Skinheads als Objekt der Jugendforschung
Anfang der 9oer war es nicht nur zu einer erhöhten Aufmerksamkeit der Massenmedien in bezug auf das Thema "Skinheads" gekommen, sondern es mehrten sich auch die Veröffentlichungen von Sozialwissenschaftlern, die sich mit Skinheads im allgemeinen beschäftigten. Es schien eine Inflation von Veröffentlichungen über Skinheads zu geben. Einen groben Eindruck über den dramatischen Anstieg der Publikationen soll folgende Grafik vermitteln:
In der Rubrik "Spiegel" und "Stern" beziehen sich die Angaben auf die Anzahl der Artikel, die sich mit Skinheads beschäftigten. Die Rubrik der "Verfassungsschutzbe-richte" zeigt die Anzahl der Seiten, auf denen Skinheads erwähnt wurden. Die Rubriken "Artikel/ Bücher" und "Schulartikel" verweist auf die Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, Büchern oder Publikationen der Schulbehörde oder Lehrergewerkschaften des betreffenden Jahres.
Dabei teilten sich die Arbeiten von Jugendforschern über Skinheads in zwei Bereiche, in einen, der mehr an der theoretisch-analytischen Entwicklung von Jugendlichen und ihren kulturellen Ausdrucksweisen interessiert war, und einen zweiten, der die Entwicklung des Rechtsextremismus unter Jugendlichen in den Mittelpunkt stellte. Gerade dem letzten Aspekt galt die überwiegende Anzahl von Veröffentlichungen, schienen doch die Skinheads der dritten Generation und deren Anwachsen gleichbedeutend mit einem erstarkenden Rechtsradikalismus in der Gesamtgesellschaft zu sein. Natürlich ist die Trennung zwischen Jugendkulturforschung und Rechtsradikalismusforschung nur analytischer Art, denn viele Autoren berücksichtigen in ihren Texten über Skinheads fast immer beide Aspekte.
Exkurs: Die "Halbstarken" der 5oer
Bevor auf die Ergebnisse der Jugendforschung in bezug auf die Skinheads eingegangen wird, ein kurzer Blick auf die "Halbstarken" der 5oer.
Anfang der 5oer Jahre fielen in den Großstädten Gruppen von überwiegend männlichen Jugendlichen auf, die exzentrisch gekleidet waren und allabendlich an bestimmten Straßenecken herumstanden, um zum Beispiel Passanten zu belästigen und in öffentlichen Anlagen zu randalieren[1]. Die sogenannten "Halbstarken" machten von sich reden.
Es soll hier kurz auf dieses Phänomen eingegangen werden, da bei der Einschätzung dieser Jugendlichen Analysen und Schlagworte auftauchen, die auch bei der Beurteilung der Skinheads verwandt werden und daher ob ihrer simplen Wiederholung deprimierend vertraut klingen. Um dieses zu verdeutlichen, wird häufig das direkte Zitat verwendet werden, denn gerade diese Zitate sollten im Hinterkopf mit den bisherigen Meinungen über Skinheads gelesen werden.
Vielerorts kam es in den 5oern "zu Zusammenschlüssen Jugendlicher zu mehr oder weniger festen Gruppen und 'Banden', denen teilweise gravierende Straftaten zur Last gelegt wurden"[2].
Die Aktivitäten der "Halbstarken" umfaßten ein weites Gebiet: Sie belästigten Fußgänger, "stoßen sie vom Gehweg, gegen Häusermauern", "gröhlend, pfeifend und zum Teil mit Lattenstücken bewaffnet, ziehen sie durch die Straßen oder stehen an den Ecken", sie "stürzen Verkehrsschilder, werfen Mülltonnen um und an Baustellen lagernde Steine auf die Straße", "nach Bürgern, die an Fenstern oder auf Balkons stehen, werfen sie mit Steinen oder schießen mit Katapulten"[3]."In den Zügen montieren sie Aschenbecher ab und zerschneiden die Ledergurte an den Fenstern. In den Parks stürzen sie Bänke um, zerstören Anpflanzungen und beschädigen Denkmäler. Sie demolieren Kinderspielplätze, beschädigen Straßenlaternen und öffentliche Fernsprechzellen, schlagen die Glasscheiben von Feuermeldern ein, stürzen Parkuhren um und tragen herausgerissene Verkehrsschilder als Banner vor sich her", "die Zapfsäulen der Tankstellen werden von ihnen umgestürzt, Schrebergärten verwüstet, Bauzäune umgeworfen, Warnlampen von Baustellen zertrümmert, Schaukästen, Automaten und Firmenschilder abgerissen und Schaufensterscheiben zerkratzt oder eingeschlagen." "Sie zertrümmern Türen und Fenster von Mädchenheimen, Gaststätten und auch Polizeirevieren, falls ihnen nicht der erstrebte Einlaß gewährt wird". "Sie verlangen lärmend nach Bier, prosten sich laut zu, werfen Stühle um, reißen die Blüten der Blumentopfstauden ab oder zerschlagen gar die Einrichtungsgegenstände."[4] "Sieht sich die Polizei zum Eingreifen veranlaßt, so stürzen zuweilen andere Halbwüchsige aus einem Versteck auf die schlichtenden Polizeibeamten, gehen gemeinschaftlich gegen diese vor und greifen sie mit Steinen, Flaschen und Latten an"[5]. Allen beteiligten "Halbstarken" gemeinsam war "die Neigung zum Alkohol"[6].
Diese kurze Zusammenstellung der Verhaltensweisen der "Halbstarken" erinnert in vielem an den unpolitischen Teil der Randale der Skinheads Jahrzehnte später.
Die "Halbstarken" machten auch schon Jagd auf Homosexuelle und verletzten diese bei Schlägereien zum Teil schwer[7], indem sie diese, wie auch andere Opfer, mit Fausthieben und Fußtritten bearbeiteten[8].
Schon bei den "Halbstarken" spielte Musik eine Rolle beim Entstehen von Krawallen. Im Umfeld Rock'n'Roll- Konzerten, kam es vermehrt zu Ausschreitungen[9], wobei die Randalierer "durch ihre Musik (...) stimuliert" worden waren[10].
Es waren aber nicht nur lokal eng begrenzte Akte der Randale, sondern auch Großkrawalle mit einer erheblichen Anzahl von randalierenden Jugendlichen.
In Hannover kam es am Himmelfahrtstag 1953 zu Ausschreitungen von rund 1o.ooo Jugendlichen[11]. Zwischen 1955 und 1959 ereigneten sich dann in ganz Westdeutschland Krawalle, an denen nicht selten mehrere tausend Jugendliche beteiligt waren[12]. Es entwickelten sich regelmäßig Straßenschlachten zwischen Jugendlichen und der Polizei, die neben ihren Knüppeln auch Wasserwerfer einsetzte[13]. Auch schon damals zogen die Krawalle Schaulustige in Massen von einigen tausend Menschen an[14]. Ob bei diesen Gelegenheiten die herumstehenden Passanten Beifall für die randalierenden Jugendlichen geklatscht hatten, wie 1992 in Rostock, wurde von den Autoren nicht erwähnt.
Der Sommer 1956 brachte eine Häufung von Krawallen. Zwischen April und Oktober war es allein in Westberlin zu 46 Ausschreitungen gekommen, die Teilnehmerzahlen von 1o bis 4.ooo Jugendlichen aufwiesen[15]. In Braunschweig beteiligten sich an den Krawallen vom 23. und 24. August über 1.ooo Jugendliche[16]. Insgesamt fanden im Zeitraum von 1956 bis 1958 93 Großkrawalle statt, an denen mehr als 5o Jugendliche teilnahmen[17]. Im Laufe der Zeit verlagerten sich die Krawalle. Sie fanden nicht mehr nur in Großstädten statt, sondern vermehrt auch in ländlichen Bezirken[18].
Die staatlichen Institutionen reagierten zunehmend mit Härte. Es wurden mehrere Male Warnschüsse von den Polizeikräften abgegeben, in München wurden zwei Jugendliche von einer Polizeistreife erschossen. Es kam zu Massenfestnahmen und Aburteilungen vor Schnellgerichten[19]. Die Anklagepunkte reichten von ruhestörendem Lärm, Beleidigung und Bedrohung über Sachbeschädigung und Transportgefährdung bis hin zu Haus- und Landfriedensbruch, schwerer und gefährlicher Körperverletzung, Widerstand, Gefangenenbefreiung und Verstoß gegen das Waffengesetz[20]. Schon seinerzeit kamen Politiker zu der Empfehlung, gegen die Jugendlichen den jeweils schärfsten Strafantrag zu stellen[21]. Der Umgang mit "problematischen" Jugendlichen sollte schnell in den polizeilich-kriminologischen Bereich abgeschoben werden.
Die Ausschreitungen ergaben sich spontan und situationsbezogen[22]. Damit bewegten sich die Gruppen der "Halbstarken" "im Spannungsfeld zwischen locker organisierter Freizeitbeschäftigung und bandenmäßiger Kriminalität, zwischen spontaner Gruppenbildung und Organisation, zwischen politischer Opposition und kulturindustrieller Ausbeutung"[23].
Den Krawallen der "Halbstarken" lag "kein theoretisch entwickeltes oder irgendwie argumentativ begründetes Modell von Gesellschaftskritik und gesellschaftlicher Veränderung zugrunde. Vielmehr wurde ein diffus empfundenes Unbehagen erst durch die Art der Krawalle und der gewählten Zielscheibe der Provokation tätlich bestimmt. Ihre Form von Politik war eine Politik des Alltags, es waren ausdrucksstarke Symbolhandlungen"[24]. Wieviel rechte Skinheads könnten über ein paar Schlagworte hinaus ein theoretisch entwickeltes gesellschaftskritisches Modell argumentativ verfechten?
Die jugendlichen "Halbstarken" ließen sich damals kaum integrieren, weder vom Jugendschutz und auch nicht vom Jugendverband[25].
Einige Autoren sahen in den "Halbstarken" eine Subkultur, "die ihre Ursprünge in den traditionellen Gesellungsformen, den 'street-corner-societies' der Arbeiterjugend hatte"[26].
Zeitgenossen der "Halbstarken" vermuteten schnell hinter den Ausschreitungen feste Strukturen beziehungsweise Planungen von dunklen Mächten. Gemäß der Stimmung des kalten Krieges in den 5oern wurde diese Machtzentrale im Osten lokalisiert[27]. Hinter den Aktionen der Skinheads wurden rechtsradikale Kader vermutet.
Auch auf die Rolle der Medien wurde bei den "Halbstarkenkrawallen" kritisch eingegangen. Auf der einen Seite würden die Medien die Ausschreitungen verurteilen, aber auf der anderen Seite trügen gerade die Medien mit ihrer Berichterstattung dazu bei, Jugendliche auf diese Form der Aktivitäten aufmerksam zu machen und Nachahmungen zu provozieren[28].
Die empirischen Untersuchungen über "Halbstarke" ergaben folgendes: 96 Prozent der "Halbstarken" waren männlichen Geschlechtes[29], die Altersgruppe der Sechzehn- bis Siebzehnjährigen stellte mit 37 Prozent[30] bis hin zu 5o Prozent[31] den größten Anteil unter den Randalierern. Der Anteil der "Halbstarken" an der Gesamtgröße der Jugendlichen betrug je nach Autor zwischen ein bis fünf Prozent[32] oder fünf bis zehn Prozent[33]. Wie auch später bei den Skinheads klafften die Ergebnisse empirischer Untersuchungen ziemlich auseinander (vergleiche Kapitel: Skinheads - die harten Fakten).
Einige Autoren wiesen auf "relativ hohe biographische Belastungen in der Kindheit, relativ geringe Ausbildung und die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse"[34] der "Halbstarken" hin, wenngleich der Anteil der Mittelschichtjugendlichen im Laufe der Zeit auf nahezu 2o Prozent anwuchs[35].
Als Gründe für die Krawalle wurden unter anderem Störungen in der Familie, Defizite in der Lebenswelt der Jugendlichen und im Bereich der Freizeitgestaltung, Mangel an pädagogisch geschultem Personal, sogar grundsätzlich ein moralischer Verfall der Sitten, aber auch nur Langeweile angenommen[36].
Unterschiedlich wie die Annahme der Gründe für die Krawalle waren auch die Reaktionen der Öffentlichkeit auf die "Halbstarken". Einige, besonders konservative Politiker, verlangten harte Bestrafungen und riefen nach stärkerer Polizeipräsenz, andere hingegen forderten Verständnis, pädagogische Betreuung der Jugendlichen und mehr Sozialarbeiter[37].
Ohder und Schröder wiesen explizit auf die Parallelen bei der Darstellung der "Halbstarken" und Skinheads in der Literatur hin[38]. Die Skinheads wären demzufolge ähnlich wie die "Halbstarken" ein temporär begrenztes Phänomen[39].
Einige Autoren verwiesen auf die topos-ähnlichen Annahmen, daß die Gewalt unter Jugendlichen zunähme[40], denn diese Befürchtungen würden von jeder Erwachsenengeneration geäußert[41]. Immerhin habe es schon vor 1oo Jahren randalierende Jugendliche gegeben, die zum Beispiel mit Hämmern aufeinander eingedroschen hätten[42]. Ob die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen seitdem tatsächlich zugenommen habe, sei nicht eindeutig festzustellen[43]. Im Gegenteil, einige Wissenschaftler gingen nicht nur davon aus, daß der überwiegende Teil der Jugend in die Gesamtgesellschaft integriert sei und ihren Pflichten nachkomme[44], sondern stellten ausdrücklich fest, daß die Jugend Anfang der 9oer die friedfertigste in diesem Jahrhundert sei[45]. Sie weise größere Toleranz und geringere Fremdenfeindlichkeit auf als die Erwachsenen[46].
Eine ganz andere Meinung vertrat eine Autorengruppe, die historische Vergleiche ablehnte. Ihrer Meinung nach verstellten solche Beschreibungen den Blick auf die Einmaligkeit von Jugendkulturen und deren Einfluß auf die Gesamtgesellschaft. Trotz der von ihnen festgestellten "Friedfertigkeit" großer Teile der Jugendlichen waren Farin und Seidel-Pielen der Auffassung, daß historische Ableitungen von gewalttätigen Jugendgruppen simplifizierend seien und die "Brisanz und Sprengkraft der jüngsten Jugendbewegungen"[47] wie der Skinheads verkennten. Die unter der Jugend zunehmende Gewalt deute allgemein auf das Ende der zivilen Gesellschaft hin[48], da die gewalttätigen Jugendlichen im Gegensatz zu den früheren nicht mehr in die Gesellschaft zu integrieren seien[49]. Gerade Wendt sah darin einen Auflösungsprozeß soziokultureller Kontexte, der seit den 5oer Jahren stattfinde[50]. Diese Gruppe von Autoren verwies nicht darauf, daß die heutige Jugend, die ein größeres Ausmaß an Gewalttätigkeiten - wie zum Beispiel Vandalismus - prägen mag, auch die Gesellschaft als Erwachsene verändern wird, wie jede Erwachsenengeneration neue Impulse einbrachte und es daher vielleicht zu einer zunehmend gewaltakzeptierenden Gesellschaft kommt, sondern es wurde unterstellt, daß die Jugendlichen die Gesellschaft bereits jetzt bedrohten, da sie nicht mehr zu integrieren seien und daher die Gesellschaft "sprengten".
Das war eine recht dramatische Aussage. Ein Blick auf die Größenverhältnisse jedoch relativiert Wendts Aussage einigermaßen. Immerhin muß selbst Baake anerkennen, daß "die Mitgliedschaft Jugendlicher zu besonderen, auffälligen 'Kulturen' immer sehr begrenzt gewesen" sei[51]. In Zahlen ausgedrückt hieß dieses, daß bei einem Umfang von rund 1o,6 Millionen Jugendlichen 1986 in Westdeutschland[52] selbst die größtmöglich angenommene Zahl von 8.ooo Skinheads bedeutete, daß die Skinheads nur ein 1/ 1.312tel der Jugendlichen darstellten. Für das Jahr 1991 mit einer Jugend im vereinigten Deutschland von 11,3 Millionen[53] hätten die 8.ooo Skinheads ein 1/ 1.412tel ausgemacht. In beiden Fällen waren die Skinheads weniger als o,1 Prozent der Jugend. Bezieht man die Gruppe der 8.ooo Skinheads auf die Gesamtpopulation, verringern sich die Werte nochmals erheblich. 1989 lebten in Westdeutschland knapp 61 Millionen Bürger[54]. Die 8.ooo Skinheads wären dann ein 1/ 7625stel der Bevölkerung gewesen oder etwas mehr als o,o1 Prozent. Dieses sind zugegebenermaßen nur recht grobe Rechnungen, denn auf der einen Seite ist die Zahl der Skinheads in den angegebenen Jahren nicht so hoch gewesen wie oben in der Rechnung angenommen, auf der anderen Seite bezogen sich die Autoren nicht nur auf die Gruppe der Skinheads, wenn sie in den gewalttätigen Jugendlichen eine Gefahr für das Wertesystem der Gesellschaft sahen (- auch wenn sich die zu hohen Werte für die Skinheads und die zu niedrigen Werte für die Gruppe aller gewalttätigen Jugendlichen vielleicht teilweise wieder ausglichen). Es ergeben sich aber trotz dieser groben Einschätzungen zu geringe Werte, um aus ihnen gleich den von Wendt seit den 5oern angenommenen fortschreitenden Untergang des christlichen Abendlandes zu postulieren.
In diesem Zusammenhang sei auf Baake hingewiesen, der auf eine Studie einging, die besagte, daß der Anteil der Jugendlichen, die Familienangehörige als Vertrauenspersonen ansahen, seit den 5oern nicht gesunken, sondern über die nächsten zehn Jahre stetig angestiegen war[56]:
Insgesamt gesehen erscheint die Position Rusineks, der für historische Vergleiche plädierte, bei der Beurteilung heutiger Jugendstile durchaus angemessen, da die historisch vergleichende Analyse von Jugendkulturen es ermögliche, der Gefahr von Dramatisierung wie aber auch der Verharmlosung von Jugendkulturen vorzubeugen[57]. Rusinek zog aus der Konstanz von "Jugendausschreitungen" über Jahrzehnte hinweg die Einsicht, in den Auseinandersetzungen von Jugendlichen nicht gleich politische Interessen zu vermuten[58]. Vielmehr ginge es den Jugendlichen um die Lust an der Provokation, die aber immer schwerer zu erreichen sei. Rusinek drückte das so aus: "Ein Student des Jahres 183o konnte noch mit einem langen Morgenmantel Aufsehen erregen. Ein heutiger Punk muß sich erheblich anstrengen, wenn sich ein Bürger nach ihm umdrehen soll. Die Suche nach dem Provokationszeichen wurde immer schwerer. Eines der wenigen Zeichen, das heute noch wirklich provoziert, ist das Hakenkreuz."[59]
Begriffe der Jugendkulturforschung
Wie jedes wissenschaftliche Fachgebiet besaß auch die Jugendforschung einen Fundus an Fachtermini, der zwar in diesem Gebiet recht vertraut wirkt, aber trotzdem vorgestellt werden soll. Eine ausführliche Darstellung der Konzepte der Jugendforschung und eine Würdigung aller wichtigen Autoren würde den Rahmen dieses Buches sprengen, daher soll bei der kurzen Darstellung der Konzepte nur auf jene Wissenschaftler zurückgegriffen werden, die sich Skinheads befaßten.
Schon der Begriff "Jugend" deutete nicht nur auf eine bestimmte Altersphase hin, die heutzutage bis zum 3osten Lebensjahr andauern kann[60], sondern in ihm schwangen auch Annahmen über Lebensumstände mit.
Galt früher eine Scheidegrenze zwischen der Jugendzeit und dem Erwachsenendasein, die durch bestimmte Ereignisse definiert wurde, zum Beispiel durch Schulabgang, Arbeitsaufnahme und Heirat[61], würden heutige Jugendliche in den Bereichen Sexualität, Konsum, Mode, Freizeit schon früh viel erreichen, daher sei die Erwachsenenzeit kein erstrebenswertes Ziel mehr[62].
Das führte auf der einen Seite zu der schon erwähnten Ausweitung der "Jugendzeit" bis weit in die Twen-Zeit, in die nun die früheren Scheidegrenzen verlagert sind. Auf der anderen Seite wurde weiter an dem pädagogischen Wunschbild der "Jugend" als einer mit vielen konservativen Images ausgestatteten heilen Welt festgehalten. Geprägt wurde dieses Wunschbild durch ein behütetes Familienleben, eine fröhliche Gemeinschaft der Altersgenossen und ein problemfreies Arbeitsleben[63]. "Jugendliche" wurden als Personen angesehen, die zwar manchmal der Fürsorge bedürfen, auch von staatlicher Seite, aber noch als "korrigierbar" galten und daher ins Interesse des nationalen Ganzen gezogen werden konnten[64].
Auch der Begriff "Kultur" wurde häufig im Zusammenhang mit Äußerungen Jugendlicher verwandt. Hier ist nicht der Platz für die verschiedenen Begriffsdefinitionen von "Kultur", daher sei nur darauf hingewiesen, daß einige Wissenschaftler im Zusammenhang der deutschen Jugendforschung "Kultur" als Ausdruck einer neuen Tradition verstanden, die in den Veränderungen innerhalb der Jugendgruppen sichtbar wurde beziehungsweise in deren Differenzierungen, und Neuschöpfung von Stilen[65].
Der Begriff "Subkultur" fand ebenfalls häufige Verwendung. Er zeichnete sich aber durch höchst unterschiedliche Definitionen aus.
Einige Autoren verstanden "Subkulturen" als Ausdruck individualpsychologischer Suche nach sinn- und identitätsstiftenden Lebenskonzepten, da die bisherigen Gesellschafts- und Erziehungsstrukturen unzureichend geworden seien[66]. Eine der weiteren Funktionen sei die (Gruppen-)Grenzen zu anderen Jugendlichen zu definieren[67]. Da "Subkulturen" sich durch eine extreme Wahrung ihrer festen Binnenstrukturen auszeichneten[68], wären sie ein funktionaler Bestandteil unserer Gesellschaft, hätten einen temporären Charakter und würden als andere Form der Sozialisation letztendlich auf die Rolle des Erwachsenenseins vorbereiten[69].
Für andere Autoren stellten "Subkulturen" kulturelle Systeme dar, die eigene Stile schaffen. Da sich diese Stile jedoch nur auf den Freizeitbereich bezögen, ständen sie einer Eingliederung in die Gesellschaft nicht nur nicht im Wege, sondern hätten auch keinerlei Auswirkung auf sie. Der Ausdruck "Subkultur" bezeichnete in diesem Sinne also Bewegungen, die keinerlei gesellschaftsverändernde Impulse besaßen.[70]
Eine dritte Gruppe von Autoren stellte gerade die von ihnen angenommene gesellschaftsverändernde Kraft von Subkulturen in den Vordergrund ihrer Überlegungen. Diese Autoren orientierten sich an dem Konzept des CCCS und sahen in Subkulturen Speerspitzen des gesellschaftlichen Wandels, die vom Rand der Gesellschaft heraus Veränderungen einleiteten[71]. Dabei könne zwischen "progressiven" Subkulturen, zum Beispiel den "Alternativen", die den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft neuen Utopien gemäß verändern wollen, und "regressiven" Subkulturen, die vergangene Anschauungen wiederbeleben wollen, zum Beispiel den Neonazis, unterschieden werden[72].
Sollte in einer Veröffentlichung darauf hingewiesen werden, daß eine Subkultur einerseits eine politische Dimension hat, aber andererseits - entgegen der Annahme des CCCS - kaum noch Gemeinsamkeiten mit der Stammkultur aufweist, wurde der Begriff "Gegenkultur" verwandt. Demonstrativ und zum Teil gewalttätig würden Mehrheitskultur und Erwachsenenwelt durch die Entwicklung eines eigenen Stils in Frage gestellt. Beispiele für solche Gegenkulturen seien Mods und Punks.[73]
Baake und Ferchhoff plädieren in ihren Arbeiten jedoch für die Aufgabe des Begriffes "Subkultur". So sei die klassenspezifische Verbundenheit von Jugendstilen mit der Arbeiterklasse, auf die der Begriff "Subkultur" gemäß der Intention der Autoren des CCCS hinweisen sollte, für die Bundesrepublik nicht gegeben[74]. Gegen diese unter Jugendforschern recht verbreitete rigorose Infragestellung der Arbeiterklasse wandten sich die Mitarbeiter der Straßensozialarbeit mit den Worten: "Der Abschied vom 'Proletariat' ist in unserer Gesellschaft so total gelungen, daß man meinen könnte, es gibt sie gar nicht mehr: die Arbeiter, Malocher, Sozialhilfeempfänger, Hauptschüler, alleinerziehenden Mütter in Hochhaussiedlungen, arbeitslosen Alkoholiker, usw. Die Wirklichkeit ist: sie sind millionenfach da, sie atmen die selbe Luft wie wir"[75].
Weiterhin kritisierten Baake und Ferchhoff die Annahme, daß es kulturelle Sphären gäbe, die sich einerseits unterhalb einer allgemeinen Massenkultur lokalisieren ließen und eindeutig von anderen Jugendstilen abzugrenzen seien, indem beide Autoren darauf verwiesen, daß es eine Fülle von Jugendstilen gäbe, deren Übergänge untereinander sowie zur Massenkultur recht fließend seien. Daher verwandten Baake und Ferchhoff stattdessen den allgemeinen Begriff der "Jugendkulturen".[76]
Der Begriff "Jugendkultur" wurde zwar schon vor dem ersten Weltkrieg geprägt[77], aber Baake deutete den Begriff um - beziehungsweise weitete seine Bedeutung aus. Nach seiner Auffassung entstanden "Jugendkulturen" unter anderem aus dem Grund, daß gesellschaftliche Normen und Regeln von ihren Ansprüchen immer weiter abwichen, ein Verfall der Werte innerhalb der Gesellschaft. Jugendliche versuchten innerhalb ihrer "Jugendkulturen" diese Kluft zu überbrücken. Baake nannte die Übereinstimmung von Absichten und Wirklichkeit "Konnexität". In den jugendkulturellen Gruppen wären die Werte so ausgerichtet, daß die Jugendlichen jene Konnexität erfahren könnten, die in der Gesamtgesellschaft nicht mehr gefunden würde.[78]
Da die Gesamtgesellschaft mit ihren Institutionen Schule und Familie die für die Jugendlichen so wichtige Konnexität nicht aufwies, insistierten die Jugendlichen auf Autonomie gegenüber der Gesellschaft. Sie wählten aus diesem Grunde andere Bereiche für das Ausleben ihrer kulturellen Stile[79]. Die Entwicklung der Jugendkultur sei ein Versuch von den Jugendlichen, die eigene Individualität auszudrücken, die Konstitution des Ichs voranzutreiben[80].
Allen Formen der Kontrolle durch die Gesamtgesellschaft ständen die Jugendkulturen abwehrend gegenüber, da sie sich gegen die etablierte Kultur und deren Werte stellten und eigene, "neue" Normen erproben wollten[81]. Bei den "neuen" Werten der Jugendkulturen ginge es in erster Linie um die Erfahrung "anderer" als von der Gesamtgesellschaft vertretenen Werte. Dabei spiele es eine geringere Rolle, ob es sich dabei um tatsächlich genuin neue Werte und Normen handele oder nur um "wiederbelebte" alte[82].
Baake definierte "Jugendkultur" mit folgenden Worten: "Die Jugendkulturen bieten eine nicht-familiäre Intimität an, gleichzeitig aber auch ein Forum jugendkulturell bezogener Öffentlichkeit, auf dem der Jugendliche sein Ausgeschlossensein ausgleichen kann."[83]
Interessant bei dieser Definition ist die Annahme, daß Jugendkulturen aus einer negativen Disposition heraus geschaffen werden, nämlich aus einem Ausgeschlossensein aus der Gesellschaft. Mit anderen Worten, Baake unterstellte damit, daß nur Jugendlichen mit Problemen Jugendkulturen angehören, "normale" Jugendliche wären weiterhin in die Kultur der Gesamtgesellschaft integriert.
Vermehrt wurde von den Autoren auch der Begriff "Szene" verwandt, der teilweise mit den Begriffen der "Subkultur" oder der "Jugendkultur" deckungsgleich war. So mußten auch die "Szenen" eigene Ausdrucksformen und Stile entwickeln, um überhaupt erkennbar zu sein[84]. Diese Erkennbarkeit war einerseits wichtig für die Abgrenzung "nach außen", gegen die soziale Umwelt, und andererseits für die Abgrenzung "nach innen" im Sinne der Schaffung einer von den Mitgliedern akzeptierten gruppenspezifischen Identität.
Ähnlich wie "Subkulturen" und "Jugendkulturen" stellten "Szenen" eine Absetzbewegung von der Gesamtgesellschaft dar[85]. Desweiteren suchten die Jugendlichen in den "Szenen" nach quasi-familiärer Intimität und Konnexität. Ein gewisser Unterschied zu den Begriffen "Subkultur" beziehungsweise "Jugendkultur" bestand in einer engeren Begrenzung temporärer und lokaler Umstände der Jugendstile durch den Begriff der "Szene". Beschrieben "Subkultur" und "Jugendkultur" allgemeine Elemente eines Jugendstiles, bezog sich der Ausdruck "Szene" auch auf bestimmte Räumlichkeiten und Zeitpunkte. Eine "Szene" konnte sich nur konstituieren, wenn sie über eigene Räumlichkeiten verfügte, um dort den eigenen Stil auszuleben.[86] Der Begriff "Szene" bezog sich daher nicht nur auf die Stilelemente einer "Subkultur" beziehungsweise "Jugendkultur", sondern auch auf die Mitglieder selbst und beispielsweise auf die Frage, wo sich denn die Skinhead-Szene heute trifft?
Bisher wurde versucht, die verschiedenen Konzepte, die sich mit Gruppen von Jugendlichen beschäftigen, in ihrer Theorie vorzustellen. Als was aber wurden die Skinheads angesehen?
So unterschiedlich wie die Modelle der Jugendforschung war auch die Einordnung der "Skinheads" durch die Wissenschaftler. Die meisten sahen Skinheads als "Subkultur" an, ohne jedoch diesen Begriff näher zu bestimmen[87]. Nur Morshäuser gestand den Skinheads ob ihres Protestes eine politische Ausrichtung zu[88], während Dudek sie ausdrücklich als "'unpolitische' Subkultur" einschätzte[89].
Für Baake und Ferchhoff waren Skinheads schlicht und einfach "Jugendkulturen"[90].
Demgegenüber gab es noch andere Beurteilungen: So bezeichnete Matthesius die Skinheads als "unangepaßte Jugendliche"[91], Farin und Seidel-Pielen als "rebellische Jugendkultur"[92], Jäger als "Problemgruppe"[93], und für Breymann stellte sie als eine "informelle Spontangruppe" dar[94].
Einige Autoren betonten ähnlich wie Morshäuser den politischen Aspekt der Skinheads. Sie wären eine "informelle politische Protestgruppe"[95]. Sie seien ein "Teil des Jugendprotestes"[96]. Brück hielt sie gar für ein "sozialrevolutionäres Rebellionspotential"[97].
Typologisierung von Jugendstilen
Insbesondere seit den 8oer Jahren war die Anzahl der einzelnen Jugendkulturen erheblich angestiegen[98]. Ferchhoff nannte in seiner Aufzählung zum Beispiel die Stile der "Yuppies" und "Schicki-Mickis", der "Fußballfans" und "Rocker", der "Stadtindianer", "Punker" und "Autonomen", der "Müslis" und "Alternativen", der "Funsters", der "Avangardisten", der "Post-Rokokos", der "Grufties", der "Hip-Hop-Fans", der "Scooter-Boys", der "Fixer" und "Flippies", der "Fraggles", der "Exis" und der "Psychos"[99]. Die Skinheads differenzierte Ferchhoff folgendermaßen: "Red-Skins, die politisch eher links stehen, Oi-Skins, die überhaupt nicht stehen, weil sie in der Regel dafür zu besoffen sind oder die Fascho-Skins, die ganz weit rechts stehen und schon mal Ausländerjugendliche 'aufmischen'"[100].
Zwar grenzten sich die einzelnen Jugendstile gegeneinander teilweise recht scharf ab, so verachtete zum Beispiel der "New Waver" den "Müsli" oder der politisch engagierte "Alternative" die "Disko-Szene-Gänger"[101], aber auf der anderen Seite gab es viele Berührungen und Vermischungen zwischen den einzelnen Jugendstilen. Daher war es auch möglich, daß Jugendliche im Laufe der Zeit ihren Stil wechselten und mehrere Jugendkulturen durchliefen[102].
Obwohl Baake und Ferchhoff die zunehmende Diversifizierung der Jugendstile anerkannten, versuchten sie trotzdem, Jugendkulturen in Gruppen zusammenzufassen. Die Jugendforschung wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht - wie bisher fast jeder Autor - mit eigenen Begriffsdefinitionen und Kategorisierungen aufwarten würde. So gab es Modelle mit drei, vier und fünf verschiedenen Kategorien.
Bevor auf die einzelnen Modelle eingegangen werden soll, werden die einzelnen Kategorien kurz vorgestellt, denn bei aller Unterschiedlichkeit in der Benennung gab es doch gewisse Übereinstimmungen in der Definition der Kategorien.
Die "Action-Szenen" seien durch ihre Quartier- und Milieugebundenheit definiert.[103] Ihre Mitglieder kämen aus dem Arbeitermilieu[104], lebten in ärmlichen Verhältnissen[105] und in Stadtvierteln mit schlechter sozialer Infrastruktur[106]. Sie verfügten nur über geringe formale Bildung[107]. Da ihnen andere Möglichkeiten gesellschaftlichen Erfolges in Bildung oder beruflicher Arbeit versperrt seien, versuchten sie ihre Ohnmacht durch intensiv erlebte Augenblicke der Action, der körperlichen Auseinandersetzung zu kompensieren[108]. Beispiele für "Action-Szenen" seien "Teds"[109], "Rocker"[110] und "Fußballfans"[111]. Die "Action-Szenen" stellten demnach eine "produktive Reaktion auf sozialökonomische Mißstände" dar[112].
Die "Protestszenen" suchten bewußt die politische Auseinandersetzung und versuchten, in der Entfaltung und Kultivierung alternativer Lebenskonzepte, ihrer Phantasien und Utopien eigene Welten zu gründen, die sich der Solidarität und Nähe, dem Sozialismus und der Gleichberechtigung verschrieben hätten[113]. Die Mitglieder der "Protestszenen" wiesen in der Regel eine höhere Bildung auf[114]. Weiterhin sei für die "Protestszenen" kennzeichnend, daß eine Gegenöffentlichkeit zu bilden versuchten, mit eigenen (Alternativ-) Zeitungen, Musikstilen etc.[115] Beispiele für "Protestszenen" seien alle Gruppen aus der Protest- und Alternativbewegung[116] wie "Hausbesetzer" und "Öko-Kommunen"[117]. Mit dieser Definition könnten folglich nur "linke" Gruppen in der "Protestszene" angesiedelt werden.
Eine dritte Kategorie stellten die "Hedonisten-Szenen" dar. Diese Szenen definierten sich über die "Welt des schönen Scheins", das heißt über das äußere Erscheinungsbild, über Mode, Konsum und einen coolen Verhaltenskodex[118]. Sie orientierten sich stark an Musikstilen[119] und ihr Freizeitverhalten spielte sich zwischen Boutiquen, Solarium und Body-Building ab[120]. Die Mitglieder, die dieser narzißtischen Selbstdarstellung folgten, setzten sich häufig aus Oberschülern und jungen Angestellten zusammen[121] und betätigten sich selten sozial oder politisch[122].
Die größte Gruppe wären jedoch die "Stinos", die "stinknormalen" Jugendlichen, die als angepaßte, familienorientierte Jugendliche auf bekannte, traditionelle Wertvorstellungen der Erwachsenen zurückgriffen[123].
Werden nun die unterschiedlichen Modelle der Kategorisierung betrachtet, nahm beispielsweise Baake eine dreigliedrige Konstruktion an, die aus den "Hedonisten-Szenen", den "Protestszenen" und den "Action-Szenen" bestand[124]. Die Skinheads ordnete er den "Action-Szenen" zu[125].
H. Becker teilte die Jugendlichen ähnlich auf. Er benannte seine Kategorien nur etwas anders. Die "Action-Szenen" nannte er "subkulturelle Milieus", die "Protestszenen" hießen "gegenkulturelle Milieus" und die "Hedonisten-Szenen" "Milieu manieristischer Strömungen". Im Gegensatz zu Baake erweiterte er sein Modell um die "Stinos", die Becker als "institutionell-integrierte Jugendliche" bezeichnete.[126] Aufgrund der Charakterisierungen der Kategorien fielen Skinheads in die "action"-suchenden "subkulturellen Milieus".
Ebenfalls ein viergliedriges Modell wurde von E. Lange aufgestellt. Bei ihm hießen die Kategorien nicht nur anders, sondern waren auch anders definiert. Das Bildungsniveau hatte nebst dem Alter und der Geschlechtszugehörigkeit den stärksten Einfluß auf die Einordnung in die einzelnen Kategorien. Die erste Kategorie war die der "sozialpolitischen Orientierung", die den "Protestszenen" von Baake und Becker nicht unähnlich war. Die Mitglieder dieser Gruppe besäßen höhere Bildung und seien sozial und politisch stark engagiert. Darüber hinaus zeichneten sie sich durch ein hohes Bewußtsein für Umweltprobleme aus und handelten dementsprechend. 36 Prozent aller Jugendlichen würden Lange zufolge in diese Kategorie fallen. Die zweite Kategorie sei die der "kleinbürgerlichen Orientierung". Die Mitglieder dieser Gruppe verfügten häufig nur über einen Hauptschulabschluß. Für diese Jugendlichen seien die Werte der Familie, der Liebe und Treue und die klassischen Pflicht- und Akzeptanzwerte wie Höflichkeit, Disziplin und Unterordnung von Bedeutung. Sie zeigten sich kaum sozial und politisch interessiert. 32 Prozent der Jugendlichen könnten diesem Segment zugerechnet werden. Die Beschreibung der zweiten Kategorie könnte auf die "Stinos" hindeuten, aber Lange nannte seine dritte Kategorie "karrierebezogene Orientierung", der knapp zehn Prozent der Jugendlichen angehörten. Diese dritte Kategorie wurde zwar nicht näher beschrieben, aber schon der Name deutete auf die Absichten der ihr zugeordneten Jugendlichen hin. Die vierte Kategorie war die der "hedonistischen Orientierung", welche 23 Prozent aller Fälle umfaßte. Die Jugendliche dieses Typs besäßen mittlere Schulbildung und wollten ihr Leben in vollen Zügen genießen, unter anderem durch Abenteuer, Abwechslung und Sex. Der Konsum von Rauschmitteln wie Alkohol, Zigaretten und Drogen sei in diesem Milieu stark überdurchschnittlich.[127] Skinheads würden bei diesem Modell wahrscheinlich zu der letzten - der "hedonistischen" - Kategorie gehören; nicht so sehr deshalb, weil die Charakterisierung dieser Gruppe all zu sehr auf die Skinheads passen würde, sondern weil die Skinheads in die anderen drei Einteilungen noch weniger paßten.
Ferchhoff griff bei seinem fünfstufigen Modell auf die Überlegungen von Becker und Baake zurück. Er erweiterte ihre Modelle um eine Kategorie, die als "Szenen der neuen Innerlichkeit" bezeichnet werden könnte. Die Jugendlichen dieser Szene zögen sich sozial eher zurück zugunsten eines religiösen und spirituellen Sektierertums. Die Szenen umfaßten ein breites Spektrum von psycho-religiösen, psycho-transzendentalen oder okkultisch-magische Ansätzen. Die anderen Kategorien waren die der "Protestszenen", der "Hedonisten-Szenen", der "Action-Szenen" und die der "normalen" Jugendlichen, die auch nach Ferchhoff die größte Zahl an Jugendlichen ausmachten.[128] Ferchhoff ordnete Skinheads ebenfalls den "Action-Szenen" zu[129].
Zwar bemühten sich die Autoren, ihren Kategorisierungen einen analytisch-wissenschaftlichen Anschein zu geben, aber die Zuordnung von Jugendgruppen geschah doch ziemlich willkürlich und oberflächlich. Das wurde gerade am Beispiel der Skinheads deutlich. Die Einordnung von Skinheads in die Kategorie "Action-Szenen" war nicht unplausibel, aber durchaus nicht die einzige Möglichkeit.
Es soll hier nicht versucht werden, die Skinheads in jede der Kategorien, die von den Jugendforschern definiert wurde, einzuordnen. Das ist weder möglich noch nötig. Um die Willkür der Zuordnungen von Skinheads zu bestimmten Kategorien zu verdeutlichen, reicht es schon aus, nachzuweisen, daß die Skinheads unter die meisten Kategorien fallen könnten.
Natürlich war die Einordnung der Skinheads in die Kategorie "Action-Szenen" durchaus plausibel. Immerhin wiesen viele Autoren auf die Lust der Skinheads auf Action und Gewalttätigkeiten hin[130]. Gernert beurteilte diese Lust an Gewalt als "durch und durch amoralisch"[131].
Bezöge man sich aber auf die Aussagen anderer Autoren, so könnten die Skinheads auch mit Fug und Recht in die "Hedonisten-Szene" eingeordnet werden, die sich in der Regel traf, Musik hörte, klönte, etwas trank und sich jenseits von Politik und Gewalt amüsierte. Einige Wissenschaftler hoben bei Skinheads diese Aspekte hervor[132].
Selbst in die Kategorie der "Protestszenen" könnten die Skinheads passen. Immerhin vertraten die rechten Skinheads eine politische Meinung. Die mag zwar nur recht oberflächlich fundiert gewesen sein, aber sicherlich war das "Fachwissen" über sozialistische Theoriengeschichte bei "Punks", die von den Autoren der "Protest-Szene" zugerechnet wurden, nicht unbedingt fundierter. Geht man jedoch von den anderen Bedingungen aus, die die "Protestszenen" konstituieren, wie zum Beispiel von der Schaffung einer Gegenöffentlichkeit durch Fanzines, der Entwicklung eines eigenen Stils usw., erfüllten die Skinheads diese Kriterien ebenfalls. Selbst Hausbesetzungen, das prominenteste Merkmal von "Protestszenen", wurden von Skinheads durchgeführt. Mehrfach wurde seitens der Fachwelt ausdrücklich auf Hausbesetzungen in mehreren Städten verwiesen[133].
Die Einordnung der Skinheads durch die Autoren in die "Action-Szenen" spiegelte die Arbitrarität der Zuweisungen wider. Die Aspekte für eine mögliche andere Zuordnung mußten den Autoren bekannt sein. Warum also diese einengende Zuweisung durch die Jugendforscher?
Die Bemerkungen einiger Autoren könnten hierauf eine Antwort geben. So gebe es unter Jugendforschern eine lange Tradition, die schon vor dem ersten Weltkrieg einsetzte, und die Annahme beinhalte, daß Jugendkulturen zur Linken tendierten und emanzipatorische Momente enthielten[134]. Auch der spätere Ansatz der Autoren des CCCS griff diesen Aspekt auf. Die jugendlichen Subkulturen wurden als Träger oppositioneller Bewegungen gesehen, die aufgrund des "Klassenkampfes im Kleinen" die Interessen der Arbeiterklasse vertraten[135].
Zwar wies Matthesius darauf hin, daß Forscher auch abweichende Kulturen als berechtigte Lebensform akzeptieren und die Gruppenstrukturen unter "Berücksichtigung der Würde" dieser Gruppen analysieren[136], aber anscheinend fiel es vielen Forschern schwer, derart unbefangen an die Gruppe der Skinheads heranzugehen.
Das Instrumentarium der Jugendforschung war durchaus objektiv strukturiert, das heißt, die Begrifflichkeiten hätten es ohne weiteres zugelassen, die Skinheads auch anders einzuordnen.
So diene jede Symbolik der Jugendkulturen zur gruppenkonstituierenden Ab- und Ausgrenzung und gab dem Wunsch Ausdruck, alltägliche Ordnungscodes aufzubrechen[137]. Dies gelte auch für rechte Gruppen[138]. Die Verwendung von Stilen oder Moden hätte daher einen gestischen, demonstrativen Charakter[139]. Wie aber schon beim Konzept der Bricolage stellte auch die Benutzung rechter Symbolik den Versuch dar, einen neuen Kontext herzustellen[140]. Der Stil rechtsradikaler Subkulturen müßte ebenso wie der anderer Subkulturen daraufhin untersucht werden, aus welchem gesellschaftlichen Kontext und auf welche Weise die Stilelemente selektiert werden[141]. Wie auch bei anderen Subkulturen käme es den Skinheads nur auf Provokation der bürgerlichen Welt an[142]. Skinheads müßten demzufolge gleichrangig wie andere Jugendkulturen behandelt werden[143].
Am Beispiel von Baake und Ferchhoff wird jedoch deutlich, daß einige Jugendkulturforscher sich scheuten, die Skinheads unvoreingenommen zu behandeln und sie - zum Beispiel durch Verwendung von Begriffen wie "Utopien", "neue Lebenswerte", "Solidarität und Wärme" - in die prestigereiche und positiv besetzte Kategorie der "Protestszenen" aufzunehmen.
Noch deutlicher wird diese "Weil-nicht-sein-kann-was-nicht-sein-darf-Haltung" bei einem Teil der Forscher, die sich speziell mit der Entwicklung des Rechtsradikalismus in der Gesellschaft beschäftigten (vergleiche Kapitel: Ergebnisse der Jugendforschung, im besonderen der Rechtsradikalismusforschung).
Zuerst jedoch soll sich mit den Theorien der Rechtsradikalismusforscher auseinandergesetzt werden.
Rechtsradikalismusforschung
Anfang der 9oer drängte eine große Anzahl von Veröffentlichungen auf den Büchermarkt, die sich mit dem Phänomen des anwachsenden Rechtsradikalismus in der deutschen Gesellschaft auseinandersetzten. Gemäß dem öffentlichen Image, daß die Skinheads zu diesem Zeitpunkt hatten, erwähnte jede Veröffentlichung zu diesem Thema auch Skinheads als griffige Illustration von jugendlichen Neonazis. Da sich jedoch nur die wenigsten dieser Veröffentlichungen tiefergehend mit Skinheads auseinandersetzten, wäre ein Eingehen auf jedes dieser Werke nicht nur ein uferloses Unterfangen, sondern darüber hinaus auch wenig ergiebig. Es werden deshalb nur diejenigen Veröffentlichungen berücksichtigt werden, welche deutlich erkennbar auf Skinheads eingingen.
Aber auch diese Arbeiten setzten häufig Neonazis, Skinheads und ansonsten verhaltensunauffällige Jugendliche gleich, so daß es - wie schon bei der Behandlung des Themas im Zusammenhang mit der DDR - sehr schwer war, ein den Skinheads eigenes Profil zu erstellen. Insofern könne vieles, wenn nicht alles, was über Rechtsradikale ausgesagt wurde, auch für Skinheads gelten und umgekehrt. So jedenfalls die Annahme der meisten Autoren.
Theorien
Wie schon im Kapitel "Erklärungen für die Entwicklung des Rechtsradikalismus unter der Skinheads" werden die folgenden Erklärungsansätze in zwei Bereiche aufgeteilt, in einen sozialpsychologischen und einen individualpsychologischen.
Sozialpsychologische Ansätze
Obwohl oder vielleicht auch weil sich die Autoren mit der Zunahme des Rechtsextremismus und der Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen beschäftigten, kamen sie zu dem Schluß, daß beide Phänomene nicht nur die Jugend allein beträfen, sondern alle Altersschichten[144]. Da aber der überwiegende Teil der Skinheads unter 3o Jahren war (vergleiche Kapitel: Skinheads - die harten Fakten), wird hier hauptsächlich auf Autoren zurückgegriffen werden, die sich mit dem Phänomen bei Jugendlichen auseinandersetzen.
Weiterhin wurden nur Thesen aufgegriffen, die im Zusammenhang mit dem Skinhead-Stil stehen. Daher fehlt in diesem Kapitel zum Beispiel die These der "Autoritären Persönlichkeit". Im Gegensatz zur Darstellung der Entwicklung in der DDR hatte sich kaum einer der Autoren, die sich mit Skinheads im vereinten Deutschland beschäftigten, explizit darauf bezogen.
"Modernisierungsverlierer" nach Heitmeyer und Schubarth
Wie schon früher beschrieben, gingen einige Autoren davon aus, daß die deutsche Gesellschaft sich durch zunehmende Individualisierungstendenzen auszeichne[145]. Das führe dazu, daß soziale Beziehungen vermehrt durch kommerzielle Dienste ersetzt würden[146], was wiederum dazu führe, daß einige Menschen sich in dieser veränderten Welt nicht mehr zurecht fänden und negative Erfahrungen der Vereinzelung, der Verunsicherung, der Ohnmacht und der Angst machten[147]. Bei der Bewältigung dieser Ängste schienen jene Ideologien, die Probleme in Schwarz-weiß-Manier erklären und ebenso einfache Lösungen anböten, überzeugende Lösungen zu präsentieren[148]. Darüber hinaus schlössen sich Teile derart verunsicherter Jugendlichen in Gruppen zusammen, da diese im Gegensatz zu der Gesamtgesellschaft überschaubar seien und Regeln aufstellten, die noch einfach zu begreifen und zu befolgen seien[149]. Da die "Modernisierung" in den fünf neuen Bundesländern - aufgrund des Zusammenbruches der DDR - stärker zu bemerken sei als in den alten, gäbe es dort auch größere Potentiale der Fremdenfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft[150]. Diese Prozesse jedoch gälten auch für die alten Bundesländer[151]. Die Skinheads seien mit ihrem aktionistischen Selbsthelfertum also eigentlich Opfer der gesellschaftlichen Veränderungen[152].
Natürlich führen die ökonomisch-sozialen Desintegrationsprozesse der Modernisierung nicht automatisch dazu, daß Jugendliche sich dem Rechtsextremismus zuwenden, sondern die subjektive Verarbeitung gesellschaftlicher Umstände durch die Jugendlichen würde den letzten Ausschlag geben.[153] Damit schlug Heitmeyer die Brücke zu individualpsychologischen Ansätzen.
Das Modell von Heitmeyer und Schubarth wurde von verschiedenen Seiten kritisiert.
Karsten wandte ein, daß das Desintegrationsmodell weder die rechten Gewalttaten der durch die Modernisierung nicht-benachteiligten Jugendlichen, noch die "Wochenend- und Hau'-mal-rein"-Randale von "Hooligans" erklärte[154]. Weiterhin bliebe auch ungeklärt, inwieweit die These von der "Desintegration der Gesellschaft durch Modernisierungsprozesse" die heutige Situation in der Gesellschaft widerspiegele und nicht ebensogut die Situation der Jugend in der Weimarer Zeit oder in den 5oer Jahren erklären könne. Karsten kritisierte folglich die Geschichtslosigkeit des Heitmeyerischen Ansatzes wie auch die "Geschlechtslosigkeit" dieser These[155]. Tatsächlich war schon in den 5oern versucht worden, die Halbstarkenkrawalle durch Hinweis auf "Entwurzelungstendenzen der Moderne, Traditionsabbau, Verlust des Heimatgefühls und Auflösungserscheinungen der Familie"[156] zu erklären. Sicher ließen sich auch in Westdeutschland "Modernisierungen" nachweisen, aber diese verliefen wohl eher in den letzten Dekaden kontinuierlich. Wie also ist die rapide Zunahme von Rassismus und Gewalttätigkeit Anfang der 9oer mit Heitmeyers These zu erklären?
"Dominanz"-These von Rommelspacher
Rommelspacher kritisierte die Tendenz der "Modernisierungs"-These, unter Hinweis auf die Benachteiligung der Jugendlichen im gesellschaftlichen Veränderungsprozeß aus ausländerfeindlichen Tätern Opfer der Verhältnisse zu machen[157]. Assheuer und Sarkowicz wiesen ihrerseits darauf hin, daß in der öffentlichen Diskussion vermehrt die Asylbewerber und Ausländer beziehungsweise deren Existenz in Deutschland für die Gewalteskalationen verantwortlich gemacht worden waren. In der gängigen Diskussion wurde behauptet, daß eine übermäßige Anwesenheit von Ausländern provozierend auf die Anrainer wirke, und diese würden, mit der Situation überfordert, halt zu Gewalt greifen. Aus den Opfern fremdenfeindlicher Gewalt waren nun Täter geworden.[158] Demnach hätte eine völlige Umkehrung der Rollen stattgefunden.
Weiterhin kritisierte Rommelspacher die Verweise auf Benachteiligung, Armut, Wohnungslosigkeit und Arbeitsplatzunsicherheit, die zu Zukunftsangst, Orientierungslosigkeit und Modernisierungsschocks führten und sich in Fremdenfeindlichkeit und Gewalt entladen würden[159]. Immerhin, so stellte Rommelspacher fest, seien wir eine der reichsten Nationen der Welt. "Muß hier die Argumentation mit der Armut nicht als zynisch gelten?"[160]
Nicht die Benachteiligten würden sich ihrer Meinung nach in rechtsradikalen Exzessen ergehen, sondern die wohlhabenden Schichten der Gesellschaft fürchteten um ihre Besitzstände, die sie durch die Ausländer in Gefahr sähen - Rassismus als Verteidigung des Wohlstandes[161] und der gesellschaftlichen Dominanz[162]. Die Täter kämen daher nicht vom Rand, sondern aus der "Mitte" der Gesellschaft[163].
Mit dieser Feststellung jedoch unterschied sie sich nicht von Heitmeyer, denn er hatte schon festgestellt, daß rechtsextreme Orientierungsmuster in der gesellschaftlichen Normalität verankert seien und mitnichten eine Ausdrucksweise zeitweilig oder dauerhaft Desintegrierter sei[164], denn diejenigen Personen, die sich als "Verlierer" der "Modernisierungen" sahen, stammten aus allen Schichten[165].
Individualpsychologische Ansätze
Die Vertreter von individualpsychologischen Ansätzen gingen ebenfalls von Veränderungen im Leben der Menschen aus, die Ängste und Verunsicherung auslösten. Diese Veränderungen konnten zwar gesellschaftlicher Natur sein, mußten es aber nicht unbedingt.
Wie auch immer, die negativen Erfahrungen müssten von den Individuen irgendwie verarbeitet werden. Daher könne es leicht geschehen, daß versucht würde, die Handlungsunsicherheiten durch Suche nach Gewißheit und Klarheit zu überwinden. Simple Freund-Feind-Schemata böten sich dann ebenso an, wie das Ausagieren von Gewalt.[166]
Gewalt und Rassismus seien daher als Versuche zu verstehen, auf der individuellen Ebene erfahrene Probleme zu lösen[167], das Unbehagen mit der eigenen Lebenssituation abzubauen[168], Gefühle der Schwäche und Minderwertigkeit[169], der Angst[170], der Ohnmacht[171] und Unsicherheit[172] in den Griff zu bekommen. Das gelte ausdrücklich auch für Skinheads. Auch sie wollten durch Gewalt ihre Unsicherheit[173], ihre Ängste[174] und ihr gesellschaftliches Verliererdasein kompensieren[175]. Wirth sprach sogar davon, daß die Skinheads Selbstverachtung, Selbsthaß und selbstzerstörerische Impulse kennzeichneten, die durch Gewalt zu kompensieren versucht würden[176]. Eine Meinung, die Reimitz durchaus teilte[177]. Auch Heinemann kam daher zu dem allgemeinen Schluß, daß es sich bei den älteren gewalttätigen Jugendlichen um potentielle Selbstmörder handle[178]. Daher seien rechtsradikale wie auch gewalttätige Verhaltensweisen als "verklausulierter Hilferuf" zu verstehen[179], denn, darauf wies Hestermann hin, selbst Skinheads seien der Auffassung: "Wenn ihr uns lieben würdet, gäbe es uns gar nicht."[180]
Abschließend sei kurz erwähnt, daß die Rolle der Familie bei der Übernahme eines rechten Weltbildes von den Autoren verschieden gedeutet wurde. Einige wiesen darauf hin, daß Jugendliche den Rechtsextremismus als Zeichen des Protestes gegenüber ihren Eltern lebten[181], entweder weil die Eltern ihnen zu "links" erschienen