich beispielsweise die Pädagogenszene an dem Film 'Ghandi' berauschte, von den preiswerten WG-Mahlzeiten Abschied nahm und sich der italienischen Küche zuwandte, waren auf der Prolo-Meile Filmfiguren wie Rambo und die Tiefkühlkost von Aldi oder Penny nebst preiswertem Dosenbier angesagt"[67]. Nicht nur, daß die Lebensweisen sich total unterschieden, sondern die Skinheads mit ihrem rechtsradikalen Gebaren seien darüber hinaus das diametrale Gegenbild zu den Lebensvorstellungen und Hoffnungen der Sozial- und Jugendarbeiter. Sie stellten somit alles dar, was die Pädagogen letztendlich ablehnten[68].
Aber nicht nur solches Unbehagen von Pädagogen, sondern kleinbürgerliche Erschrockenheit, linke Gegenreaktion, polizeiliche Verfolgungen[69] und der Rückzug der politischen Parteien aus den Problemstadtteilen hätten dazu geführt, daß aus dem selbstgewählten Anderssein der Skinheads eine faktische Ausgrenzung wurde. Diese Ausgrenzung gelte gerade für die Jugendarbeit, die einerseits kaum Angebote für Skinheads entwickelt habe, andererseits die Skinheads meistens aus den Jugendzentren und deren Veranstaltungen aussperre[70]. Um diese Barriere zu überwinden, müßten diese Gruppen schon als sehr "störend" von der Gesellschaft empfunden werden - wie zum Beispiel durch übermäßiges gewalttätiges oder rechtsradikales Verhalten auffallen -, um sozialpädagogische Betreuung zu erfahren. Ziel der Betreuung solle es dann sein, diese Gruppen zu entschärfen und aus ihnen eine nicht mehr verhaltensauffällige Gruppe zu machen[71]. Trotz dieses anspruchsvollen Ziels sei die Anzahl, Ausstattung und Absicherung der wenigen Projekte mit Skinheads äußerst bescheiden[72].
Absichtsüberlegungen in den existierenden Projekten fußten auf der Annahme, daß es auch in der brutalsten Hardcore-Gruppe kein unumstößliches Credo auf Gewalt gäbe, daß die Jugendlichen darüber hinaus sehr wohl in der Lage seien, über ihre Verhaltensweisen zu reflektieren und über mehr oder weniger zivilisatorische Kompetenzen verfügten, die es zu wecken und zu fördern gelte[73]. Zwar sei der Ausstieg aus radikalen, potentiell gewalttätigen Gruppen wie den Skinheads extrem schwierig, aber nicht unmöglich, wie Erfahrungen gezeigt hätten[74].
Einige Autoren formulierten die zu erreichenden Ziele der Jugendarbeit konkreter. So solle die Jugendarbeit die Einsicht vermitteln, daß man Skinhead sein dürfe, aber ohne Straftaten[75]. Geretshauser formulierte ein anderes "realistisches Trainingsziel: Aus gewalttätigen Skinheads nicht-gewalttätige CSU-Rechtaußen machen!"[76] Andere Autoren waren schon zufrieden, wenn die Skinheads davon ablassen würden, auf Ausländer loszugehen[77].
Streetwork
Die Methode "Streetwork", auch als "aufsuchende Sozialarbeit" ins Deutsche übersetzt, war ein Versuch, nicht bloß in Jugendzentren zu sitzen und darauf zu warten, daß die Jugendlichen ins Zentrum kommen, sondern als Sozialarbeiter im wahrsten Sinne auf jugendliche Gruppen wie die Skinheads zuzugehen und sie in deren Kneipen, an Straßenecken und in Diskotheken anzusprechen und zu begleiten[78]. Dabei wurde von den Streetworkern in der Anfangsphase ein hohes Maß an Toleranz verlangt, bevor sie eine Umorientierung der politischen Anschauungen der Jugendlichen initiieren konnten. Daher sei es notwendig, daß die Streetworker genaue und umfassende Kenntnisse von den Alltagsbedingungen der Skinheads besäßen, denn ohne sie könnten keine alternativen Freizeit- und Erlebnismöglichkeiten entwickelt werden, die geeignet seien, die Reflexionsfähigkeit der Jugendlichen zu unterstützen und zu stärken. Dazu gehöre auch, sich feinfühlig auf Widersprüche in den Handlungen und Einstellungen der Skinheads einzulassen, um die reflexiven Momente allmählich zu fördern[79] und die demokratische Entwicklung ihrer politischen Kultur einzuleiten[80].
Eines der Streetwork-Projekte, das sich mit Skinheads beschäftigte, war das Fußballfanprojekt "offside" in Hamburg. Bei der Erklärung, warum gerade ein Fußballprojekt sich mit Skinheads beschäftigte, darf nicht vergessen werden, daß die Skinheads der ersten Generation im Umfeld von Fußballspielen aktiv wurden und daher oft noch den Ruf von Fußballrandalierern als von indoktrinierten Rechtsradikalen hatten.
Das Projekt wurde Oktober 1986 ins Leben gerufen, 10 Monate nach dem von Skinheads verübten Totschlag an Ramazan Avzi[81]. Daher war eine der wesentlichen Erwartungen an das Projekt, Ausländerfeindlichkeit und Rassismus, Gewaltbereitschaft und Gewaltausübung der Skinheads zurückzudrängen oder gar zu überwinden[82]. Im Stadtteil Altona wurde den Skinheads ein Raum in einem Haus angeboten, in dem sie sich ungehindert hätten treffen und aufhalten können[83]. Desweiteren wurden Skinheads zu Heim- und Auswärtsspielen des HSV von Streetworkern begleitet. Konzerte und andere Veranstaltungen wurden zusammen besucht[84]. Das Organisieren mittels "attraktiver" Angebote, Konzept der sogenannten "Erlebnispädagogik", wurde durch Individualhilfe ergänzt. Die Individualhilfe umfaßte zum Beispiel die Unterstützung bei der Arbeits- und Wohnungssuche, bei Problemen in Schule und Familie, am Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, bei Sorgen mit dem Partner, den Behörden, der Polizei- oder Justiz[85].
Die Ziele des Projektes waren die Förderung der Toleranz, des Verständnisses und Erkennens von Gemeinsamkeiten mit anderen Jugendgruppen, ohne die Gruppenidentität der Skinheads zu verwischen oder aufzulösen[86]. Dadurch sollten Vorurteile, Feindbilder, Rassismus, Chauvinismus und Ausländerfeindlichkeit abgebaut werden[87]. Die Mitarbeiter des "offside" wollten ferner "kriminelle Karrieren" nicht erst entstehen lassen. Daher versuchten sie Einfluß darauf zu nehmen, daß Jugendliche im Zuge von Gerichtsverfahren nicht zu langen Haftstrafen verurteilt wurden, weil ansonsten die Gefahr bestünde, daß der Einstieg ins gesellschaftliche Abseits beginne[88].
Soweit die theoretischen Ansätze des Projektes "offside". Die intensive praktische Arbeit mit Skinheads gestaltete sich jedoch nur recht kurz, und zwar vom April bis zum Juli 1987[89]. Das lag einerseits daran, daß die Streetworker anfangs äußerste Schwierigkeiten hatten, Kontakt zu den Skinheads zu bekommen. Von den Skinheads, die sie angesprochen hatten, wurden die Streetworker ignoriert, mit Skepsis betrachtet oder offen abgelehnt[90]. Die alleinige Tatsache jedoch, daß die Skinheads von den Streetworkern angesprochen worden waren, ließ bei den Skinheads die Bereitschaft ansteigen, sich doch auf das Projekt einzulassen[91]. Von den längerfristigen Planungen des Projektes wurde aber keines seitens der Skinheads in Anspruch genommen. Nur bei kurzfristigen Angeboten wie Feten und Videoabende ließen sie sich in das Projekt einbinden[92]. Im Sommer 1987 kam es zur Differenzierung der militanten Fußballfans in Skinheads und "Hooligans" einerseits und einem Generationenwechsel bei den Skinheads andererseits. Da die "neuen" Skinheads die Fußballrandale den "Hooligans" überließen, kamen sie seltener ins Fußballstadium und waren daher auch zunehmend seltener Ansprechpartner des auf Fußballfans konzentrierten Projektes "offside"[93]. Ein Erfolg konnte jedoch festgestellt werden: Seit der Gründung des Projektes im Jahre 1986 gingen die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen in Hamburg zurück, was auf die Arbeit des "offside" zurückgeführt wurde[94].
Akzeptierende Jugendarbeit
Die Methode des "Streetwork" wurde von einigen Autoren dahingehend kritisiert, daß die Nutzer von Projektangeboten zu deren Objekten würden, die möglichst geschickt beeinflußt werden sollten. Die Angebote seien daher nicht ehrlich gemeint, sondern letztlich nichts weiter als ein pädagogischer Trick der Manipulation.[95] Ein alternativer Ansatz dazu sei die "akzeptierende Jugendarbeit", wie sie von Krafeld und anderen entwickelt und vertreten wurde[96]. Dieses Konzept nahm für sich in Anspruch, nicht vordergründig missionarisch tätig werden zu wollen, sondern die Betroffenen zu unterstützen[97]. Es basierte auf der Beobachtung, daß gerade in wohnblockgeprägten Neubaustadtteilen - mit ihrer allein auf Funktionalität ausgerichteten Bebauung - Kinder und Jugendliche kaum noch Aufenthaltspunkte besaßen. Diejenigen Jugendlichen, die sich trotzdem hartnäckig in den Betonwüsten aufhielten, waren gerade die als "extrem" eingestuften Rechtsradikalen oder Skinheads[98]. Da für sie die Gruppe den einzigen Halt in dieser Situation bot, wehrten sie sich vehement, wenn Jugendarbeiter - aufgrund politischer Vorgaben - versuchten, ihre Gruppen zu bekämpfen, umzukrempeln, aufzulösen oder einzelne Jugendliche dort herauszubrechen[99]. Daher empfanden die Jugendlichen die nichtendenwollenden Beeinflussungs-, Aufklärungs- und Belehrungsversuche der Jugendarbeiter häufig nur als Versuch, sie "totzureden" und taten häufig das Gegenteil von dem, was die Jugendarbeiter zu erreichen beabsichtigten[100]. Die Jugendlichen bräuchten keine "Besserwisser", sondern Personen, die sie auf ihrer schweren und verwicklungsreichen Suche nach der eigenen Zukunft unterstützend begleiten. Die Jugendarbeit sollte eine Beschäftigung um der Jugendlichen selbst und nicht um der Gesellschaft willen sein[101]. Eine solche Haltung könne verändern, müsse aber nicht. Ob nun eine Veränderung erreicht werde oder nicht, die "akzeptierende Jugendarbeit" mache diese nicht zur Bedingung einer Betreuung[102].
Die wichtigste Grundlage des Konzeptes der "akzeptierenden Jugendarbeit" war das Anbieten von Räumen, die die Jugendlichen ihren eigenen Vorstellungen gemäß nutzen und in denen sie sich ungestört und ungehindert aufhalten konnten[103]. Hinzu kam die Bereitschaft der Jugendarbeiter, den Jugendlichen erst einmal ausgiebig zuzuhören[104]. Diese Bereitschaft brauche aber nur soweit zu gehen, bis die Grenze erreicht sei, "wo etwas vom eigenen inneren Empfinden her nicht mehr ausgehalten wird"[105]. Dann solle die eigene Meinung ruhig vertreten werden, ohne jedoch damit den Anspruch zu verbinden, daß sie irgendjemanden überzeugen müsse[106]. Desweiteren gelte es seitens der Jugendarbeiter zu akzeptieren, daß die Jugendlichen in der Anfangsphase unter sich bleiben wollen und den Jugendarbeitern kaum aktive Handlungsmöglichkeiten zugestehen[107]. Animationen jeglicher Art, wie bei der "Erlebnispädagogik" der "Streetwork" üblich, sollten bei der "akzeptierenden Jugendarbeit" eher nur im Hintergrund angewandt werden[108], denn die Arbeit sollte von den Jugendarbeitern in erster Linie als Beziehungsarbeit verstanden werden[109], die "Gruppenerlebnisse von gemeinschaftlicher Planung, gewaltloser Stärke, konkreter Solidarität, sozialer Nähe, ja Wärme und Geborgenheit" vermitteln solle[110].
Diese Kriterien "akzeptierender Jugendarbeit" wurden in den Jugendprojekten der Autoren angewandt, von denen eines 1988 in Bremen im "Bürger- und Sozialzentrum", welches von rund 2o unterschiedlichen Sozial- und Kultureinrichtungen mitgenutzt wurde, stattfand. Im Gegensatz zu anderen Jugendprojekten hatte dieses keine Schwierigkeiten, mit Skinheads und anderen rechten Jugendgruppen in Kontakt zu treten, was darauf zurückzuführen sei, daß die Jugendlichen spürten, daß sie selbst bei den Jugendarbeitern im Mittelpunkt standen und nicht die von der Gesellschaft erwarteten Veränderungswünsche[111]. Die Jugendlichen mußten sich jedoch bestimmten Regeln unterwerfen. Die wichtigste war jene, daß sie zwei Jugendarbeiter als "Raumwächter" und Betreuer akzeptieren mußten. Ansonsten konnten die Jugendlichen frei über die gebotenen Räumlichkeiten verfügen.[112] Nach einer Weile kamen vermehrt auch Gespräche mit den Jugendlichen zustande, die sie oft als erste Gelegenheiten des ruhigen Zuhörens und des Eingehens auf die eigene Person bezeichneten[113]. Entgegen den theoretischen Überlegungen wurden auch Aktivitäten angeboten, die dem Bereich der "Erlebnispädagogik" entstammten. So gab es eine breite Palette von sportlichen, kulturellen, handwerklich-praktischen und geselligen Aktivitäten. Die Autoren wiesen auf diese Diskrepanz fast entschuldigend mit den Worten hin: "Zwar gibt es solche Aktivitäten auch, aber eben erst: 'inzwischen' und 'auch'."[114]
Mit der Zeit änderte sich das Verhalten der Jugendlichen, wenn sie in den Räumen des Jugendprojekts waren. Die anfänglichen Saufgelage, regelmäßigen Schlägereien, Demolierungen, der scherben-, müll- und dreckübersäte Boden wichen allmählich einem fast schon kleinbürgerlich-spießig anmutendem Ambiente aus Tischchen mit Deckchen und Kerzen, einem "Kellner", der Getränke brachte, abräumte, Abfälle und Dreck sofort entfernte. Über all dem jedoch hing die Reichkriegsflagge. Hakenkreuzfahnen wurden aufgrund der Beschwerde der Betreuer wieder entfernt[115]. Bei solchem Wohlverhalten durften Skinheads sogar ein größeres Konzert durchführen, bei dem über 3oo Anwesende der Oi-Musik lauschten[116]. Darüber hinaus ebbte langsam, über Monate hinweg, das aggressive Verhalten der Jugendlichen ab[117], auch wenn die Jugendarbeiter darauf hinwiesen, daß die Jugendlichen weder ihre hohe Gewaltbereitschaft noch ihre rechten Weltanschauungen abgelegt hatten[118]. Trotzdem sei es den Jugendarbeitern gelungen, hinter die schroffen, herben und abstoßenden Seiten der Jugendlichen zu sehen und deren "sehr liebenswerten Seiten" wahrzunehmen[119]. Die Jugendarbeiter gewannen den Eindruck, daß "die rauhe Schale vielleicht die Kehrseite ausgesprochen sensibler und feinfühliger Jugendlicher ist, die sich anders in ihrer schwierigen Lebenswelt nicht zu schützen wissen."[120]
Weitere Projekte mit Skinheads
Doch auch das Konzept der "akzeptierenden Jugendarbeit" erfuhr Kritik. Helsper nahm Anstoß an der Eigendarstellung dieses Konzeptes, das den Willen zur Veränderung in anderen Jugendprojektkonzepten nicht teilte[121]. Vielmehr wies Helsper darauf hin, daß "kein pädagogisches Handeln denkbar ist, daß nicht auf ein Ziel der Erziehung orientiert ist."[122] Solches trotzdem zu behaupten, wäre ein Paradoxon, denn schon allein aus der Tatsache, daß solche Projekte erst ins Leben gerufen werden, wenn bestimmte Jugendgruppen als "soziales Problem" angesehen würden, zeige, daß eine Veränderung angestrebt werde[123]. Daher seien solche Projekte eben nicht "ziellos", was sich auch in Äußerungen von Heim und Krafeld nachweisen ließe. So schrieben sie: "'Umgekehrt schafft erst die Akzeptanz ihrer Lebenssituationen und ihrer 'Normalitäten' Voraussetzungen dafür, sich zu öffnen für ein Kommunizieren und handelndes Umgehen miteinander."[124] Das Signalisieren einer prinzipiellen Akzeptanz impliziere daher eine "Täuschung", die zu Inkonsistenzen im pädagogischen Handeln führen könne[125].
Solche theoretischen Überlegungen wie auch die Unterschiede zwischen den Konzepten des "Streetwork" und der "akzeptierenden Jugendarbeit verwischten sich jedoch in der Praxis. Wie schon dargestellt, boten zum Beispiel Streetworker Räume für Jugendliche an, während die an der "akzeptierenden Jugendarbeit" orientierten Projekte ihrerseits auf Aktivitäten im Rahmen der "Erlebnispädagogik" zurückgriffen.
Deutlich wurde die Vermischung beider Konzepte beim Projekt, welches Welp ab 199o in Bremen leitete. Von einigen Autoren wurde das Projekt mit Skinheads als "Streetwork" klassifiziert[126], während andere es als "akzeptierende Jugendarbeit" einordneten[127].
Dabei konnte Welp keine Räumlichkeiten bieten und keine Angebote machen, sondern hatte nichts anzubieten als sich selbst[128]. Nach der Phase der Kontaktaufnahme und des Schaffens von Akzeptanz arrangierten Devantie und Welp regelmäßige Treffen mit der ganzen Gruppe[129], um den Skinheads die Möglichkeit zu geben, Erfahrungen und Eindrücke zu äußern und somit ernst genommen zu werden. Dabei verzichteten die Jugendarbeiter am Anfang des Kennenlernens darauf, die Jugendlichen politisch überzeugen zu wollen[130]. Aber auch hier drängten sie auf die Einhaltung bestimmter Regeln. So durften während des Beisammenseins mit Jugendarbeitern keine Sprüche und Parolen gedroschen werden[131]. Zu Diskussionen über Lebensbedingungen und bestehende Widersprüche, die die Skinheads wahrnahmen, kam es nicht allzu oft, da der Großteil der Zeit im "gemeinsamen Abhängen" bestand[132]. Bei gemeinsam durchgeführten Aktivitäten standen solche im Vordergrund, die aus dem eher bürgerlich-spießigen Milieu der Eltern kamen wie die typisch norddeutsche Tradition der "Kohl- und Pinkel-Fahrt", bei der mit Bollerkarre und Bier durch die Landschaft gezogen wird und die mit einem Kohlessen endet[133]. Als Ergebnis der Bemühungen hoffte Welp, daß einige der Jugendlichen von Drogen, Alkohol oder dem Abdriften in Richtung Rechtsradikalismus abgehalten werden[134]. Trotzdem faßte er die Arbeit nicht als politische Strategie gegen den Rechtsradikalismus auf, sondern betonte, daß das eine nichts mit dem anderen zu tun habe[135]. Alles in allem seien die Skinheads "schräg gebürstet, aber liebenswert"[136].
Erfahrungen mit Skinheads machte auch Hartwig. In der offenen Jugendarbeit einer evangelischen Gemeinde an der Peripherie der Stadt Berlin, in Staaken, boten die Jugendarbeiter den Skinheads an, sich in den Räumen der Jugendeinrichtung zu treffen. Danach wurde in vielen Einzelgesprächen eine Vertrauensebene hergestellt. Es kam zu einer Vielzahl von Streitgesprächen, in denen die Jugendarbeiter den Skinheads die Unmenschlichkeit und Widersprüche in deren Anschauungen deutlich machen wollten. Je mehr dabei über die Politik der Nationalsozialisten gestritten wurde, desto mehr Skinheads kamen. Neben dem Miteinanderreden stand der teils gelungene Versuch, die Skinheads in die von Jugendarbeitern organisierten Feten oder Fußballspiele einzubeziehen. Wie auch bei anderen Projekten schon beobachtet, verhielten sich die Skinheads in den Räumen der Jugendeinrichtung meist diszipliniert, obwohl sie außerhalb der Einrichtung weiterhin Gewalt anwandten.
Der Erfolg in der Arbeit mit den Skinheads lag Hartwigs Auffassung nach in der Tatsache, daß sich ihre Anhängerschaft nicht vergrößerte. Erfolge wurden also nicht bei den Skinheads selbst erreicht, sondern nur bei den Jugendlichen, die noch nicht fest zu dieser Gruppe gehört hatten. Diese allerdings seien dann kaum noch anfällig für rechtsextreme Propaganda gewesen.[137]
In der Literatur wurde noch kurz auf weitere Projekte mit Skinheads verwiesen. Eines davon fand im Hamburger Stadtteil Lohbrügge statt, wo der Sozialarbeiter W. Bartsch seit 1989 versuchte, Kinder zwischen 1o und 14 Jahren vor einem "Abdriften in die rechte Szene" abzuhalten[138]. Dank seiner Bemühungen könnten die Jugendlichen immerhin wählen, ob sie zu den Kameradschaftsabenden der Rechten oder zum Jugendzentrum in die Disko gehen wollen. Auch Bartsch bot "Erlebnispädagogik" an: Lagerfeuer, Schwimmbadbesuche oder Kanufahrten. Manchmal sei es ihm gelungen, Jugendliche vom Skinhead zum Antifaschisten zu wenden. Wenn die Jugendlichen jedoch älter wurden, bestehe häufig die Gefahr, daß sie die Aktivitäten des Jugendzentrums als "Kinderkram" abtäten und sich etwas Neues suchten - die Skinheads.[139]
Ein anderes Projekt war das "Präventionsprogramm Kinder- und Jugenddelinquenz" in Hamburg. Polizisten, die Erfahrungen im Bereich der Jugendarbeit hatten, gingen in die Schulen und diskutierten mit Schülern über jugendtypische Straftaten, zum Beispiel Gewaltdelikte.[140]
Seit 199o versuchte der evangelische Sozialdiakon M. Heinisch im Berliner Problembezirk Lichtenberg, ein Haus mit rechten Jugendlichen auszubauen und zu verwalten sowie die Gruppe aus Skinheads, "Hooligans", Neonazis von Gewalt und Fremdenhaß abzubringen. Bei einigen Skinheads, die ihm dabei halfen, konnte beobachtet werden, daß sie zwar immer noch derbe Sprüche von sich gaben, aber sich von rechten Gruppen fernhielten und nicht mehr systematisch Ausländer anfielen.[141]
Unter der Anleitung von M. Wieczorek versuchte das Projekt "Die Wurzel", die Szene der Skinheads im Hochhausviertel Berlin-Marzahn wenigstens auf Gesprächsebene zu halten. Das Ziel sei es, Stück für Stück die Gruppenstruktur der Skinheads aufzubrechen. Auf dem Weg dahin seien allenthalben schon Erfolge zu verzeichnen: "ein Straßenfest mit Skins aus anderen Bezirken verlief im Sommer 'friedlich'".[142]
Auch dem Westberliner Streetworker T. Mücke gelang es, durch die eigenverantwortliche Gestaltung eines Jugendprojektes in Konkurrenz zu den organisierten Rechten zu treten und einige ihrer Sympathisanten an sein Projekt zu binden.[143]
In Magdeburg hatten Skinheads unter Anleitung von Sozialarbeitern einen Jugendklub erneuert, tagelang gemauert und gefliest. Aufgrund solcher positiver Erfahrungen begannen einige Jugendliche, sich aus der Gruppe rechter Skinheads zu lösen.[144] Bei diesem Projekt, einer Bewährungsauflage nach dem Überfall der Skinheads auf die Punk-Kneipe "Elbterrassen" im Mai 1992, war bewußt darauf verzichtet worden, über nationalistische oder ausländerfeindliche Tendenzen zu sprechen, da dieses aufgrund der Gruppensituation nicht möglich war. Schon Zweifel allein erscheine vor sich und den anderen als Verrat[145]. Auf diesen Sachverhalt wurde auch von Wendt verwiesen, denn, so fragt er: "wer freilich läßt sich bereitwillig in Frage stellen, nachdem es schon schwer genug war, sich seiner selbst wieder sicher zu werden?"[146].
In Hoyerswerda erhielt eine Skinhead-Band einen Proberaum in einer Jugendeinrichtung, um dort rechtes Liedgut einzuüben. Das sei "immer noch besser, als wenn sie Leute prügeln", so die Auffassung einer Sozialarbeiterin[147]. Desweiteren war sie der Auffassung: "Die Jungs sind gar nicht so schlimm."[148]
Ebenfalls in Hoyerswerda arbeitete H. Lämmel, Sozialdiakon des evangelisches Kirchenkreises, seit 199o mit Skinheads. In einem ABM-Projekt begannen zehn Skinheads, ein Begegnungszentrum mit Werkstätten aufzubauen[149].
Die Sozialarbeiter in Halle waren der Auffassung, daß das Wichtigste in der Betreuung von Skinheads das Zuhören sei. Es gehe nicht darum, sofort mit dem erhobenen Zeigefinger anzumahnen, wie die Skinheads zu sein hätten.[150]
Eine gewisse Presseaufmerksamkeit erhielt die Arbeit der Dresdener Ausländerbeauftragten und Sozialarbeiterin M. Schieferdecker-Adolph. Als spektakulärste Aktion hatte sie 1993 einer Gruppe von Skinheads eine Reise nach Israel bezahlt[151]. Diese Reise war das Ergebnis von Gesprächen mit Überlebenden des Holocaust, die die Skinheads zuvor geführt hatten. Obwohl die Sozialarbeiterinnen seit 199o vieles "aus dem Bauch heraus" machten, war das Ergebnis eine teilweise Entschärfung von Dresdens berüchtigtster Sauf- und Schlägertruppe.[152] Doch auch hier war ein Übergang der Generationen festzustellen. Die neue Generation, die ab 1992/ 93 in das Jugendzentrum "Espe" kam, waren jüngere Skinheads, die "lieber rechts als sonst nichts seien"[153]. Einige Fachleute hielten jedoch die Annahme für falsch, daß der Kontakt mit Ausländern beziehungsweise Überlebenden des Holocaust oder der Besuch des Auslandes Skinheads und andere rechte Jugendliche automatisch verändern würden. "'Die Annahme, wer die Welt kenne, sei gegen Rassismus gefeit', meint der Jugendforscher Eberhard Seidel-Pielen, 'ist grober Unfug.'"[154]
In Cottbus hatte das Kulturamt zwei ABM-Stellen eingerichtet. Mit der einen wurde einem stadtbekannten Skinhead Beschäftigung gegeben, mit der anderen einem Sympathisanten der linken Szene. Beide Freizeitpädagogen sollten durch das Organisieren von Angeboten eine Brücke zu der jeweils anderen Gruppe schlagen. Dieses Ziel wurde teilweise durch gemeinsames Fußballspielen und andere Freizeitbeschäftigungen erreicht.[155]
Über solche institutionellen Projekte hinaus gab es verschiedene antifaschistische Initiativen, die sich mit rechten Skinheads beschäftigten, um zu versuchen, gemeinsam mit jenen einen Treff für rechte und linke Jugendliche aufzubauen und die Jugendlichen aus ihrer Isolation zu holen, die prägend für ihr rechtes Bewußtsein sei.[156]
Fazit
Selbst bei einer oberflächlichen Betrachtung der theoretischen Überlegungen, wie Jugendliche zu betreuen seien, fällt auf, was auch Vahsen konstatierte, nämlich daß es kein schlüssiges Konzept für die Arbeit mit gewaltorientierten Jugendlichen gab[157]. Zwar gab es in der theoretischen Auseinandersetzung zu diesem Themenkomplex durchaus brillante Analysen, aber bei der Umsetzung der abstrakten Konzepte in konkrete und durchführbare Projektforderungen blieben diese sehr pauschal und allgemein[158]. Nicht einmal über Grundforderungen und einfachste Richtlinien bestand bei den Sozialarbeitern, Streetworkern, Jugendforschern und Psychologen Einigkeit[159]. So konnten Erkenntnisse nur durch direkte Erfahrungen "on the project" gesammelt werden[160], durch einen Prozeß, der als "learning by doing" bezeichnet werden konnte. Da die Bedingungen "vor Ort" sehr unterschiedlich waren, mußten für jedes Viertel, für jede Clique, Bande oder Gruppe andere pädagogische Konzepte entwickelt werden. "Schließlich macht es einen wesentlichen Unterschied, ob die jeweilige Zielgruppe aus Jugendlichen oder Jungerwachsenen besteht, ob sie vom Bildungsstand eher privilegiert sind oder nicht, ob sie 'geil' auf Randale sind oder Hass auf 'Scheinasylanten' haben, ob sie einer neonazistischen Gruppierung angehören oder Skinheads sind (Redskins, S.H.A.R.P.-Skins oder Fascho-Skins?), ob sie Hooligans oder brave Fußballfans sind und schließlich, ob sie männlich oder weiblich sind (usw.)."[161] Diese Art des Vorgehens begrenzte die Verallgemeinerungmöglichkeit der in den einzelnen Projekten gemachten Erfahrungen sehr. Daher bildeten sich kaum noch überschaubare Projektansätze der aufsuchenden, mobilen, akzeptierenden oder "streetworkenden" Sozial- und Jugendarbeit heraus, die ihrerseits wieder unterteilt waren in alltags- oder lebensweltbezogene, raum-, interessen,- erlebnispädagogisch- oder bedürfnisorientierte Konzepte[162].
Daß es in diesem heillosen Durcheinander nicht zu stringenten Planungen für eine Arbeit mit Skinheads kam, lag also weniger an dem fehlenden Wissen über Skinheads, sondern an der grundsätzlichen Zerstrittenheit der unterschiedlichen Konzepte für Jugendarbeit.
[1] Vgl. Baensch, S. 58, Willems, S. 269
[2] Vgl. Spiegel, 2/93, S. 48
[3] Vgl. Baensch, S. 85
[4] Vgl. Baensch, S. 68, 155, Ohder, u. a., S. 71, 86
[5] Vgl. Straßensozialarbeit- 3, S. 94
[6] Vgl. Breymann, S. 297
[7] Vgl. Bredthauer- 1, S. 7, Baensch, S. 133, 151, Jäger , S. 257, Merkel, S. 4o4, Ohder, S. 248, Ohder, u. a., S. 82ff
[8] Vgl. Ohder, S. 249
[9] Vgl. Breymann, S. 297, Merten, S. 141, Perik/ Heil/ Wendt- 1, S. 7, Ohder, S. 249, Spiegel, 42/91- 1, S. 36, Spiegel, 5o/92- 1, S. 32, Willems, S. 261, 271
[10] Vgl. Bredthauer- 1, S. 5, Baensch, S. 143, Breymann, S. 298f, Brück- 2, S. 43, Merkel, S. 4o6, Möller- 2, S. 341, Ohder, u.a., S. 85, Pahnke, S. 25, Spiegel, 5o/92- 1, S. 32, Spiegel, 5o/92- 3, S. 43, Spiegel, 8/93, S. 54
[11] Vgl. Willems, S. 269
[12] Vgl. Willems, S. 269
[13] Vgl. Baensch, S. 154, Merkel, S. 4o4, Ohder, S. 248
[14] Vgl. Baensch, S. 154
[15] Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 3, S. 131
[16] Vgl. Merkel, S. 4o5, Willems, S. 14
[17] Vgl. Willems, S. 272
[18] Vgl. Ohder, u. a., S. 83, Preuschoff/ Preuschoff, S. 61f
[19] Vgl. Baake, S. 251
[20] Vgl. Abgeordnetenhaus, S. 91, Farin/ Seidel-Pielen- 3, S. 193
[21] Vgl. Baensch, S. 71, Ohder, u. a., S. 84, Preuschoff/ Preuschoff, S. 61
[22] Vgl. Abgeordnetenhaus, S. 11, Baensch, S. 71
[23] Vgl. Castner/ Castner, S. 39o
[24] Vgl. Preuschoff/ Preuschoff, S. 61
[25] Vgl. Baensch, S. 71
[26] Vgl. Baensch, S. 68, Preuschoff/ Preuschoff, S. 1o7
[27] Vgl. Geretshauser, S. 376, Willems, S. 273, Wochenschau- 3, S. 1
[28] Vgl. Geretshauser, S. 381
[29] Vgl. Baensch, S. 91, Bock, S. 2o6
[30] Vgl. Korn, S. 18
[31] Vgl. Baensch, S. 99
[32] Vgl. Castner/ Castner, S. 387
[33] Vgl. Castner/ Castner, S. 387
[34] Vgl. Castner/ Castner, S. 39o
[35] Vgl. Castner/ Castner, S. 389
[36] Vgl. Abgeordnetenhaus, S. 11, Ohder, u. a., S. 84, Willems, S. 273
[37] Vgl. Baensch, S. 81
[38] Vgl. Baensch, S. 69, Hartwig, S. 329
[39] Vgl. Willems, S. 273