Skinheads in Westdeutschland - Die erste Generation
Die Jugendunruhen in Großbritannien Anfang der 8oer lösten eine Welle von Berichten und Veröffentlichen in der Bundesrepublik Deutschland aus[1]. Besonders durch die Berichterstattung der Massenmedien wurden Skinheads zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit in Westdeutschland bekannt[2]. In der Folge begannen sich auch Jugendliche, für diesen speziellen Stil zu interessieren. Eine erste Übernahme des Skinhead-Stils durch westdeutsche Jugendliche hatte es vereinzelt schon früher gegeben.
In England war die politische Polarisierung von "Punks" und Skinheads durchaus weit fortgeschritten. "Punks" waren dem gängigen Muster zufolge eher links, Skinheads rechts[3]. Dennoch waren schon Ende der 7oer deutsche "Punks", die nach England reisten, als Skinheads zurückgekommen[4]. Aber erst ein paar Jahre später entwickelte sich der Skinhead-Stil zu einer größeren Szene in Westdeutschland. Erst ab 1981/ 82 wurde der Skinhead-Stil auch unter westdeutschen Jugendlichen populär[5].
Kaum ein Autor beschäftigte sich jedoch mit der Frage, warum der Skinhead-Stil überhaupt für westdeutsche Jugendliche attraktiv wurde und weshalb der "Skinhead-Funke" gerade 1981/ 82 nach Westdeutschland übersprang. Hierbei darf nicht vergessen werden, daß in demselben Zeitraum die Jugendunruhen in Großbritannien stattfanden beziehungsweise die Berichterstattung darüber. Der zeitliche Abstand zwischen den Berichten der Krawalle in England, die die Gewalttaten der Skinheads thematisierten, einerseits und dem Entstehen des Skinhead-Stils in Westdeutschland andererseits war zu gering, um zufällig sein zu können. Es waren jedoch nur Mitarbeiter des Vereins Jugend und Sport e. V., die zu der Auffassung kamen, daß die Medien einen großen Einfluß auf die Entstehung des Skinhead-Stils in Westdeutschland hatten. Der Zeitraum wurde jedoch nicht näher bestimmt[6].
Schwieriger ist die Frage zu beantworten, warum der Skinhead-Stils in Westdeutschland aufkam. Nur Farin/ Seidel-Pielen versuchten eine Erklärung. Nach ihrer Meinung verloren andere Jugendszenen Anfang der 8oer zunehmend an Attraktivität. Besonders "linke" Jugendkulturen wie die Friedensbewegung, Ökologiebewegung usw. wären schnell verblaßt[7]. In gewisser Weise hätten also "die Linken" versagt.[8]
Auf der anderen Seite wären die Jugendlichen seit der Regierungswende in Westdeutschland - 1982 - zu individualistischen Hedonisten geworden, die als "Popper" sich der Lebensmaxime "Ich will Spaß" verschrieben. In diesem Vakuum zwischen abschlaffenden "linken" und angepaßten "Popper"-Jugendlichen hätte dann der Skinhead-Stil die weiterhin rebellischen Jugendlichen für sich gewinnen können[9]. Diese Analyse war recht griffig, sie blieb jedoch sehr vordergründig. Zwar gestanden auch Farin/ Seidel-Pielen den "linken" und alternativen Szenen eine gewisse Blütezeit zu, verlegten diese aber auf die ersten zwei Jahre der 8oer. Damit ihre These von der Schwäche der linken Szenen, die das Aufkommen des Skinhead-Stils erst ermöglichte, schlüssig blieb, konstatierten beide Autoren den linken Niedergang schon seit Ende 1981[10]. Wenn es auch richtig war, daß die "linken" und alternativen Szenen Mitte der 8oer nicht mehr so mitgliederstarke Aktionen (- wie zum Beispiel die großen Demonstrationen der Friedensbewegung) durchführen konnten, entsprach es doch nicht der gesellschaftlichen Realität, diesen Rückgang vor Ende 1983 anzusetzen (zum Beispiel mit dem sogenannten "Friedensherbst" und seiner unerreicht hohen Zahl von Demonstranten). Zu diesem Zeitpunkt jedoch hatte sich die Skinhead-Szene längst etabliert. Thune gab die Zahl der Skinheads Ende 1983 mit immerhin schon 1.5oo an[11]. Wirth konstatierte sogar, daß der Niedergang der Hausbesetzer- und Punkszene erst ab 1984 einsetzte und die Skinheads erst anschließend vermehrten Zulauf von Hausbesetzern und Punks erhielten[12]. Was immer die Motivation der Jugendlichen gewesen sein mochte, sich seit 198o/ 81 den Skinheads anzuschließen, die These von Farin und Seidel-Pielen von der Schwäche der "linken" und alternativen Szenen als Auslöser für das Erstarken des Skinhead-Stils erscheint doch zu brüchig, um wirklich zu überzeugen.
Punks
Die meisten Autoren konstatieren schlicht einen Wechsel von Jugendlichen aus einer Szene in eine andere. Wie auch schon früher waren es gerade "Punks", die vermehrt Skinheads wurden. Hierüber herrschte bei den Autoren kein Zweifel[13]. Den Umstand, daß es Angehörige einer eher "linken" Jugendgruppe waren, die nun einen Jugendstil mit "rechtem" Image ins Leben zu rufen halfen, thematisierten wenige Autoren. Diejenigen von ihnen, die den Wechsel der "Punks" begründeten, verwiesen auf eine zunehmende Politisierung der Punkszene, die von einigen Jugendlichen nicht mitgetragen werden mochte[14]. Häufiger jedoch wurde als Grund für den Wechsel eine "Verweichlichung" der Punkszene angegeben, eine mangelnde Aggressivität, welche die neuen Skinheads in ihrer ursprünglichen Jugendszene vermißten[15]. Ebenso wie bei der Wiederbelebung des Skinhead-Stils in Großbritannien, Mitte der 7oer, waren es anscheinend auch die härteren Schläger der "Punks", die sich dem aufkommenden Skinhead-Stil in Westdeutschland zuwandten. Damit wurden Aggressivität und Gewalttätigkeit die konstituierenden Merkmale des westdeutschen Skinhead-Stils.
Das Generationenmodell des Fußballfanprojektes "offside"
Bevor auf die weitere Entwicklung der ersten Skinheads in Westdeutschland eingegangen wird, sei auf das generative Modell hingewiesen, das von den Mitarbeitern des Fußballfanprojektes "offside" erarbeitet wurde[16]. Ausgehend von einer angenommenen Fluktuation vieler Skinheads, nach einer durchschnittlichen Verweildauer in den Skinhead-Gruppen von 1 bis 4 Jahren[17], wurde die Entwicklung der Skinheads in mehrere Abschnitte aufgeteilt. Demzufolge gab es seit Anfang der 8oer Jahre drei "Generationen" von Skinheads. Die erste Generation (- der Jahre 1981 bis 1985) orientierte sich noch stark am englischen Vorbild. Sie war daher stilkonsequent, das heißt, zum Einkaufen der passenden Kleidung sowie zum obligatorischen Tätowieren fuhr sie nach England. Sie war stark städteorientiert und traf sich auf öffentlichen Plätzen. Der Besuch von Fußballspielen war von zentraler Bedeutung[18]. Im Jahre 1985, als in kurzer Zeit zwei Türken von Skinheads erschlagen wurden, verließen viele Skinheads ihre Szene[19].
Obwohl die Zahl der Skinheads durch Neuzugänge zunahm, fiel die zweite Generation nicht mehr durch gewalttätige Aktionen auf. Sie nahm an Fußballrandale kaum noch teil. In den Jahren 1985 bis 1989 wurde es durch die Vermarktung gewisser Skinhead-Attribute (- Bomberjacken, DocMarten's) einfacher, sich dieser Szene anzuschließen. Der Skinhead-Stil verlagerte sich und dehnte sich vom urbanen auf den ländlichen Raum aus. Ebenso wie zur selben Zeit in England begann sich auch in Westdeutschland die Skinhead-Szene zu differenzieren. Gegen die zunehmende Rechtsentwicklung der Skinheads belebten einige von ihnen die S.H.A.R.P.-Idee (vgl. Kapitel: Gegenentwicklungen) auch in Westdeutschland. Darüber hinaus spalteten sich die "Redskins" ab, wie auch die "Oi-Skins" und die "Boneheads" eigene Stile entwickelten. Zudem bildeten sich um den Skinhead-Stil herum diverse angelehnte Stile wie beispielsweise der Stil der "Psychobillys" oder kurz "Psychos" (- "Pseiks" ausgesprochen).[20]
Die Skinheads der dritten Generation (1989 bis 1993) wurden stark von der Parteiarbeit diverser rechter Parteien beeinflußt. Ihr Wissen von den historischen Wurzeln ihres Stiles war gering. Die bevorzugte Kleidung orientierte sich an militärischen Outfits, Tätowierungen spielten keine Rolle mehr. Das Durchschnittsalter der Skinheads war im Vergleich zu früheren Generationen sehr gesunken, schon Dreizehnjährige schnitten sich die Haare ab. Der Skinhead-Stil kehrte teilweise zurück in die Ballungsgebiete. Besonders an deren Peripherie und der umgebenden Provinz schlossen sich die Skinheads zusammen, um an sozialen Brennpunkten wie Asylbewohnerunterkünften ihr Machtgefühl zu demonstrieren. Im Sinne des Auslebens dieses Machtgefühles, das auch eine Stärkung durch rechtes Gedankengut erfuhr, füllten die Skinheads wieder verstärkt die Fußballstadien, um dort massiv rechtsextremistische Propaganda zu betreiben.[21]
Teilweise gingen die Autoren davon aus, daß es mittlerweile schon eine vierte Generation gab, über die jedoch noch keine gesicherten Erkenntnisse bezüglich spezieller Charakteristika existierten[22].
Fußballfans
Eine andere Gruppe, die den Skinhead-Stil maßgeblich beeinflußte, waren, wie auch in England, militante Fußballfans. Deren erste Generation, rekrutierte sich aus den vereinsfarbentragenden Kuttenfans. Ab 1982 wandelte sich der Stil der militanten Fans. Die zweite Generation kleidete sich im Skinhead-Outfit. Ab 1985 änderte sich die Kleidung der militanten Fans erneut. Die dritte Generation, die sogenannten "Hooligans", legte jede erkennbare "Uniform" ab. Sie zog sich unauffällig an. Dieser Stil wurde auch ab 199o von der vierten Generation beibehalten.[23]
Natürlich stellte dieses Generationenmodell nur eine grobe Einteilung dar. Die Mitarbeiter des Jugend und Sport e. V. waren ebenfalls überzeugt, daß Skinheads und "Hooligans" zwei völlig verschiedene und voneinander getrennte Gruppen waren[24]. Esser und Dominikowski behaupteten hingegen, daß es auch nach der Trennung von Skinheads und "Hooligans", seit 1985, noch viele Berührungspunkte und fließende Übergänge gab.[25]
Bei der Bezeichnung der militanten Fußballfans durch Dritte, zum Beispiel die Medien, wurden Wörter wie "Skinheads", "Rowdies" oder "Fans" noch bis nach 1986 benutzt, obwohl sich der Stil längst geändert hatte. Erst danach bürgerte sich der Begriff "Hooligans" ein, der seitdem ausschließlich und inflationär angewandt wurde[26]. In einem "Bericht über Maßnahmen der Bundesgemeinschaft Fanprojekte (BAG) bei der Fußballweltmeisterschaft 199o" war die Kategorie "Skinhead" verschwunden und durch "Hooligan" ersetzt worden[27].
Ebenso wie die Generationen der Skinheads unterschieden sich die der militanten Fußballfans erheblich. Auch ist die Entwicklung der militanten Fußballfans nicht zu trennen von der Entwicklung der Skinheads. Es gilt folglich auch strukturelle Ähnlichkeiten in der weiteren Entwicklung von Skinheads und militanten Fußballfans aufzuzeigen, die sich trotz aller Unterschiedlichkeit ihrer Wege ergaben.
Die erste Generation der militanten Fußballfans war ursprünglich nicht ins Stadion gekommen, um Randale zu suchen, sondern um an einem Ereignis der Kultur der Arbeiterschicht teilzunehmen[28]. Es stellte für sie quasi einen Initiationsritus dar, wenn sie von ihren Vätern zum ersten Mal ins Stadion mitgenommen wurden. Dieser erste Stadionbesuch war für die Adoleszenten der Übergang vom Jugendlichen zum "Erwachsenen". Daher hatte der erste Besuch etwas Magisches, und auch spätere Stadionbesuche behielten etwas von dieser Magie.[29] Die Zugehörigkeit zum Verein wurde häufig durch eine selbst gefertigte Jacke oder Weste, der sogenannten "Kutte", nach außen hin dokumentiert[30]. Diese Kutte wurde gemäß dem schweißig-herben Männerfreundschaftsimage der Fans nie gewaschen, der Schweiß-, Rauch- und Biergeruch der letzten Spiele haftete an diesem geliebten Kleidungsstück und blieb ein Teil des Erlebten. Diese dreckig-speckige, streng riechende Kleidung konnte dem Reinlichkeitsanspruch der späteren Generationen, besonders der "Hooligans", die sehr teure, schicke Kleidung bevorzugten, nicht mehr gerecht werden.[31]
Auch wenn nach außen hin das Auftreten der Fußballfans in der Gruppe als wüstes, chaotisches Durcheinander erschien, war das Verhalten doch recht strengen Abläufen und Ritualen unterworfen. Allein das Absingen von Schlachthymnen oder das stakkatoartige Klatschen, welches eine Übereinstimmung bis zum Sechzigstel einer Sekunde erreichte, erforderte genaue Koordination. Darüber hinaus waren die Rollen der einzelnen Akteure festgelegt. Es gab:
• den "chant leader", der bestimmte, wann welche Gesänge angestimmt wurden,
• den "aggro leader", der den Mob bei Kämpfen anführte,
• den "nutter", der, indem er ansatzweise sein Verhalten übertrieb, den anderen Fans signalisierte, wie weit sie gehen dürfen,
• den "organiser", der die Planungen für Reisen und andere finanzielle Arrangements übernahm,
• den "fighter", den Kämpfer", und
• den "heavy drinker", der zu besoffen für viele Aktionen war.[32]
Gewalttätigkeiten waren für die militanten Fußballfans der ersten Generation streng an den Spielverlauf und das Ergebnis gebunden[33], andererseits gehörte ein präzise umgrenztes Territorium dazu, in das man eindrang oder welches man verteidigte[34]. Ziel dieser Prügeleien war die Eroberung von Souvenirs, vorzugsweise Schals der gegnerischen Fans[35]. Persönliche Freundschaften zu Fans, die "gegnerische" Fußballvereine unterstützten, standen daher außer Frage[36].
Nachdem bei einer der Massenschlägereien im Jahre 1982 der Fußballfan Adrian Maleika zu Tode kam, führte das einsetzende Medienecho dazu, daß die Thematik des gewalttätigen Fans gesellschaftlich problematisiert wurde. Dadurch kam es gleichzeitig zu einer bisher nie gekannten Popularität gewalttätiger Fußballfangruppen, in deren Folge sich die Fanszene aufzuspalten begann - in vereinstreue, friedliche Fans und gewaltbereite Randalierer.[37]
Letztere gingen vermehrt dazu über, ihre Kutte abzulegen und als "wilde Cliquen" einen neuen Stil zu übernehmen: den bis dahin auf den Fußballrängen weithin unbekannten, von Vereinssymbolen unabhängigen Skinhead-Stil mit Bomberjacke, hochgekrempelten Jeans und Springerstiefeln. Zusammen mit den ehemaligen "Punks" bildeten sie die erste Generation der Skinheads in Westdeutschland[38]. Nicht alle der neuen Fußballrandalierer liefen im Skinhead-Outfit herum. Es gab weiterhin zwar auch kuttentragende Randalierer, aber gleichzeitig einen starken Trend, sich neu zu kleiden[39]. Neue Fangruppen schlossen sich zusammen und gaben sich Namen wie "Bad Manners", der Name einer englischen "2-Tone Ska"-Skinhead-Band, wie "Sham-Army", nach der englischen Punk-Band "Sham 69", wie "Anti-Social-Front", nach dem Lied der rechten Skinhead-Band "Skrewdiver", wie die "Rot-Weißen-Löwen" aus dem Raum zwischen Frankfurter und Offenbach[40], oder wie "Savage Army" und die "Hamburger Löwen" aus dem Hamburger Raum[41]. Es gab noch gewisse Loyalitäten gegenüber den Vereinen, obwohl diese im Schwinden begriffen waren.
Viele der Skinheads beschränkten ihre Randale nicht nur auf das Umfeld der Fußballspiele. Als 1985 in Hamburg zwei Türken von Skinheads erschlagen wurden, führte das einsetzende Medienecho dazu, daß sich - wie schon 1982 - die gewaltbereite Szene spaltete: diesmal in die stärker rechtsextremistisch abgleitenden Skinheads der zweiten Generation und die weiter an Fußballrandale interessierten "Hooligans"[42].
Die im Umfeld von Fußballstadien stattfindenden Ausschreitungen führten zu verschärften polizeilichen Interventionen: Massenverhaftungen, präventiven Ingewahrsamnahmen, strikten Trennungen der gegnerischen Fanclubs während des Anmarsches, im Stadion und während der Abfahrt. In der Folge verlagerten sich die Auseinandersetzungen von den begrenzten Territorien um die Stadien herum in die Innenstädte und andere soziale Bereiche[43]. Um aber durch die Polizeikontrollen ungehindert zu kommen, mußten sich die Randalierer von einer allzu deutlichen "Uniform" trennen. Dies war das Aus für den Skinhead-Stil unter den militanten Fußballfans[44]. Der neue Kleidungsstil war betont unauffällig. Teure, modische Sport- und Freizeitkleidung wurde die Norm[45]. Der Erfolg gab den "Hooligans" recht, es dauerte sehr lange, bis die Polizei registrierte, daß die "neuen" Randalierer nicht mehr die kuttentragenden Fans waren, sondern die vermeintlich braven, netten Jungs mit den schicken Sachen[46]. Noch 1988 gelangte bei einem Europameisterschaftsspiel in Frankfurt eine große Gruppe von "Hooligans" in das eigentlich für Fußballfans abgesperrte Alt-Sachsenhausen[47].
Für die eingeweihten Fans unter den "Hooligans" blieb man trotzdem untereinander erkennbar. Im Gegensatz zu den vereinstreuen Fans, die sich mit Kutte, Trikot oder Bomberjacke kenntlich machen, waren die gegnerischen "Hooligans" an dem ebenfalls teuren Kleidungsstil zu erkennen[48]. Diese dritte und vierte Generation von Fußballrandalierern lehnte die erste, die noch Kuttentragende, aufgrund ihres unmodischen Kleidungsstils[49] und ihrer für die "Hooligans" überholte Treue zum Verein ab[50].
Diese Distanzierung vom Verein und die neue Kleiderordnung waren nicht die einzigen Unterschiede zwischen der ersten und der dritten Generation. Bei der dritten Generation bestand kaum noch eine milieuspezifische Bindung[51].
Auch das ganze Umfeld um die Randale hatte sich bei der dritten militanten Fußballfangeneration grundlegend geändert. Feste Territorien, auf die sich noch die erste Generation bezog, gab es für die dritte nicht mehr[52]. Randaleort war überall, vorzugsweise in der Innenstadt[53]. Da es keine Bindung an den Verein gab, reisten "Hooligans" nicht mehr nur zu den Auswärtsspielen ihres Vereines, wie noch die Kuttenfans, sondern überall hin, wo Randale zu erwarten war[54]. Diese fand dann auch nicht mehr spontan statt, sondern wurde vorher mit den gegnerischen "Hooligans" verabredet[55]. Der Zeitpunkt konnte vor, während oder nach dem Spiel sein und war daher nicht wie bei den Kuttenfans vom Spielergebnis abhängig[56]. Randale war keine Rache" mehr für ein schlechtes Spielergebnis oder die Verteidigung von Territorien[57], somit eine Sache der "Ehre", es war für die "Hooligans" ein Freizeitvergnügen wie jedes andere. Die Gegner waren keine Feinde, mit denen man außerhalb der Randale keinen Kontakt haben wollte, wie bei der ersten Generation[58], sondern Bekannte oder sogar Freunde, mit denen quasi ein sportliches Kräftemessen verabredet wurde[59]. Dabei kam es durchaus nicht zum Kampf jeder gegen jeden, sondern es gab unter Hooligangruppen Loyalitäten. Die einzelnen Gruppen verbündeten sich im Kampf gegen andere. Dieses hatte jedoch keine feste Struktur, wie vieles bei den "Hooligans" waren auch diese Loyalitäten unbeständig und konnten sich daher durchaus ändern[60]. Brüchig war auch das Verhältnis "Freundschaft - sportliches Kräftemessen - Gewalt". Deuteten die Vokabeln "Freundschaft" und "Kräftemessen" eher auf eine Mäßigung bei der Anwendung von Gewalt hin, schließlich will man sich im allgemeinen weder beim Sport noch unter Freunden ernsthaft verletzen, nahm bei den "Hooligans" die Bereitschaft zur Gewalt trotzdem zu. Ließen Fans der ersten Generation von einem Gegner ab, wenn er am Boden lag, traten die "Hooligans" im selben Fall häufig noch mehrmals nach[61]. Nicht mehr das Fußballgeschehen stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit dieser "Hooligans", sondern die Lust auf "Action". Damit wurde der traditionelle Rahmen früherer Fangenerationen aufgelöst, in dem das Erlebnisgeschehen rund um das Fußballspiel stattfand. Gleiches wurde bei der Ausweitung der Gegnerkategorien, besser wohl Opferkategorien, der "Hooligans" deutlich. Vermehrt wurden auch Personengruppen, die außerhalb des Fußballfangeschehens standen, zum Ziel der Gewalttätigkeiten. Im Verständnis der "Hooligans" wurden diese Gegner zu "Hippies". Außerdem wurden im Zuge einer steigenden Ausländerfeindlichkeit - auch unter den "Hooligans" - Ausländer und Asylanten in ihren Wohnheimen vermehrt Angriffsopfer[62]. Schneider sah in diesem Trend jedoch keine orginäre Entwicklung der "Hooligans" allein, sondern führte die Feindeshaltung gegen Ausländer auf eine hohe gesellschaftliche Tolerierung der Ausländerfeindlichkeit zurück[63]. Darüber hinaus wiesen Gehrmann und Steigemann darauf hin, daß schon im Wesen des Fußballsports an sich gewisse Charakteristika der Gewalt und des Nationalismus angelegt seien. Das Kämpferideal, welches dichotome Paare wie "Freund" - "Gegner", "der Bessere" - "der Schlechtere", "Gewinn" - "Niederlage" zur Grundlage hatte und damit dem Soldatentum nicht fern sei, die Brutalität, mit der die Profifußballer teilweise miteinander umgingen, die Identifikation mit der Nationalmannschaft, die ein Mindestmaß an Nationalismus bei den Fans voraussetze - all diese Werte stünden rechten Ideologien viel näher als linken[64].
Auch in punkto Drogenkonsum veränderten die "Hooligans" die Maßgaben ihrer Vorgänger. Nicht nur mehr Bier wurde exzessiv getrunken, sondern auch andere Drogen wurden konsumiert, hauptsächlich Hasch[65]. Dies, verbunden mit dem teuren Kleidungsstil, führte dazu, daß "Hooligans" sehr viel Geld brauchten. Finanzielle Engpässe wurden teilweise durch Beschaffungskriminalität ausgeglichen, die auch Diebstahl unter Freunden einbezog[66].
Allgemein bleibt festzuhalten, daß sich ebenso bei den militanten Fußballfans wie bei den Skinheads mit jeder neuen Generation der Verhaltensrahmen auflöste, den die jeweils älteren Generationen noch eingehalten hatten.
Skinheads
Doch zurück zu den Skinheads der ersten Generation. Sie orientierten sich noch stark an ihren englischen Vorbildern. So wurde das Haar bis zum Stoppelschnitt abgeschnitten - doch nur in deutschen Publikationen fand sich der ausdrückliche Hinweis darauf, daß das geschähe, um den Gegnern nicht zu ermöglichen, bei einem Kampf in die Haare greifen zu können.[67] Wie ihre Vorbilder in England gaben sie sich bewußt proletarisch[68]. Die Mitarbeiter des Projektes "offside" gaben jedoch zu bedenken, daß sie aufgrund ihrer Beobachtungen davon ausgingen, daß nur die wenigsten der Skinheads aus der Arbeiterschicht stammten[69].
Nichtsdestotrotz bevorzugte die erste Generation der Skinheads Kleidung aus dem Arbeitermilieu - Jeansjacken, grüne Bomberjacken, T-Shirts, großkarierte Baumwollhemden, Bluejeans, die mit "Domestos" fleckig gebleicht wurden, und derbe Arbeits- oder Springerstiefel[70].
Tätowierungen waren durchaus üblich, teilweise sogar in der Form eines "Skin"-Schriftzugs auf Kopf, Arm, Händen oder Fingern.[71]
Als markantestes Verhaltensmuster pflegten die Skinheads ihr rauhbeiniges Macho-Image[72], welches sie schon durch die Existenz "unmännlicher" Männer in Frage gestellt sahen[73]. Daher waren "Hippies" auch in Westdeutschland eine ihrer Hauptgegner[74], obwohl es zu Anfang der 8oer wohl kaum noch viele 68er "Hippies" gegeben haben dürfte. Es gab zwar weiterhin langhaarige Jugendliche, aber es handelte sich in diesem Fall um "Rocker" oder kuttentragende Fußballfans. Selbst diejenigen Jugendlichen, die gewisse Attribute der Alternativkultur (- zum Beispiel der Ökologie- oder Friedensbewegung) übernommen hatten, bezeichneten sich in den seltensten Fällen als "Hippies". Die weitere Verwendung dieses Namens durch die Skinheads deutete demnach auf eine unreflektierte Übernahme von (Gegner-) Kategorien ihrer englischen Vorbilder hin.
Die Skinhead-Gruppen waren eine sehr lose Verbindung von nahezu ausschließlich männlichen Jugendlichen[75]. Sie waren latent hierarchisch strukturiert, obwohl dieses keine feste Form annahm. Ein höheres Alter war in den meisten Fällen Berechtigung genug, die Gruppe anzuführen.[76] Es gab auch keine organisatorische Form, die alle Skinheads zu einer Einheit zusammenfaßte, weder auf regionaler noch auf nationaler Ebene. Der Zusammenhalt der Gruppen wurde durch gemeinsame Aktionen hergestellt. So wurden Provokationen wie öffentlicher Alkoholgenuß, Schlägereien und andere Gewalttätigkeiten zum gemeinsamen Identifikationspunkt.[77] Darüber hinaus hatten sie keine eigenen Werte. Die überwiegende Zahl war von traditionellen Wertvorstellungen geprägt: von einer konservativen Geschlechterrollenverteilung und Sexualmoral, von Ehe, Familie und Autorität, von einer Arbeitsmoral mit Tugenden der Leistung und Pünktlichkeit.[78]
Es war die Verfechtung dieser Werte, die die Skinheads dazu brachte, neben den "Hippies" auch in den "Punks" ihre Hauptgegner zu sehen[79], da diese in den Augen der Skinheads das genaue Gegenteil dieser Werte verkörperten. Nur wenige Autoren berichteten von Ausnahmen dieser Regel[80].
Daher interpretierten Pilz und Sengebusch die Attacken von Skinheads auf autonome, anarchistische Szenetreffpunkte - wie zum Beispiel besetzte Häuser - als Versuch, Recht und Ordnung im Sinne eines konservativen Weltverständnisses wiederherzustellen. Dementsprechend verstünden einige der Skinheads nicht, warum die Polizei sie daran hinderte, die Häuser auf ihre Art zu räumen, immerhin stünde man doch auf derselben Seite.[81] Damit wandten sich die Skinheads gegen die Gruppen, aus denen viele von ihnen anfänglich stammten.
Gewalt
Für die Skinheads der ersten Generation war das Hauptbetätigungsfeld das Fußballstadion[82]. Daher wurde die Gewalt der ersten Generation der Skinheads in erster Linie als Fußballgewalt wahrgenommen. Diese Gewalt wurde von den Autoren unterschiedlich bewertet. Smolinsky ging beispielsweise davon aus, daß sie dem besonderen Verhalten in Menschenmassen zuzuschreiben sei, deren vorherrschende Anonymität dem Einzeltäter Schutz vor Entdeckung böte[83]. Wirth wies dagegen darauf hin, daß im Umfeld des Fußballspiels allen Beteiligten ein Ausmaß an aggressivem Verhalten zugestanden würde, welches ansonsten im alltäglichen Leben kaum auf Tolerierung hoffen dürfte[84]. Bei der Beantwortung der Frage nach den Motiven der gewaltbereiten Fußballfans stellte Gehrmann den Wunsch nach Eindeutigkeit in den Vordergrund. Die Gewalt, die auch die komplexesten Situationen in einfache, dichotome "Wir oder Die"-Strukturen auflöste, käme dem Bedürfnis nach Einfachheit, Gewißheit und Klarheit nach, das gerade Fußballgewalttäter suchten.[85] Einige Autoren sahen in der forcierten Professionalisierung und Kommerzialisierung des Bundesligafußballes die Gründe für eine mangelnde Identifikationsmöglichkeit und damit letzten Endes für die Zunahme der Randale. Zwar würde auch der Profifußball noch versuchen, das Image einer Gemeinschaft zwischen Vereinsmanagement, Spielern und Fans ganz im Sinne einer großen Familie heraufzubeschwören, aber die Realität sehe doch anders aus. Spieler würden verschachert wie Ware und hätten selbst keine Schwierigkeiten, nach einem Wechsel genauso engagiert gegen ihren früheren Verein zu spielen wie sie vor dem Wechsel für ihn gespielt hätten. Keine Spur von Loyalität. Aber von den Fans würde sie gefordert. Letztendlich seien die Fußballrandalierer der unterschiedlichen Couleur nur ein Abbild der Einstellung auf Seiten der Vereinsoffiziellen, den Fußball bloß noch zur Durchsetzung eigener Interessen zu benutzen.[86]
Bei der Beantwortung der Frage, warum sich Skinheads wie "Hooligans" gleichermaßen häufig prügeln, gab es von beiden Gruppe die lapidare Antwort: "Weil es Spaß macht."[87]
Dieser "Spaß" umfaßte mehr als das möglichst schnelle Kampfunfähigmachen des Gegners[88]. Es ging vielmehr um die Gestaltung des ganzen Wochenendes. Man wollte die Freunde viele Stunden vor dem Spiel treffen, herumstehen, klönen, die ersten Bierchen trinken, Wartezeiten durch "Unfugmachen" überbrücken und "andere Leute provozieren". Auf dem Weg zum Stadium kam die erste Anspannung bei dem Gedanken, schon jetzt auf mögliche Gegner treffen zu können, kam die Stadionsituation mit dem Auf und Ab des Spielverlaufes, dem Mitgehen der Stimmungen, der Hingabe an das kollektive Ereignis. Nach dem Spiel kamen das Durch-die-Straßen-Ziehen auf der Suche nach Gegnern, das Finden der Gegner und der anschließende Kampf mit den dann in Sekunden ablaufenden Vorgängen des Aufeinanderzurennens, Zuschlagens, Zutretens, des Aufpassens auf andere Gegner und die anstürmende Polizei. Kamen die Momente des Wegrennens, der Flucht vor der Polizei und der erneuten Jagd nach dem Gegner. Kamen das Auf und Ab der Euphorie, der Angst und der Erschöpfung. Kamen das Rennen, Laufen, Jagen, das Außer-Atem-Sein und die langsame Entspannung sowie das gemeinsame Erinnern an das gerade Erlebte auf dem Nachhauseweg. Kamen das Spüren des eigenen Körpers, das Schärfen aller fünf Sinne durch den Kampf, der Genuß der Intensität des Augenblicks, die Lust am Ausnahmezustand. Kamen das Erleben der Stärke der eigenen Gruppe, das Gefühl der Macht für einen kurzen Moment. All das formte sich zu einem Gesamterlebnis, welches das Stichwort "Randale" erst richtig ausfüllte und für die Akteure, Skinheads und "Hooligans", gleichermaßen attraktiv machte.[89]
Bredthauer, Farin, Seidel-Pielen und Gehrmann sahen auch in den Überfällen auf die Hafenstraße in Hamburg, einer Hochburg der militanten autonomen, linken Szene, keine politische Abrechnung von rechten Skinheads und Hooligans mit linken Hausbesetzern aus der Punkszene, sondern allein ein Zeitvertreib durch "spaßige" Randale und ein "Kräftemessen" verschiedener Mobs[90], wobei die Bilanz bisher zu Gunsten der Hafenstraße ausgefallen sei: ihr Mob sei härter, schlagkräftiger und besser organisiert[91]. Scheinbare Unterstützung erfuhr diese Auffassung durch die Ereignisse in der Rückrunde der Fußballsaison 1988/ 89. Der Skinhead-Stil war, bis auf einige Ausnahmen, schon seit mehreren Jahren von den Fußballtribünen verschwunden. Plötzlich aber bevölkerten zwischen 1oo und 15o junge Skinheads das Volksparkstadion. Nur die wenigsten waren schon einmal vorher dort gesehen worden. Diese unerwartete massive Rückkehr der Skinheads in das Fußballstadion war jedoch kein Ausdruck der Rückbesinnung der Skinheads der dritten Generation auf ihre Anfänge in Deutschland, eine Bewegung "zurück zu den Wurzeln", sondern es ging den jungen Skinheads allein um eine politische Demonstration. Massenweise tauchten Aufkleber und Sticker neofaschistischer Organisationen auf. Ebenso sprachen Sprechchöre und Gebärden eine deutliche (- rechte) Sprache. Als in der Halbzeitpause die jungen Skinheads gröhlend dazu aufforderten, die Hafenstraße anzugreifen, eine Aufforderung, die ansonsten ein Selbstläufer unter militanten HSV-Fans war, geschah das Unerwartete: die traditionellen Härtegruppen, bestehend aus Alt- "Hooligans" und Skinheads der ersten Generation, prügelten die neofaschistischen Jung-Skinheads aus ihrem Fanblock. Die völlig überraschten Jung-Skinheads flüchteten panikartig und suchten den Schutz der Polizei. Diese war ebenso überrascht, und es dauerte einige Minuten, bis sie Lage richtig einschätzte und die Jung-Skinheads schützend umstellte. Bis nach Spielende mußte die Polizei die Jung-Skinheads begleiten und vor Übergriffen der Alt-Härtegruppen schützen. Auf dem S-Bahnhof Stellingen wurden die Jung-Skinheads unter Polizeischutz in die Bahn verfrachtet, während die Alt-Härtegruppen sich in antifaschistischen und Sympathie bekundenden Sprechchören für die Hafenstraße ergingen.[92] Diese Episode zeigte die Unterschiede zwischen den Generationen der Skinheads auf - die Unberechenbarkeit jenes "alten" Mobs, der spontan und relativ wahllos das "Kräftemessen" unter Gleichgesinnten suchte, war für die Alt-Skinheads noch immer ausschlaggebendes Moment für ihre Aktionen, und keine stringente, organisierte Politisierung, wie sie bei den Skinheads der dritten Generation zu beobachten war.
Alkohol
Der teilweise übermäßige Alkoholgenuß aller militanten Fußballfangruppen, einschließlich der Skinheads, war nach der Überzeugung von Becker kein Ausdruck der Vereinsamung, der empfundenen Sinnentleerung des eigenen Lebens, kein Sorgenbrecher oder Bewältigungsversuch anderer persönlicher Probleme, der die Sinne benebeln soll, um die augenblickliche Situation ertragbar zu machen. Ganz im Gegenteil: Der Alkoholgenuß löse eine Wohligkeit und ein Wohlbefinden aus, die die momentane Gefühlslage stimulieren. Er trage damit zu einer Gefühlsintensivierung während der Randale bei.[93]
Die Entwicklung des Rechtsradikalismus unter den Skinheads
Von Anfang an waren die Skinheads von rechten Parteien umworben worden. Wie auch schon in Großbritannien durch das "British Movement" versuchten militante neonazistische Gruppen in Westdeutschland, die Skinheads für ihre Zwecke zu organisieren.
Auf die These von Gehrmann und Steigemann, die von einer gewissen "rechten" Vorprägung der Skinheads allein durch die Tatsache ausging, daß sie überhaupt Fußballfans waren, ist schon eingegangen worden.
Eine andere Sichtweise ging von der Annahme aus, daß die Skinheads ursprünglich nicht rechtsradikal waren, sondern von rechten Organisationen regelrecht missioniert wurden. Demzufolge war es unter anderem Michael Kühnen, der, 1982 - nach vierjähriger Haft - wieder auf freiem Fuß, sofort daran ging, mit seiner von ihm gegründeten ANS/ NA (- Aktionsfront Nationaler Sozialisten/ Nationale Aktivisten) die neu entstandene Jugendkultur gezielt zu unterwandern.[94] Dabei hatten die rechtsextremistischen Organisationen durchaus Erfolge vorzuweisen. Auf allen Ebenen der politischen Arbeit gelang es ihnen, Skinheads einzubinden. So halfen Skinheads bei der Parteiarbeit der NPD[95], der FAP[96] und der "Nationalistischen Front"[97]. Aber auch vor Ort konnten die rechtsextremistischen Gruppen ihren Einfluß stetig ausbauen, zum Beispiel unter den militanten Skinhead-Fußballfangruppen wie der "Savage Army" in Hamburg und den "Hamburger Löwen" oder der "Anti-Social-Front" in Frankfurt.[98] Weiterhin gelang es den verschiedenen rechtsextremistischen Organisationen, Skinheads für ihre Aktionen, zum Beispiel gegen Ausländer, einzuspannen[99]. Schon 1983 werden erstmalig Übergriffe von Skinheads auf Türken bekannt[100]. Darüber hinaus gab die staatliche Pressestelle der Hansestadt Hamburg bekannt, daß es zwischen Anfang 1984 und Anfang 1986 zur Einleitung von 15 Strafverfahren gegen Skinheads aufgrund von Schlägereien mit Ausländern gekommen war[101]. Militante Formen der Ausländerfeindlichkeit prägten also schon die ersten Skinhead-Gruppen in Westdeutschland[102]. Jedoch war es falsch, wenn Wirth in verschiedenen seiner Publikationen behauptet, die Verfassungsschutzberichte würden die Skinheads ab 1982 als "rechtsradikale Gruppierung" einstufen[103].
Vielmehr kamen die Verfassungsschutzberichte der Jahre 1983 bis 1985 ganz eindeutig zu dem Urteil, daß es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, den unterschiedlichen militanten Neonaziorganisationen im Großen und Ganzen nicht gelungen sei, die Skinheads in ihrem Sinne politisch zu indoktrinieren[104]. Zu dieser Auffassung gelangten auch andere Autoren wie Baake, Baensch und Dudek[105].
Daß die Skinheads sich von Neonaziorganisationen für Gewaltaktionen mobilisieren ließen, interpretierten die Autoren dahingehend, daß es den Skinheads weniger auf den politischen Anlaß ankäme, sondern vielmehr auf die Randale an sich[106]. Den Grund, daß es über diese sporadische und punktuelle Zusammenarbeit hinaus nicht zu einer festeren Einbindung der Skinheads in das Netzwerk der Neonazis kam, sahen die Autoren in der Undiszipliniertheit der Skinheads, die sich nicht in straffe Organisationsformen mit biederen, moralinsauren Predigten pressen lassen wollten: "lustvolle" Randale ja, aber trockene politische Schulung nein[107]. Darüber hinaus sei das rechtsradikale Gehabe der Skinheads, das sie häufig in der Öffentlichkeit zur Schau stellten, nur Mittel der Provokation.[108]
Es gab nur einen Autor, T. Schneider, der sich zu dieser frühen Zeit, 1984, mit dem Wahlverhalten der Skinheads beschäftigte, wenn auch nur ansatzweise. Nach seiner Meinung sei für die Mehrheit der Skinheads die Demokratie die akzeptabelste Gesellschaftsform[109]. Daher sei ihre Motivation, sich an Wahlen zu beteiligen, als normal zu werten[110]. Auch die Mitarbeiter des Jugend und Sport e. V. wiesen darauf hin, daß sich der größte Teil der Skinheads für unpolitisch halte. Demgegenüber bemerkten die Mitarbeiter jedoch in den Äußerungen der Skinheads mehr oder weniger stark ausgeprägte Ansätze von Nationalismus, Rassismus und Sozialdarwinismus[111]. Ihrer Meinung nach bestünde weniger die Gefahr, daß die Skinheads in ihrer Gesamtheit in rechtsradikale Organisationen integriert würden, sondern gefährlicher sei vielmehr:
• die allmähliche Formung eines neofaschistischen Weltbildes bei einigen Skinheads,
• die Rekrutierung einzelner ehemaliger Skinheads für Kader der verschiedenen rechtsradikalen Gruppen,
• die weitere Funktionalisierung großer Teile der Skinhead-Gruppen durch rechtsextremistische Organisationen als Schlägertruppe[112].
Die Auflösung der ersten Skinhead-Generation
Die Mitte der 8oer wurden zu einer Scheidegrenze in der Entwicklung der Skinheads. Schon vorher war es - aufgrund des vermehrten Auftretens von Ausschreitungen im Umfeld von Fußballspielen - zu verstärkten polizeilichen Maßnahmen gegenüber Skinheads gekommen[113]. In vielen Stadien erhielten Skinheads Aufenthaltsverbot[114]. Diese Maßnahmen allein veranlaßten die erste Generation der Skinheads, ihren Stil aufzugeben[115]. Die übriggebliebenen militanten Fußballfans begannen, ihren Stil zu ändern. Die "Hooligans" trennten sich von den Skinheads[116].
Im Jahre 1985 wurden in Hamburg innerhalb eines halben Jahres zwei Türken, Mehmet Kaynakci und Ramazan Avzi, von Skinheads erschlagen[117]. Diese Ereignisse, Ausdruck der zunehmenden Rechtsradikalität unter den Skinheads, nahmen einige zum Anlaß, sich aus der Skinhead-Szene zurückzuziehen[118].
Andere Gründe, die Skinheads bewogen aufzuhören, waren die Beziehung zu einer festen Freundin[119] oder die Unlust, sich dauernd schlagen zu müssen, da man aufgrund des Skinhead-Outfits von anderen Jugendlichen häufig angegriffen werde[120]. Einige Skinheads wollten sich ihre Zukunft nicht durch mögliche Strafprozesse zunichte machen lassen[121]. Wieder andere wollten sich nicht die Chancen auf dem Lehrstellenmarkt durch das negative Image, das dem Skinhead-Outfit anhaftete, verderben lassen[122].
Hoffmann-Lange wies auf die Studie von Kaase und Neidhard hin, nach der die Gewaltbereitschaft mit zunehmenden Alter abnehme[123]. Auf die Skinheads übertragen hieß das, daß sie sich einfach zu alt für ihren Stil fühlten[124].
Fazit
Anfang der 8oer Jahre übernahmen gewaltbereite Jugendliche den Skinhead-Stil aus England, da ihnen andere Jugendkulturstile nicht dieses Konglomerat aus Randale und Action boten, nach der sie suchten. Die These von Farin und Seidel-Pielen, nach der eine Schwäche oder Unattraktivität gerade linker, alternativer Jugendkulturen der Grund für das Erstarken des Skinhead-Stils sei, ist wenig überzeugend, da sich die Jugendlichen nicht in eine gewaltfreie Jugendgruppe hätten integrieren lassen. Angeleitet vom "rechten" Image, das der Skinhead-Stil schon im Ursprungsland England hatte, schlossen sich ehemalige "Punks" und militante Fußballfans zu einer Gruppe zusammen, die zur ersten Generation der Skinheads werden sollte.
Gemäß des "Gründungszweckes" zeichnete sich der Skinhead-Stil auch in Westdeutschland schon früh durch Brutalität und Ausländerfeindlichkeit aus (vgl. Kapitel: Chronik), auch wenn letztere noch unreflektiert und spontan zum Ausdruck gebracht wurde. Sie war noch kein Ausdruck eines zunehmend verfestigten neonazistischen Weltbildes oder organisierten Rechtsradikalismus, wie vermehrt bei den folgenden Skinhead-Generationen. Trotz der Verhaltensauffälligkeiten, der Gewalt und der Ausländerfeindlichkeit hatten die Zeitgenossen der Skinheads diese kaum wahrgenommen. Nur wenige Veröffentlichungen über Skinheads stammen aus der ersten Hälfte der 8oer. Die, die es gab, sind leider kaum noch einzusehen, da sie entweder vergriffen[125] oder aus den Bibliotheken verschwunden sind[126]. Der Großteil der Arbeiten über Skinheads wurde erst sehr viel später geschrieben, nämlich Anfang der 9oer. Sie beschäftigten sich daher nur im Nachhinein mit den Skinheads der ersten Generation.
Nach wenigen Jahren veränderte sich der Charakter des Skinhead-Stils. Nachdem aufgrund der Ausschreitungen im Umfeld von Fußballspielen, an denen auch immer wieder Skinheads beteiligt waren, der Skinhead-Stil zu auffällig geworden war, um weiterhin unbehelligt durch polizeiliche Kontrollen zu kommen, spaltete sich die Gruppe der Skinheads. Einige Skinheads zogen sich von diesem Stil zurück, die anderen Jugendlichen, die weiterhin primär Fußballrandale in den Mittelpunkt ihres Interesses stellten, legten das Skinhead-Outfit ab und kleideten sich unauffällig: die "Hooligans" betraten die Szene. Im Bemühen um die Fortführung ihres Stiles erfuhr der Skinhead-Stil durch die übriggebliebenen Skinheads wie auch Neuankömmlinge eine Wandlung, denn die militanten Fußballfans, die "Hooligans", wollten die Skinheads nicht mehr und zu den "Punks" konnten sie nicht, da zwischen beiden Gruppen eine starke Rivalität bestand. So blieb den Skinheads nichts weiter übrig, als sich auf die einzige Komponente ihres Stiles zu beziehen, die ihnen noch geblieben war - den Rechtsradikalismus.
[1] Vgl. Krüger- 2, S. 13o
[2] Vgl. Jugend und Sport e. V.- 1, S. 5
[3] Vgl. Esser/ Dominikowski, S. 13, Jarman, S. 28ff, Marshall, S. 124, Morshäuser, S. 1o9, Schröder, S. 96, Stock/ Muhlberg, S. 13
[4] Vgl. Bock, S. 188, Bredthauer- 3, Reimitz, S. 184, Wirth- 2, S. 44, Wirth- 3, S. 188
[5] Vgl. Baensch, S. 28, Bredthauer- 3, Esser/ Dominikowski, S. 13, Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 99, Hartwig, S. 325, Korn, S. 17, Maegerle, S. 23, Matthesius, S. 1o5, Morshäuser, S. 2o, Reimitz, S. 183, Schneider, T.- 2, S. 74, Spiegel, 41/9o, S. 88 Wittich, S. 73
[6] Vgl. Jugend und Sport e. V.- 1, S. 5
[7] Vgl. Esser/ Dominikowski, S. 13, Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 74, Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 6o
[8] Vgl. Baake, S. 24, Farin/ Seidel-Pielen- 3, S. 2o1, Jugendwerk der Dt. Shell- 1, S. 96ff, Morshäuser, S. Vorwort, 125, 144
[9] Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 6o
[10] Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 1, S. 75
[11] Vgl. Thune, zitiert in: Wirth- 2, S. 44, Wirth- 3, S. 189
[12] Vgl. Wirth- 3, S. 188
[13] Vgl. Baensch, S. 28, Bock, S. 188, Bredthauer, Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 73, Hestermann, S. 82 Jugend und Sport e. V.- 1, S. 5, Korn, S. 17, Matthesius, S. 1o5, Reimitz, S. 17, 184, Schneider, T.- 1, S. 55, Schneider, T.- 2, S. 15, Spiegel, 41/9o, S. 88 Stock/ Mühlberg, S. 13, van Ooyen- 1, S. 11, Wirth- 2, S. 44, Wirth- 3, S. 188, Wittich, S. 73
[14] Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 9o, Schneider, T.- 1, S. 55
[15] Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 1, S. 73, Reimitz, S. 184, Schneider, T.- 1, S. 55, Wirth- 2, S. 44, Wirth- 3, S. 188, Wittich, S. 73
[16] Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 1, S. 83, Schneider, T.- 2, S. 18ff
[17] Vgl. Devantie/ Welp, S. 54, Farin/ Seidel-Pielen- 1, S. 83, Schneider, T.- 2, S. 18ff
[18] Vgl. Baensch, S. 26, Jugend und Sport e. V.- 1, S. 5ff, Korn, S. 17, Schneider, T.- 1, S. 57, Schneider, T.- 2, S. 15f
[19] Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 83, Schneider, T.- 2, S. 18
[20] Vgl. Korn, S. 18, Schneider, T.- 2, S. 18
[21] Vgl. Assheuer/ Sarkowics, S. 85, Esser/ Dominikowski, S. 13, Farin/ Seidel-Pielen- 1, S. 74ff, 84, Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 1o8ff, Jugend und Sport e. V.- 2, 21, Pilz, S. 91, Schneider, T.- 2, S. 18f
[22] Vgl. Schneider, T.- 2, S. 19, Schröder, S. 1oo
[23] Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 1o1, Gehrmann, S. 78, Matthesius, S. 38
[24] Vgl. Jugend und Sport e. V.- 1, S. 4o
[25] Vgl. Esser/ Dominikowski, S. 16
[26] Vgl. Schneider, T.- 2, S. 17
[27] Vgl. Institut für Jugendkulturforschung
[28] Vgl. Schneider, T.- 2, S. 15
[29] Vgl. Gehrmann, S. 142
[30] Vgl. Matthesius, S.81
[31] Vgl. Matthesius, S. 217
[32] Vgl. Baensch, S. 84f, Jarman, S. 27f, Semmelroth, S. 5o
[33] Vgl. Gehrmann, S. 78
[34] Vgl. Matthesius, S. 191
[35] Vgl. Matthesius, S. 91
[36] Vgl. Matthesius, S. 196
[37] Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 83, Matthesius, S. 82, Smolinsky, S. 86
[38] Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 83, Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 1o1, Korn, S. 17, Matthesius, S. 217, Schneider, T.- 2, S. 15, van Ooyen- 1, S. 39
[39] Vgl. Matthesius, S. 83
[40] Vgl. Matthesius, S. 6o, 83, 137
[41] Vgl. Schneider, T.- 1, S. 68
[42] Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2 , S. 1o1, 1o6, Jugend und Sport e. V.- 1, S. 4o, Matthesius, S. 112, 219
[43] Vgl. Matthesius, S. 13o, Jäger, S. 259
[44] Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 1o6, Jugend und Sport e. V.- 1, S. 39
[45] Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 1o1, Matthesius, S. 219, Smolinsky, S. 34
[46] Vgl. Farin/ Seidel-Pielen- 2, S. 1o1, Smolinsky, S. 34
[47] Vgl. Matthesius, S. 219f
[48] Vgl. Matthesius, S. 219, Gehrmann, S. 24
[49] Vgl. Matthesius, S. 39
[50] Vgl. Gehrmann, S. 13, 78, Matthesius, S. 39
[51] Vgl. Gehrmann, S. 7o, Matthesius, S. 39
[52] Vgl. Jugend und Sport e. V.- 1, S. 6
[53] Vgl. Matthesius, S. 92
[54]&n