Die dritte Generation - Skinheads als Synonym für Rechtsradikalismus
Ab 1987 zeichnete sich erneut ein Generationswechsel bei den Skinheads ab[1]. Diese neue Generation hatte kaum noch Bezüge zur Tradition der ersten Skinheads, deren Symbolik sie zwar noch teilweise verwandte[2], jedoch, so die Auffassung von Baensch, den "Ehrenkodex" dieser ersten Generation, so brutal er auch war, verdrängte durch eine Gewaltbereitschaft gegen alles und jeden[3].
Die Gesamtzahl der Skinheads schien Anfang der 9oer erheblich anzusteigen. Jedoch waren sich die Autoren nicht darüber einig, auf welche Anzahl die Skinheads tatsächlich angewachsen waren. Die Zahlen reichten von 4.5oo[4], über 6.ooo[5], 7.ooo[6] bis hin zu 8.ooo[7] (zu diesem Aspekt vgl. Kapitel: Skinheads - die harten Fakten).
Das Durchschnittsalter der Skinheads der dritten Generation lag niedriger als das der ersten[8], was auch durch den Ausdruck "Babyskins" dargestellt werden sollte[9].
Der Anteil der Mädchen bei den Skinheads stieg an[10] und machte ein Viertel[11] bis ein Drittel aus[12].
Die Kleidung der Skinheads hatte sich seit der zweiten Generation weiter verändert. Nicht mehr der Traditionsbezug mit den englischen Skinheads und ihrer Kleidung wurde gepflegt. Der Stil der dritten Generation bestand darin, die Glatze mit schweren Stiefeln und einem "Rambo"-Outfit zu kombinieren sowie militär- und tarnanzugähnliche Kleidungsstücke verstärkt zu verwenden[13]. Der Farbe der Schnürsenkel kam immer mehr Bedeutung zu, auch wenn sich die Autoren nicht einig waren, was die einzelnen Farben bedeuteten. So sollte die Farbe Weiß für Ausländerfeindlichkeit stehen, Rot für "Redskins" und Schwarz für den Rest, der sich nicht erkennbar festlegen mochte[14]. Die Farben könnten aber auch bedeuten: Weiß als ein Zeichen rassischer Reinheit, Rot als Ausdruck der Bereitschaft, das eigene Blut zu vergießen, Gelb als Synonym dafür, daß man das Blut von anderen schon vergossen hatte[15]. Es gab auch die Auffassung, daß weiße wie gelbe Schnürsenkel gleichermaßen "nur" Fremdenfeindlichkeit ausdrücken sollten[16]. Ein weiteres Erkennungszeichen rechter Skinheads war Sportswear der Marke "Lonsdale", bei der der Markenname in großen Buchstaben quer über die Brust lief. Bei offen getragener Bomberjacke waren dann nur die Buchstaben "NSDA" zu sehen[17].
Gerade wegen dieser unterschiedlichen Beurteilung der Schnürsenkelfarben und anderer Stilmerkmale gewann die Beobachtung an Wichtigkeit, daß es aufgrund der vielfältigen Gerüchte über die Bedeutung der Farben mehrfach zu Auseinandersetzungen mit gänzlich Unbeteiligten gekommen war[18].
Die neue Brutalität der Skinheads schien die Autoren ebenfalls dazu zu bewegen, der Glatze eine neue Bedeutung zuzuschreiben. Die Glatze war nur noch aus einem Grunde geschert worden: damit sich keiner der Gegner in den Haaren festkrallen könne[19].
Darüber hinaus seien die Haare so kurz, weil die kurzgeschorenen Köpfe an "Sträflinge, Sklaven und Soldaten" erinnerten[20], denn "so ähnlich wie diese fühle man sich als Skin"[21]. Warum die Skinheads, von denen sich nicht wenige als Elite des deutschen Volkes und der deutschen Rasse ansahen[22], sich nun ausgerechnet mit Sträflingen oder Sklaven indentifizierten, legten die Autoren jedoch nicht dar.
Mit der Ausbreitung des Skinhead-Stils verlagerten sich die Gesellungsräume der Jugendlichen von den Großstädten in die Provinz[23]. Wiederum nicht einig waren sich die Wissenschaftler, ob soziale Brennpunkte als Kristallisationspunkt für solche Gesellungsräume der Skinheads dienten. Die Mitarbeiter des Vereins Jugend und Sport waren dieser Auffassung[24], während der Stern dieses bestritt[25].
Interessant war, daß, während der Skinhead-Stil in Deutschland an Bedeutung zunahm und sich ausbreitete, er in seinem Ursprungsland England an Bedeutung verlor[26].
Das Image der Skinheads wurde in der dritten Generation zunehmend von rechtsradikalem Gebaren bestimmt. Seit der Bundesligasaison 1988/ 89 kehrten die Skinheads vermehrt zurück in die Fußballstadien, jedoch nicht, wie noch zur Zeit der ersten Generation, um den Fußballspielen beizuwohnen, sondern es ging ihnen nur um die politische Demonstration[27]. Organisierte rechtsextreme Gruppen konnten unter den Skinheads der dritten Generation ihren Einfluß erheblich ausbauen, was am Auftreten der Skinheads und den Parolen abzulesen war[28].
Deuteten diese Verhaltensweisen nun darauf hin, daß die Skinheads die schlagende Avantgarde rechtsradikaler Ideologie oder doch "nur" ein unpolitischer Haufen war, der durch Versatzstücke rechten Gedankengutes provozieren wollten? Die Meinungen darüber gingen auseinander.[29] Im folgenden soll speziell auf Autoren eingegangen werden, die die Skinheads als homogene Masse betrachteten und daher kaum auf die verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Skinhead-Szene eingingen.
Es wurde darauf verwiesen, daß die Skinheads bei anderen Jugendlichen den Eindruck hinterließen, sich nichts gefallen zu lassen. In vielen alltäglichen Bereichen schienen sie sich durchsetzten zu können. Niemand traue sich, sie wegzudrängen - in der U-Bahn, an der Theke, im Stadion und in der Gesellschaft[30]. Die Skinheads sähen sich in Rolle von Rebellen gegen die deutsche Gesellschaft, in die sie nirgends richtig hineinpaßten[31]. Rechts zu sein, sei dabei das geeignetste Mittel, diese Haltung nach außen zu verdeutlichen, und daher nur eine Modesache[32]. Rechtsradikales Verhalten sei nur aus Gründen der Provokation verwandt worden und deute nicht auf ein verfestigtes rechtes Weltbild der Jugendlichen hin[33]. Das spiegele sich auch im Selbstverständnis der Skinheads wider, die sich in der Regel nicht rechts sähen[34].
Zu diesem Ergebnis kamen auch Farin und Seidel-Pielen, die in ihrer Umfrage darauf verweisen konnten, daß sich nur ein Drittel der befragten Skinheads als rechts oder rechtsradikal einstuften[36].
Sicher muß bei dieser Selbsteinschätzung berücksichtigt werden, daß sich viele Skinheads zwar als nicht rechts ansahen, jedoch erfüllten sie ähnliche Kriterien, wie zum Beispiel Nationalismus. Das wurde deutlich bei Sätzen wie: "Neonazi will ich nicht sein, aber ich bin deutsch-national." oder "Ich bin kein Nazi, wenn ich sage, daß ich Deutschland lieb"[37].
Trotz dieser gebrochenen Selbsteinschätzung könnten die Skinheads nicht, wie es die öffentliche Diskussion teilweise tat, umstandslos unter die rechtsextreme Szene subsumiert werden[38]. Skinheads lehnten die organisierten rechtsradikalen Parteien vorwiegend wegen starrer Strukturen der Ordnung und Disziplin ab[39]. Dieses werde aber, so Baensch, kaum von der Gesellschaft wahrgenommen. In der Regel würden von ihr nur das Image der Skinheads als wüste Säufer und rechte Schläger verinnerlicht (vgl. Kapitel: Individualpsychologische Auswirkungen des Phänomens "Skinhead" auf die Bürger). Dabei seien die Skinheads in ihrem alltäglichen Leben überangepaßt und eiferten prinzipiell den Werten der bürgerlichen Gesellschaft nach.[40]
Andere Autoren stimmten zwar der Tatsache zu, daß der Einfluß der organisierten rechtsextremistischen Szene auf die Skinheads bis Mitte der 8oer Jahre eher gering war, und es erst seit den Vorfällen in Hoyerswerda im September 1991 zu einer Eskalation der Gewalttaten kam[41]. Nichtsdestotrotz sei es auch schon vor diesem Zeitpunkt zu einer offiziellen Verharmlosung rechtsradikaler Gewalt gekommen[42]. Erst nach Hoyerswerda wäre auch der Verfassungsschutz zu der Erkenntnis gelangt, daß die "bisherige, auf die alten Bundesländer bezogene Annahme, daß Skinheads, die sich öffentlich nationalsozialistischer Embleme bedienen und neonazistische - insbesondere rassistische - Sprüche skandieren, nur ohne ideologische Grundeinstellung provozieren wollten und deshalb regelmäßig nicht dem Rechtsextremismus zuzurechnen seien, (...) nicht mehr länger aufrechterhalten" ließe[43]. Spätestens seit diesem Zeitpunkt gäbe es eine enge Verflechtung zwischen der Gesamtheit der Skinheads und organisierten Rechtsextremisten, was sich aus der Tatsache ablesen ließe, daß Skinheads und militante Neonazis zusammen in aller Öffentlichkeit Ausländer jagten[44], sowie daraus, daß Skinheads verstärkt Mitglieder und Funktionäre rechtsradikaler Parteien wie der FAP, der DA, der NF und den "Republikanern" würden[45].
Ein Teil der Wissenschaftler waren der Überzeugung, daß Skinheads nicht aus politischen Gründen zu Gewalttätern geworden seien, sondern als Gewalttäter sich politische Begründungen ausgeliehen hätten[46]. Damit wären die Skinheads weniger von rechten Parteien instrumentalisiert worden, sondern hätten sich vielmehr der rechten Parteien bedient, um günstig an Räumlichkeiten und Bier zu kommen sowie Gelegenheiten zur Randale zu haben[47]. Daher war Matthesius überzeugt, daß sich die Skinheads erneut verweigerten, wenn die rechten Parteien sie über diese Angebote hinaus organisieren wollten[48]. Pilz und Sengebusch waren ebenfalls der Auffassung, daß die Skinheads keine neue Avantgarde der Rechten seien. Jedoch würden die Skinheads zumindest ein großes Potential für den Fall darstellen, daß es einer rechtsradikalen Partei gelänge, gesellschaftlich breite Anerkennung zu erringen[49].
Die Auffassung, daß zumindest die Skinheads der dritten Generation durchweg mit Rechtsradikalen, Rechtsextremisten oder Neonazis gleichzusetzen seien, schien durch empirische Ergebnisse bestätigt zu werden. Die Täter beziehungsweise Tatverdächtigen fremdenfeindlicher Gewalttaten zeichneten sich durch dieselben Charakteristika aus, wie sie für Skinheads zu gelten schienen. Zwischen der Zunahme der Gewalttaten und der Entwicklung der Skinheads gab es viele Entsprechungen.
Willems wies in seiner Untersuchung über fremdenfeindliche Gewalt darauf hin, daß es ab 1991 zu einer deutlichen Zunahme der fremdenfeindlich motivierten Straf- und Gewalttaten gekommen sei[51]. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der Skinheads ebenfalls erheblich an[52]. Zudem gaben viele Skinheads zu, daß Gewalttätigkeiten ihnen Spaß machten[53].
Die überwiegende Zahl der fremdenfeindlichen Straf- und Gewalttäter war unter 2o Jahre alt[54]. Auch die tatverdächtigen Skinheads waren, so die Erkenntnis verschiedener Quellen[55], in der Mehrheit unter zwanzig Jahre (siehe nebenstehende Grafik).
Viele der fremdenfeindlichen Straf- und Gewalttaten verübten Schüler oder Auszubildende[56]. Das traf auch auf Skinheads zu[57]. Der Anteil der männlichen Jugendlichen unter den fremdenfeindlichen Straf- und Gewalttätern war - mit über 9o Prozent - sehr hoch[58].
Auch bei den Skinhead-Tätern war die Mehrheit männlichen Geschlechtes, jedoch stieg der Anteil der Mädchen unter ihnen an[59].
Die tatverdächtigen fremdenfeindlichen Straf- und Gewalttäter war zum überwiegenden Teil "ledig"[63]. Es gab zwar keine empirischen Erkenntnisse über die Familienstände der Skinheads, aber ihr Alter und die Tatsache, daß sie in der Regel noch Schüler oder Auszubildende waren, legten den Schluß nahe, daß auch sie überwiegend ledig waren.
Sehr häufig wurde vor der Begehung von fremdenfeindlichen Straf- und Gewalttaten Alkohol getrunken[64]. Daß Skinheads massiv Alkohol tranken - das sogenannte "Koma-Saufen" - gehörte schon fast zum Allgemeinwissen über Skinheads[65].
Ebenso gehörte zum Standartwissen über Skinheads, daß sie häufig in Gruppen auftraten[66]. Auch die fremdenfeindlichen Straf- und Gewalttaten fast immer in Gruppen begangen[67].
Diese fremdenfeindlichen Straf- und Gewalttaten waren überwiegend nicht geplant. Sie entstanden spontan aus Gruppenaktivitäten und Gruppenprozessen[69], wie auch die nebenstehende Grafik (Tat durch Dritte organisiert?) verdeutlicht [70].
Aufgrund dieser Ergebnisse kam Willems zu der Feststellung, daß sich für "die Mehrzahl der fremdenfeindlichen Straf- und Gewalttäter Affinitäten zu Skinhead-Gruppen und sonstigen fremdenfeindlichen Gruppen nachweisen" lassen[71], auch wenn die Zugehörigkeit zu rechtsextremistischen Vereinigungen deutlich geringer ausfiele[72]. Skinheads waren demzufolge nicht organisiert, sondern "nur" spontan fremdenfeindlich. Dem Wortlaut nach machte Willems zwar eine Unterscheidung zwischen fremdenfeindlichen Straf- und Gewalttätern einerseits und Rechtsradikalen andererseits, aber in der Praxis wurde gerade die Fremdenfeindlichkeit als ein Indiz für Rechtsradikalismus beziehungsweise Rechtsextremismus angesehen[73], so daß diese Trennung sehr problematisch scheint, zumal auch in Willems Buch beide Begriffe gleichgesetzt wurden (- auf der Titelseite wurde der Buchtitel mit "Fremdenfeindliche Gewalt" angegeben, auf dem Buchrücken mit "Rechtsradikale Gewalt").
Andere Autoren bestritten, daß die Skinheads übermäßig an Straf- und Gewalttaten beteiligt gewesen waren. Es seien vielmehr die ganz "normalen" Jugendlichen, die mit ihrem unauffälligen Verhalten kaum Aufmerksamkeit auf sich zögen, bei denen aber extremistische Haltungen stark ausgeprägt seien[74]. Auch bei den Ereignissen in Hoyerswerda sei den wenigsten Beschuldigten eine Mitgliedschaft im Skinhead-Milieu nachzuweisen gewesen[75]. Allgemein betrachtet, seien die Skinheads zwar die auffälligste Gruppe unter jenen Jugendlichen, die häufiger in gewalttätige Delikte verwickelt waren, aber, so stellten Farin/ Seidel-Pielen fest, zwei Drittel der fremdenfeindlichen und drei Viertel der allgemeinen kriminellen Jugendgewalt wurden nicht von Skinheads, sondern von anderen Jugendlichen begangen[76]. Auch Ohder wies in seiner Untersuchung darauf hin, daß nur 16 Prozent der straffälligen Jugendlichen, die in Berlin von der Arbeitsgemeinschaft "Gruppengewalt" der Berliner Polizei zusammengefaßt waren, Skinheads seien[77].
Ähnlich unterschiedlich bewerteten die Wissenschaftler die sozialen Hintergründe der Skinheads. Eine Gruppe von Autoren verwies darauf, daß nur wenige der Skinheads zu den sozial Benachteiligten gehörten[78]. Sie seien Söhne von sozialdemokratischen Gewerkschaftern, Verwaltungsangestellten[79], Ärzten und engagierten Umweltschützern[80]. Die größere Gruppe von Wissenschaftlern jedoch stellte den sozialen Hintergrund in düstersten Farben dar. Da war die Rede von trinkenden, strafenden oder arbeitslosen Vätern[81], von Müttern, die ebenfalls arbeitslos waren[82] oder an Krebs gestorben waren[83] beziehungsweise sich im Keller erhängt hatten[84], von Problemen mit Müttern[85], von wenig Geborgenheit in der Kindheit[86], von Aufenthalten in Pflegefamilien und Heimen[87] und von niedriger formaler Bildung[88].
Unterschiedlich wurde auch die Rolle der Familien bei der Hinwendung ihrer kahlgeschorenen Söhne zum Rechtsradikalismus beurteilt. Einige Eltern waren durchweg entsetzt[89], andere unterstützten ihre Söhne auch, wenn diese fremdenfeindliche Straftaten begangen hatten[90], so daß sich die Skinheads in ihrer Ablehnung von Ausländern mit breiten Bevölkerungsschichten einig zu wissen glaubten[91].
Hinsichtlich der Differenzierung der Skinhead-Szene gestanden zwar alle Autoren dieser Szene eine gewisse Bandbreite zu, die von "Redskins" über "Oi-Skins" zu "Fascho-Skins" reichte[92], aber bei der Gewichtung der einzelnen Gruppen konnte keine Einigkeit hergestellt werden.
Ganz allgemein hatte Seidel-Pielen festgestellt, daß "rassistische Skinheads (...) neben überzeugten Antirassisten, unpolitische neben Willy-Brandt-Fans und Anhängern von Karl Marx und Rosa Luxemburg" standen[93]. Das wurde auch durch die Ergebnisse einer Befragung bestätigt, die Farin und Seidel-Pielen unter Skinheads durchgeführt hatten[94]:
Zur Größe der "Redskins", die sich zwar als links verstanden, aber trotzdem in der linken Szene als sexistisch galten[96] und nicht eben toleranter mit ihren Gegnern umgingen als ihre rechten Counterparts[97] meinte Nevill, daß diese Gruppe "nicht so klein" sei[98]. Fromm und der Spiegel hielten sie für "eine Ausnahmeerscheinung"[99] und Hestermann behauptete, daß es sie praktisch überhaupt nicht gäbe[100], wie auch der Verfassungsschutz[101].
Über die S.H.A.R.P.-Skins wurde von den Zeitgenossen der dritten Skinhead-Generation nur festgestellt, daß sie zwar nicht unbedingt links seien, aber keine Rassisten waren[102]. Ansonsten gäbe es unter ihnen "idealistische Sozialisten jeglicher Couleur genauso wie Genschman-Fans, Fußballhooligans und Dartprofis, nachdenkliche junge Leute (...) und tumbe Suff-Prolls, die sich eine Glatze zulegten, weil ihre Haare nichts mehr unter der Schädeldecke vorfanden, worin sie sich hätten festkrallen können"[103]. Aber auch diese Skins waren keine Engel und hatten trotz Ablehnung des Rassismus Homosexuelle angegriffen[104]. Gegen diese Haltung gab es seit 1992 das GSM, das "Gay Skinhead Movement". Es schloß Skinheads zusammen, die sich offen als homosexuell outeten[105].
Die größte Gruppe unter den Skinheads stellten die Oi-Skins dar, die ihren Namen von der Oi-Musik herleiteten. Genauere Zahlen über ihre Größe nannten die Autoren nicht, jedoch verwiesen sie darauf, daß die Oi-Skinheads teilweise über ein rechtes Weltbild verfügten und rechte Ideologie als Anleitung zum Handeln nahmen, wenn auch eine feste Einbindung in das organisierte rechtsradikale Netzwerk nicht nachzuweisen sei[106].
Als extremste Gruppe wurden die "Fascho"- oder "Nazi-Skins", auch als "Boneheads" bezeichnet, angesehen - eine Minderheit, laut Fromm[107]. Auch wenn sie nach Meinung von Annas nur "gefährliche Vollidioten" waren[108], bezögen sie sich deutlich auf nationalsozialistisches Gedankengut[109] und seien daher häufig Mitglieder in rechtsextremistischen Organisationen[110]. Über ihr neonazistisches Weltbild hinaus seien sie durch "stinknormale Wünsche nach intakter Familie, Arbeit und einem geregelten Leben" in ihrem Denken und Wollen gekennzeichnet[111]. Die eigene Familie beziehungsweise die Gründung einer solchen war daher ein wichtiger Bezugspunkt für diese Jugendlichen[112], auch wenn ihr Frauenbild von maskulinen Überlegenheitsgefühlen geprägt sei[113].
Auch wenn es zwischen "Oi-Skins" und "Nazi-Skins" gewisse Berührungspunkte in der ideologischen Ausrichtung zu geben schien, gab es trotzdem eine gewisse Rivalität zwischen den beiden Gruppen, weil es gerade die "Nazi-Skins" waren, die dem Skinhead-Stil insgesamt das sehr negative Image verliehen hatten, unter dem auch die "Oi-Skins" litten. Da deshalb mehr als zwei Drittel der Skinheads die "Nazi-Skins" ebenso als ihre Feinde und Gegner ansahen[114] wie linke und ausländische Jugendliche, blieb das nicht ohne Rückwirkung auf die "Nazi-Skins. Das äußere Erkennungszeichen, die Glatze, wurde zu gefährlich, um sie weiterhin zu tragen. Zur Tarnung ließen sich die "Boneheads", so die Erkenntnis des Verfassungsschutzes im Jahr 1993, ihre Haare wieder wachsen[115].
Schule
Die schulischen Institutionen reagierten spät auf das Vorhandensein der Skinheads. Erste Erwähnungen in schulischen Publikationen gab es im Herbst 1988[116]. Weitere Berichte wurden dann zu Beginn der 9oer veröffentlicht - mit der Verstärkten Präsenz der Skinheads der dritten Generation in den Medien[117].
Die Gründe könnten vielschichtig sein:
• Generell gelte für Jugendkulturen, daß sie außerschulisch, außerfamiliär und freizeitbezogen seien. Daher würden sie, und damit auch die Angehörigen des Skinhead-Stils, bewußt außerpädagogische Sozialräume suchen und den Kontakt zur Schule oder zu anderen pädagogischen Institutionen meiden.[118]
• Gerade die Angehörigen der ersten beiden Skinhead-Generationen waren in einem Alter zu den Skinheads gestoßen, in dem sie nicht mehr zu Schule gingen.[119] Daher kamen Schulen erst dann mit Skinheads in Kontakt, als das Einstiegsalter in die Szene sank und vermehrt "Babyskins" auftauchten.
• Wie schon andere setzten auch Lehrer und diejenigen, die in und für die Schule beschäftigt waren, die Skinheads mit rechten oder gewalttätigen Jugendlichen gleich. Sie entwickelten daher keine besonderen Strategien, wie auf Skinheads zu reagieren sei[120].
Gerade die Kombination der letzten beiden Punkte war wahrscheinlich der Hauptgrund dafür, daß Skinheads erst so spät von der Schule wahrgenommen wurden.
Im Gegensatz zur Situation in England bleibt festzuhalten, daß in der Literatur über die Skinheads in Deutschland jenen Jugendlichen keine besondere Rolle in bezug auf die Schule, wie zum Beispiel die einer "anti-school-brigade", zugeschrieben wurde.
Polizei und Verfassungsschutz
Ungefähr zu demselben Zeitpunkt, da sich die dritte Generation der Skinheads herausbildete, seit 1987, wurden auch die Polizeidienststellen auf die neuen, gewalttätigen Jugendgruppen aufmerksam. Die Zahl der Gewalttaten, die von Skinheads begangen wurden, nahmen erheblich zu. In der Folge kam es zur Bildung von verschiedenen Sonderdezernaten in Westdeutschland, die sich auf Skinheads spezialisierten. Diese Abteilungen arbeiteten mit polizeitypischen Mitteln wie Vernehmungen, Überwachung von Brennpunkten, Einschreiten bei Straftaten und sie betrieben zivile Aufklärung - als sogenannte "Turnschuhpolizisten". Über die üblichen Tätigkeiten hinaus bauten sie Kontakte zur Skinhead-Szene auf, um Hintergrundwissen über und Verständnis für Skinhead-Gruppen zu gewinnen. Diese Kenntnisse sollten deeskalierend eingesetzt werden.[121] In Berlin wurde zum Beispiel im April 1989 die "AG Skinhead" gebildet[122].
Auch der Verfassungsschutz war früh auf die Skinheads aufmerksam geworden. Zwar gab es schon Mitte der 8oer Hinweise darauf, daß Kontakte zwischen Skinheads und organisierten Rechtsradikalen beziehungsweise Neonazis gab[123], aber der Verfassungsschutz kam trotzdem zu der Auffassung, daß die Indoktrinierung der Skinheads durch Neonazis nicht erfolgreich gewesen sei[124].
Diese Erkenntnis traf sich auch mit der Einschätzung des Landeskriminalamtes in Wiesbaden, die ebenfalls davon ausging, daß der typische Randalierer keine rechtsextreme Biographie aufweise[125]. Während der gesamten Hälfte der 8oer Jahre handelten die Verfassungsschutzberichte Skinheads nur mit knappen Randnotizen ab[126].
Noch 199o gab der Verfassungsschutz bekannt, daß nur etwa ein Zehntel der rund 3.ooo Skinheads in Westdeutschland den Neonazis zuzurechnen sei[127], beziehungsweise einschließlich der oberflächlich politisierten Skinheads (zum Beispiel der "Oi-Skins", obwohl diese Gruppierung noch nicht namentlich erwähnt wurde) nur ein Sechstel der Skinheads, also nur rund 5oo, als extrem und militant einzustufen sei[128]. Diese Skinheads zeichneten sich zu diesem Zeitpunkt in ihren Straftaten durch vergleichsweise gewaltarme Propagandadelikte aus als durch Brandanschläge und Körperverletzungen[129].
Von rechten Skinheads wurde eine erste Hausbesetzung im Ostberliner Stadtteil Lichtenberg, Weitlingstraße 122, durchgeführt[131]. Darüber hinaus wies der Verfassungsschutz darauf hin, daß der Anteil der Rechtsextremisten unter Skinheads im Osten Deutschlands größer war als im Westen[132].
Seit Beginn der 9oer unterschieden sich die Sichtweisen der Polizeibehörden und des Verfassungsschutzes in bezug auf die Skinheads. Die Polizei gelangte zu der Auffassung, daß Skinheads nicht isoliert von der übrigen Jugendkultur betrachtet werden dürften[133]. Daher bildete sie ihre Sonderdezernate um - aus der Berliner "AG Skinhead" wurde 199o die "AG Jugendgruppengewalt"[134]. In Hamburg gab es seit 1991 die Fachdienststelle "Junge Gewalttäter"[135]. Der Verfassungsschutz hingegen begann sich immer mehr auf die Skinheads zu konzentrieren und baute sie systematisch zum Synonym für Rechtsradikalismus, Neonationalsozialismus und Gewalt auf.
Das geschah vornehmlich durch eine Steigerung der Gesamtanzahl der Skinheads. 1991 zählte der Verfassungsschutz 6.6oo Skinheads[137]. Gleichermaßen stieg der Anteil der Rechtsextremisten unter den Skinheads. Er befand sich nun bei über 6o Prozent, 4.2oo Skinheads absolut[138] - eine wahre Explosion. Auch Farin und Seidel-Pielen, ansonsten eher kritisch gegenüber den Erkenntnissen des Verfassungsschutzes, da sie diese auch schon mal als "kuriose Fehleinschätzungen" bezeichneten[139], stimmten dem Verfassungsschutz hinsichtlich der Annahme einer Inflation von Skinheads zu[140]. Für das folgende Jahr machte der Verfassungsschutz eine erneute Zunahme des Anteils der Extremisten unter den Skinheads aus. Die Zahl der militanten Rechtsextremisten unter ihnen stieg demzufolge auf 6.4oo an[141]. Fast alle der 4.4oo Neonationalsozialisten waren Skinheads, nämlich 4.2oo[142]. Der Auffassung, daß fast alle Skinheads des Jahres 1992 mehr oder weniger rechtsextrem waren, war auch Schubarth. In seiner Untersuchung stimmten über 9o Prozent der Skinheads rechten Positionen - wie zum Beispiel der Losung: "Deutschland den Deutschen" - zu[143].
Im Jahre 1993 konstatierte der Verfassungsschutz einen leichten Rückgang in den Zahlen - nur noch 5.6oo Rechtsextremisten wurden gezählt[144]. Die Neonationalsozialisten unter den Skinheads waren anscheinend völlig verschwunden, da sie nicht mehr erwähnt wurden. Dieser Rückgang wurde auf die verschiedenen polizeilichen Gegenmaßnahmen wie Vereinsverbote, hohe Strafen für Täter, Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen zurückgeführt, die die Szene verunsichert hätten[145].
Weiterhin wurde am Image, daß die Skinheads im Osten Deutschlands rechtsradikaler als ihre westlichen Counterparts seien, vom Verfassungsschutz weiter festgehalten. Während im Westen 1991 nur ein Drittel der Skinheads neonationalsozialistisch ausgerichtet seien, wären im Osten alle der 3.ooo Skinheads rechtsextrem[146]. Auch im folgenden Jahr gab es im Osten mehr militante rechtsextreme Skinheads (3.8oo) als im Westen (2. 6oo)[147]. Erst für das Jahr 1993 schien der Westen "aufzuholen" - nun lebten in den alten Bundesländern 3.ooo rechtsextremistische Skinheads. In den fünf neuen Bundesländern sank ihre Zahl auf 2.6oo[148]. Damit lag der Verfassungsschutz mit seinen Schätzungen des Anteils der Rechtsextremisten unter den Skinheads jeweils an erster Stelle der Einschätzungen (vgl. Kapitel: Skinheads - die harten Fakten).
Als Neuerung in den Berichten des Verfassungsschutzes muß die Tendenz angesehen werden, seit 1991 verstärkt auf den Status von Tätern oder mutmaßlichen Tatbeteiligten an Straf- und Gewalttaten hinzuweisen.
Das geschah einerseits, indem Formulierungen verwandt wurden wie: "15o Personen - davon zumindest 126 Skinheads - hatten bereits eine oder zwei rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten verübt"[149], oder "28 Personen - fast ausschließlich Skinheads - sind als Mitglieder bzw. Anhänger einer rechtsextremistischen Organisation, insbesondere der FAP, bekannt gewesen"[150]. Ähnliche Formulierungen fanden sich in den nächsten Verfassungsschutzberichten[151]. Solche Formulierungen erweckten den Eindruck, daß zwar nicht alle Rechtsextremisten Skinheads waren, aber fast alle Skinheads Rechtsextremisten. Verstärkt wurde dieser Eindruck dadurch, daß behauptet wurde, daß nicht-rechtsextreme Skinheads Ausnahmen von der Regel seien[152].
Andererseits wurde bei Tatbeschreibungen vermehrt darauf hingewiesen, daß die Täter aus der Skinhead-Szene stammten[153]. Darüber hinaus wurde seit 1991 bei der Auflistung von Verurteilungen explizit auf die Zugehörigkeit der Täter zur Skinhead-Szene verwiesen[154]. In früheren Berichten fehlten solche Hinweise auf den Status der Täter wie zum Beispiel "Nazi-Rocker", "Neonazi" oder auch "Skinhead".
Zwar ging der Verfassungsschutz auch auf die verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Skinheads ein, aber das tat er anscheinend nur pro forma, denn obwohl es unpolitische wie auch linksextreme Skinheads gäbe, gebe es sie trotzdem nicht, da fast alle Skinheads rechts seien, auch wenn sie selbst es häufig nicht wahrnehmen wollten[155]. Neben solcher interessanten Darstellungsweise kam der Verfassungsschutz zu der Überzeugung, daß es Skinheads in Großstädten und in der Provinz gebe[156], daß die Skinhead-Gruppen keine festen internen Strukturen aufwiesen[157], aber auch nicht von anderen Organisationen gesteuert oder instrumentalisiert worden seien[158] und aus eher marginalisierten Lebenssituationen stammten[159].
Seit 199o also stellte der Verfassungsschutz Skinheads in den Mittelpunkt seiner Berichte über rechtsextremistische Gewalt. Das muß vor dem Hintergrund gesehen werden, daß die diversen Polizeibehörden im selben Zeitraum zu der Auffassung gelangten, daß fremdenfeindliche und allgemeine Kriminalität in der überwiegenden Mehrheit nicht von Skinheads begangen wurden[160] beziehungsweise die Skinheads die NS-Symbolik nur zu Provokationszwecken verwandten und daher nicht auf rechte Indoktrination geschlossen werden könne[161].
Farin und Seidel-Pielen vermuteten, daß der Verfassungsschutz ein "Horrorszenario (...) glatzköpfiger Gewalteskalation"[162] gezeichnet habe, um in Zeiten der Sparmaßnahmen seine finanziellen Zusicherungen auch in der Zukunft zu erhalten. Dieses wurde von Bredthauer, seines Zeichens wissenschaftlicher Mitarbeiter der Landespolizeidirektion Hamburg jedoch bestritten[163]. Trotzdem müssen der Umgang mit Formulierungen und die Verwendung von Zahlenmaterial durch den Verfassungsschutz recht skeptisch beurteilt werden. Auf die manipulative Handhabung von Begriffen ist schon eingegangen worden, daher soll hier nur noch einmal kurz die Art der Präsentation des statistischen Materials betrachtet werden.
Auffälligstes Merkmal der Skinhead-Entwicklung war die rasante Zunahme der Glatzen nach der deutschen Vereinigung im Jahre 199o. Die Verfassungsschutzberichte dokumentierten diese Zunahme als Beleg für eine Radikalisierung der rechtsextremistischen Szene. Immerhin stieg die Zahl der Skinheads von knapp 3.ooo im Jahre 199o auf 6.5oo im Jahr 1991 an. Tatsächlich jedoch kam diese Steigerung dadurch zustande, daß durch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten die ursprünglich getrennt gezählten Skinheads nun addiert wurden: Jene schon vorher in der DDR existierenden 3.ooo Skinheads[164] kamen nun zu den knapp 3.ooo in Westdeutschland dazu[165]. In dem betreffenden Verfassungsschutzbericht wurde aber die Gesamtzahl nicht als Ergebnis der Addition dargestellt, sondern die Zahlen wurden implizit als Beweis für den "Anstieg (...) neonationalsozialistischen Gewaltpotentials" dargestellt[166].
Aber nicht nur das Bundesamt für Verfassungsschutz berichtete über Skinheads, sondern auch die einzelnen Landesämter gingen in ihren Berichten auf Skinheads ein oder veröffentlichten umfangreiche Abhandlungen zu diesem Thema.
Das Landesamt Hamburg folgte zum Beispiel in Berichten der Linie des Bundesamtes. So seien die Skinheads in Hamburg wenig strukturiert[167] und in der Regel nicht an neonazistische Organisationen wie der NL gebunden[168]. Skinheads hätten daher nur ein geringes politisches Allgemein- und Hintergrundwissen. In erster Linie seien sie gewaltfasziniert und wenig interessiert an argumentativer Auseinandersetzung[169]. Die Skinheads seien auch in Hamburg in unterschiedliche Fraktionen aufgesplittert. "Neben den zahlenmäßig kleinen linksorientierten S.H.A.R.P.-Skins gibt es die in erster Linie gewaltorientierten Skins, die ausschließlich an der Oi-Musik orientierten Skins sowie die rechtsextremistisch positionierten Skins."[170] Die fortwährenden Strafverfolgungsmaßnahmen des Jahres 1992 gegen gewalttätige Skinheads sowie die tätlichen Übergriffe militanter Autonomer und jugendlicher Ausländer hätten auch in Hamburg dafür gesorgt, daß die Zahlen der Skinheads rückläufig waren[171].
Gerade die letzte Einschätzung des Erfolges von "Gegengewalt" besonders andersdenkender Jugendlicher gegen Skinheads, die zu einem Rückgang der Skinhead-Zahlen geführt hatte, zusammen mit dem Vorwurf, daß Skinheads, die Straf- und Gewalttaten begingen, nur recht milde bestraft würden (vgl. Kapitel: Justiz), schienen eine Haltung plausibel zu machen, die - umgangssprachlich ausgedrückt - besagte, "Haut die Glatzen, bis sie platzen". Eine Haltung, die von autonomen und ausländischen Jugendlichen bis hin zu "Redskins" vertreten wurde. Letztere meinten mit den "Glatzen" ihre rechten Counterparts - die "Boneheads"[172].
Diese Haltung übersehe jedoch, so die Auffassung anderer Autoren, daß diese Gegengewalt genau das sei, worauf die Skinheads zielten. Ob nun Polizei, "Redskins" oder autonome Jugendliche, würden sich die "Gegner" ersteinmal auf Straßenkämpfe einlassen, kämen sie der Erwartung der Skinheads entgegen, denn diese Kämpfe seien Teil jenes Erlebniswochenendes, das Skinheads interessiere. Die vermeintliche Abschreckung wäre für Skinheads willkommener Anlaß zur Randale.[173]
Mehrere Landesämter des Verfassungsschutzes publizierten Berichte, die sich ausschließlich mit Skinheads auseinandersetzten. Wer aber erwartete, in diesen Publikationen detaillierte Informationen über die Skinheads in den jeweiligen Bundesländern zu finden, der wurde arg enttäuscht.
Die folgten fast alle dem selben Schema: Zuerst gab es eine kurze Abhandlung über die historischen Wurzeln des Skinhead-Stils in England[174], dann folgte ein Blick auf die unterschiedlichen Gruppierungen der Skinhead-Szene, wobei die rechten Skins in ihrer Bedeutung hervorgehoben wurden[175]. Anschließend wurden einige Fanzines und Skinhead-Gruppen vorgestellt[176]. Im Anhang fanden sich Kopien von Plattencovern, Liedtexten, Fanzine-Artikeln und Skinhead-Symbolik[177].
Die Berichte reproduzierten nur altbekannte, eindimensionale Analysen, die die Skinheads weiter stereotypisierten: Die Skinheads stammten aus marginalen Lebenssituationen[178], nicht-rechte Skinheads seien eine Ausnahme von der Regel[179], die Skinheads wiesen kaum feste Strukturen auf[180], sie seien (noch) nicht in rechte Organisationen fest eingebunden[181].
Scheinbar im Bemühen, auch im eigenen Bundesland eine potente Skinhead-Bewegung zu dokumentieren, wurde so viel Material wie möglich herangezogen. Dieses Material bezog sich jedoch häufig nicht auf das eigene Land, sondern umfaßte auch unkommentierte (!) Belege aus anderen Bundesländern. Die Berichte der Landesämter von Baden-Württemberg und Niedersachsen stimmten im Wortlaut bis hin zu ganzen Passagen überein. Dabei bezog sich der Bericht des Landesamtes Baden-Württemberg sogar auf Ereignisse, die nicht im eigenen Bundesland stattfanden, sondern in Niedersachsen[182]. Das Cover des Skinhead-Fanzines "Nordwind, Nr. 1", das die "Ruhrpott-Skins" aus Ober-Erkenschwick in Nordrhein-Westfalen herausgaben[183], wurde nicht im Bericht des Landesamtes dieses Bundeslandes abgedruckt, aber dafür in den Anhängen der Berichte der Landesämter von Baden-Württemberg, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz. Texte der Skinhead-Band "Radikahl", die aus Nürnberg, also dem Bundesland Bayern kamen, wurden in den Anhängen der Berichte der Landesämter von Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz publiziert. Lieder von "Störkraft", einer Gruppe, die entweder aus Düsseldorf[184] oder Andernach kam[185], und damit von den zwei betroffenen Landesämtern ins jeweils andere Bundesland "abgeschoben" wurde, fanden in den Berichten der Landesämter von Baden-Württemberg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz Erwähnung. Das verwandte Zahlenmaterial stammte teilweise vom Bundeskriminalamt, vom Bundesamt für Verfassungsschutz oder von den Berichten anderer Landesämter[186]. Bei solcher Abschreiberei der verschiedenen Landesämter untereinander wurden natürlich auch Fehler und Ungenauigkeiten kopiert. So bezeichneten die Landesämter von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen die Band "Public Enemy" als Skinhead-Band[187]. Das war falsch. "Public Enemy" war eine U. S.-amerikanische "Hip-Hop"-Band aus Schwarzen[188] und konnte daher schwerlich eine "White-Power"-Skinhead-Band sein.
Letztendlich enthielten die Berichte der einzelnen Landesämter in der Mehrzahl Platitüden und Oberflächliches in bezug auf Skinheads. Die einzigen orginären Erkenntnisse waren Auflistungen von Straftaten und Angaben zur Zahl der Skinheads in den einzelnen Bundesländern (vgl. Kapitel: Skinheads - die harten Fakten). Da aber diese Informationen, die auf einer halben Seite Platz gefunden hätten, in Berichten auftauchten, die ohne Anhänge zwischen 15 und 27 Seiten umfaßten, wurden auch bei diesen Beispielen in fast manipulativer Art Gefährdungs- und Bedrohungsszenarien für die einzelnen Bundesländer entwickelt, die so nicht gegeben waren.
Denn während die einzelnen Verfassungsschutzbehörden meinten, daß Skinheads ab 1991 fast ausnahmslos rechten Positionen nachhingen, kamen andere Autoren und Behörden zu der Einschätzung, daß der Anteil von Skinheads an fremdenfeindlichen Gewalttaten nie die 4o Prozent- Marke überschritt, sondern häufig weit darunter lag[189]. Die Autoren lieferten für diese Auffassung konkrete Zahlen. Daraus wurde folgende Grafik erstellt[190]:
Die einzige Übereinstimmung in den Erkenntnissen der Verfassungsschutzbehörden und den Ergebnissen anderer Autoren ergab sich in der Meinung, daß die Skinheads im Osten Deutschlands gewalttätiger, brutaler und rechtsextremer seien als ihre westlichen Gegenstücke[191]. Wissenschaftliche Befragungen von Hoffmann-Lange[192] und Willems bestätigten dieses.
Bei Willems drückte sich die höhere Gewaltbereitschaft der Skinheads im Osten Deutschlands in einem höheren Anteil von Skinheads unter den Tatverdächtigen aus, welche fremdenfeindliche Straf- und Gewalttaten begangen haben sollen[195].
Diese Radikalisierung galt jedoch nur für die Skinheads selbst und nicht für die Jugendlichen in den fünf neuen Bundesländern.
Eine Untersuchung, die von Hoffmann-Lange zitiert und vom Deutschen Jugendinstitut einige Jahre nach der Untersuchung von Niederländer durchgeführt wurde, nämlich 1992, hatte nicht nur zu demselben Resultat geführt, sondern belegte darüber hinaus auch, daß die Jugendlichen in ihrer Gesamtheit fast eine Normalverteilung einnahmen, das heißt, das Gros der Befragten gruppierte sich in der politischen Mitte, wobei die Anteile nach links und rechts hin kontinuierlich abnahmen[197]:
Im Durchschnitt unterschieden sich - nach diesen Untersuchungen - die Jugendlichen in Ost und West über die Jahre kaum in bezug auf die politische Ausrichtung.
Justiz
Wie schon die verschiedenen Verfassungsschutzbehörden zu Anfang der 9oer schenkte auch die Justiz den Skinheads wenig Aufmerksamkeit beziehungsweise wertete Straftaten von Skinheads, die sehr häufig auch fremdenfeindlichen Charakter zu haben schienen, sehr milde. Im folgenden soll eine kleine Liste von Verurteilungen wiedergegeben werden, auf die sich die Literatur bezog, um jene Tendenz zu belegen, wobei natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden soll.
Ein gewalttätiger Skinhead wurde freigesprochen, nachdem er einen Hausbesetzer mit Messerstichen in den Rücken schwer verletzt hatte[198].
Ebenfalls freigesprochen wurde eine Gruppe von Skinheads vom Vorwurf des Landfriedensbruchs, obwohl sie eine überwiegend von Linken und Farbigen besuchte Kneipe in Linden völlig demoliert hatten und dabei einen Sachschaden von 7o.ooo DM verursachten[199].
Wegen Totschlages und nicht wegen Mordes, da nach der Überzeugung des Gerichtes keine ausländerfeindlichen Motive zu erkennen waren, wurden die Skinheads verurteilt, die 1985 Ramazan Avzi erschlagen hatten[200].
Im Februar 1992 wurde ein Skinhead, der in Friedrichshafen einen Angolaner erstochen hatte, nur wegen Totschlages zu einer Jugendstrafe von fünf Jahren verurteilt[201].
Sogar nur wegen Körperverletzung mit Todesfolge wurden Skinheads zu einer Höchststrafe von vier Jahren verurteilt, obwohl sie im November 199o einen Afrikaner zu Tode prügelten[202]. Der Richter hatte die Tat als eine "jugendtypische Verfehlung" gewertet[203].
Als zwei Jugendliche drei Brandsätze auf eine von 54 Flüchtlingen bewohnte Baracke geschleudert hatten, wurden sie nur wegen versuchter Brandstiftung und Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt, denn das Gericht folgte der Aussage der Angeklagten, daß sie die Menschen nur hatten erschrecken wollen[204].
Wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit dem Herstellen gefährlicher Brandsätze wurden zwei Jugendliche zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt, da sie einen Brandanschlag durchführten, bei der eine Mutter mit ihren zwei Kindern schwerste Verbrennungen erlitten hatten[205].
18 Monate Haft auf Bewährung bekam ein Jugendlicher, der zusammen mit anderen zwei Jugendlichen Molotowcocktails gegen ein Asylbewerberheim geschleudert hatte. Dabei war es reiner Zufall gewesen, daß, da die Würfe schlecht gezielt waren, es zu keiner Katastrophe gekommen war[206].
Nicht immer jedoch waren die Gerichte in ihren Urteilen so milde. Im Dezember 1992 wurde ein Skinhead zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, weil er einen Afrikaner lebensgefährlich verletzt und anschließend in einen See geworfen hatte. Zwei Skinheads, die einen Mann zu Tode prügelten, weil er sich negativ über Hitler geäußert hatte, bekamen wegen Totschlag 8 1/2 Jahre und sechs Jahre Gefängnis.[207] Doch solche Urteile waren eher die Ausnahme von der Regel der Strafverfolgungspraxis.
Schon im Vorfeld der Strafverfolgung sorgten Schluderigkeit, Untätigkeit oder Hilflosigkeit dafür, daß zum Beispiel von 41o Verfahren wegen Landfriedensbruch und Verstoßes gegen das Versammlungs- und Waffengesetz von Mitte 1992 bis Anfang 1993 über 1oo eingestellt werden mußten[208]. Kam dann ein Fall doch vor Gericht, gingen Staatsanwaltschaft und Gerichte häufig wie selbstverständlich davon aus, daß die Täter keinen Tötungsvorsatz gehabt hatten[209] Daher kam es kaum zu Totschlag- oder Mordanklagen, sondern höchstens zu dem Anklagepunkt der Körperverletzung mit Todesfolge. Bei diesem Straftatsbestand wurde davon ausgegangen, daß der Tod nur infolge von bewußter oder unbewußter Fahrlässigkeit eingetreten sei[210].
Für viele Richter schienen die Gewalttäter einer Kategorie anzugehören: irgendwie arme Schweine, die nicht unbedingt die Weisheit mit Löffeln gefressen hatten und daher auch kaum eine berufliche Perspektive hätten[211]. Da selbst fremden- und ausländerfeindliche beziehungsweise rechtsradikale Parolen der Angeklagten nicht auf Vorsatz oder verfestigtes politisches Gedankengut hinwiesen, so die Auffassungen vieler Richter[212], auch nicht die zeitraubende Herstellung von Molotowcocktails[213] oder das Mitführen von Baseballschlägern durch einen Personenkreis, der den dazugehörigen Sport in aller Regel nicht ausübte, wurden Straftaten, die ansonsten als Mord hätten angeklagt werden müssen, allerhöchstens als Totschlag geahndet[214]. Bei der Bestimmung des Straftatsbestandes des Mordes wurde davon ausgegangen, daß vorsätzlich und aus niedrigen Beweggründen oder heimtückisch beziehungsweise grausam getötet worden war. Heimtückisch handele, "wer die Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers bewußt zur Tat ausnutzt"[215] und grausam tötet, "wer seinem Opfer in gefühlloser, unbarmherziger Gesinnung Schmerzen und Qualen körperlicher oder seelischer Art zufügt, die nach Stärke und Dauer über das für die Tötung erforderliche Maß hinausgehen."[216] Die Herstellung von Brandsätzen könne darauf hinweisen, daß aus Vorsatz gehandelt worden war[217], Fremdenfeindlichkeit könne als Indiz gelten, daß aus niedrigen Beweggründen gehandelt wurde[218], wenn Skinheads Afrikaner und andere, ihrem äußeren Erscheinungsbild auffällige Personen jagten, um sie danach zu töten, ohne daß ansonsten eine Beziehung zwischen Täter und Opfer bestanden hatte. Wenn das Opfer unbewaffnet gewesen war, die Angreifer entweder in der Überzahl beziehungsweise durch Knüppel und ähnliches bewaffnet gewesen waren, kann sicherlich davon ausgegangen werden, daß die Opfer arg- und wehrlos waren und die Täter daher "heimtückisch" gehandelt hatten.
In bezug auf die Grausamkeit des Tötens sei hingewiesen auf die Gefährlichkeit der Anwendung von Knüppeln wie zum Beispiel den Baseballschlägern, die dermaßen häufig von Skinheads bei Straftaten verwandt wurden, daß sie schon als Statussymbole für diese Gruppen galten[219]: Prallt ein Baseballschläger "auf Knochen und Gewebe, sind verheerende Verletzungen die Folge. Beim Schlag auf den Kopf etwa, erläutert der Unfallmediziner und Anästhesist Cord Busse vom Hamburger Hafenkrankenhaus, komme es zu 'Berstungsbrüchen der Schädeldecke', tödliche 'Einblutungen im Gehirn' seien zumeist die Folge.
Auch der Brustraum samt Rippenkorb verkraftet die Wucht der Waffe nicht: 'Erhebliche Brüche an den Rippen' seien zu gewärtigen, sagt Busse, Lunge und Herz können lebensgefährlich verletzt werden. Trifft ein Baseballschläger in den Bauchbereich, können Leber, Milz und Darm reißen. Und wenn das Holz von hinten auf die Flanken prallt, sind 'erhebliche Einblutungen' in den Nieren unausweichlich.
Die Röhrenknochen von Armen und Beinen haut die Wucht des Baseballschlägers glatt entzwei. Manchmal springen zentimeterlange Teilstücke aus dem Knochen - einen 'Stückbruch' nennen Mediziner das."[220]
Ob Baseballschläger, Knüppel oder Brandsätze, immerhin litten die Opfer stunden- oder tagelang, bevor sie dann starben (vgl. Kapitel: Chronik). Daher kann gelten, daß das zur "Tötung erforderliche Maß" überschritten wurde.
Bedeutung erlangten die verschiedenen Einschätzungen von Straftaten bei der Zumessung der Strafmaße. Bei schwerer Körperverletzung mit Todesfolge drohten mindestens drei Jahre Gefängnis, bei Totschlag mindestens fünf und bei Mord lebenslänglich[221].
Ein anderer Grund für die milden Strafen war - neben der Entschärfung der Anklage - der Nachweis der individuellen Strafschuld, der nicht immer gelänge. Gerade bei Gruppentaten sei es schwer festzustellen, wer tatsächlich die zum Tode führenden Schläge oder Tritte ausführte. Daher lautete zum Beispiel in der Verhandlung eines Überfalls von Skinheads auf die Punk-Kneipe "Elbterrassen" in Magdeburg, bei dem mehrere Jugendliche schwer verletzt und ein Jugendlicher getötet wurde, der Tatvorwurf bis auf eine Ausnahme nur auf Landfriedensbruch und Körperverletzung. Da es keine Anhaltspunkte gäbe, daß es von der Gruppe einen strategischen Plan oder gar einen gemeinsamen Tötungsvorsatz beim Erstürmen des Lokals gegeben hatte, könne die Anklage nicht auf Totschlag lauten, sondern müsse sich an das halten, was zu beweisen war.[222]
Interessanterweise focht die Problematik des Beweisnotstandes die Gerichte in anderen Fällen nicht an. So hatten Gerichte bei der Urteilsbegründung gegen Mitglieder der RAF, die aufgrund des konspirativen Charakters der terroristischen Gruppe vor den selben Schwierigkeiten standen, festgestellt, daß es letztendlich unerheblich sei, ob man den einzelnen Angeklagten in jedem Fall ihre persönliche Tatbeteiligung nachweisen könne