Skinheads in der DDR
Der Zeitpunkt der Entstehung des Skinhead-Stils in der DDR war im Gegensatz zu den Stilen in England und Westdeutschland nicht unumstritten. Die Mehrheit der Autoren lokalisierte seinen Beginn zeitgleich mit dem in Westdeutschland Anfang der 8oer Jahre, wenngleich darauf hingewiesen wurde, daß es zu diesem Zeitpunkt nur wenige Skinheads gab[1]. Schumann datierte die Anfänge es Skinhead-Stils in der DDR "etwa seit 1982"[2].
Entgegen diesen zeitlichen Festlegungen der Autoren sprachen die konkreten Daten ihrer unterschiedlichen Interviewpartner eine andere Sprache. Keiner der befragten Jugendlichen hatte vor Ende 1984 den Skinhead-Stil übernommen. Den konkreten Lebensläufen zufolge waren die Zeitpunkte des Einstiegs oder der Bildung von Skinhead-Gruppen "Ende 1984"[3], 1984/ 85[4], 1985[5], "Dezember 1985"[6], 1985/ 86[7], 1986[8], 1987[9], sogar erst "Spätsommer 1987"[10] und Mitte 1988[11]. Stock und Mühlberg sahen erst ab 1987 den Skinhead-Stil zu einem größeren Phänomen heranwachsen.[12]
Der Zeitpunkt eines Organisationsprozesses der Skinheads zu straff strukturierten Kleingruppen wurde von den Autoren ähnlich unterschiedlich angegeben. So setzte dieser Prozeß laut Schneider, H. und Weiß schon 1983 ein[13]. Das Jugendwerk der Dt. Shell hingegen setzte erst ab Mitte der 8oer die Organisation der Skinheads in "relativ fest strukturierten Gruppen" an[14]. Die Entwicklung eines neonazistisch geprägten Elitebewußtseins sah Baensch ebenfalls ab Mitte der 8oer beginnen[15]. Ködderitzsch und Müller nannten für Entstehung von Organisationsstrukturen die Jahre 1985/ 86[16]. Ohder hingegen datierte die Bildung von organisierten Gruppen und eine damit einhergehende deutliche rechtsextremistische Ausrichtung erst "in der zweiten Hälfte der 8oer"[17]. Baensch konstatierte die Radikalisierung und Politisierung der Skinheads erst ab 1987[18], Stock und Mühlberg sogar erst ab 1988[19]. Korfes gab den Zeitraum von 1986 bis 1989 für diese Vorgänge an[20]. Wenn Weiß auch schon früh eine gewisse Organisierung der Skinheads annahm, so konstatierte er doch erst seit 1988 eine "zentrale und ideologisch untermauerte Führungselite", die nach "konspirativen Regeln" operierte[21].
Als Kernstück dieser weiten Spanne der Angaben kann angenommen werden, daß die verstärkte organisatorische Einbindung der Skinheads in der DDR in rechte Gruppen etwa zum selben Zeitpunkt stattfand wie die der Skinheads in Westdeutschland - ab 1987/ 88. Für viele Autoren waren die Skinheads in der DDR jedoch schon in ihren Anfängen deutlich rechtsextremer als die Skinheads der ersten Generation in Westdeutschland.[22]
Offiziellen Veröffentlichungen der DDR-Behörden - wie zum Beispiel Gerichtsberichten - zufolge hatte es erst ab November 1988 Indizien für rechtsradikales Gedankengut bei Skinheads gegeben[23]. Auf der anderen Seite waren es ebenfalls offizielle Quellen, nämlich Berichte der Kriminalpolizei der DDR, die zu der Auffassung kamen, daß die Skinhead-Gruppen sich langsam auflösen und damit die Zahl der Skinheads zurückgehen würde[24]. Dies stellte sich später als Fehlurteil heraus, denn die Zahl der Skinheads stieg unablässig an (vgl. Kapitel: Skinheads - die harten Fakten). Anfang der 9oer gab es den Autoren zufolge zwischen 1.5oo[25] und 3.ooo[26] Skinheads in der DDR.
Wie auch schon bei den Skinheads in Westdeutschland setzten sich die Autoren nicht damit auseinander, warum jener Stil für die Jugendlichen in der DDR attraktiv wurde, der seinen Ausgang Ende der 6oer in England hatte (- die Auseinandersetzung mit dem Skinhead-Stil fand nur im Rahmen einer Diskussion des Entstehens einer rechtsradikalen Jugendgruppe in der "sozialistischen DDR" statt - vgl. Kapitel: Erklärungen für die Entwicklung des Rechtsradikalismus unter der Skinheads).
Auch wenn die vermeintliche Rechtsradikalität der Skinheads als primärer Anziehungspunkt wirkte, warum kreierten die Jugendlichen in der DDR nicht ihren eigenen rechtsradikalen Jugendstil, der sich auf die eigenen Erfahrungen (und die Mythen) in der DDR gestützt hätte?
Da es aber nun zu einer Übernahme des Skinhead-Stils gekommen war, bleibt die Frage, wie die Jugendlichen in der DDR schon Anfang der 8oer hatten von diesem Stil erfahren können? Obwohl sich in diesem Punkt fast alle Autoren einig waren, sollen die Ansichten kritisch beleuchtet werden.
Als erstes muß darauf hingewiesen werden, daß alle Arbeiten zu Skinheads in der DDR erst ab 1987 entstanden[27]. Dies ist einerseits daraus zu erklären, daß es in der DDR eine Zensur gab, die dazu führte, daß Arbeiten, die sich mit rechtsextremen Einstellungen der DDR-Bürger auseinandersetzten, nicht veröffentlicht werden durften beziehungsweise Forschungsaufträge dahingehend nicht bewilligt wurden[28]. Damit fehlen fundierte Untersuchungen und Berichterstattungen gerade über die Frühzeit der Skinheads in der DDR-Gesellschaft sowie über das frühe rechtsextreme Image dieser Jugendlichen. Das war ein wesentlicher Unterschied zur Situation in Westdeutschland, wo Skinheads zwar ebenfalls von vielen akademischen Autoren ignoriert wurden, es aber wenigstens einige zeitgenössische Veröffentlichungen von Sicherheitsbehörden (Verfassungschutzberichte), Medien (Stern, Spiegel) und Examenskandidaten (Schneider, T.) gab.
Als die Skinheads mit der Zeit so verhaltensauffällig wurden, daß ihr Tun und damit ihr Vorhandensein nicht länger ignoriert werden konnten, zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Überfall auf die Zionskirche in Ostberlin 1987, wurde eine besondere Sprachregelung von Seiten der DDR-Behörden vorgegeben. Der Begriff "Skinhead" zur Bezeichnung von Jugendlichen durfte nicht verwandt werden, auch wenn der Habitus und die Äußerlichkeiten sie als solche auswiesen. Vielmehr durften diese jungen Leute - wie vorher schon randalierende oder gewalttätige Jugendliche auch - nur als "Rowdies" bezeichnet werden[29]. Da also seit 1986 aufgrund der vorgegebenen Sprachregelung die Gleichung "Skinhead = Rowdy" galt, könnte es plausibel sein, die Gleichung umzudrehen - "Rowdy = Skinhead". Anhand alter Zeitungsberichte oder Gerichtsverfahren über "Rowdys" könnte folgerichtig auf ein Vorhandensein von Skinheads in der ersten Hälfte der 8oer geschlossen werden, ohne daß der Begriff "Skinhead" als solcher gefallen wäre. Jedoch galt die verklausulierende Sprachregelung nicht nur für Skinheads, sondern auch für andere den DDR-Behörden mißliebige Gruppen. So wurden Angehörige von Friedensgruppen, Regimekritiker und Ausreisewillige als "Rowdys" bezeichnet, und auf diese Weise eine Kriminalisierung dieser Personen eingeleitet[30]. Auch waren Personen wegen ganz unpolitischer Delikte wie Randalieren, Schlägereien oder Sachbeschädigungen gemäß Paragraph 215 StGB "Rowdytum" verurteilt worden[31]. Bis Anfang der 9oer kam es vor, daß Polizisten "Punks", Skinheads und friedliche Hausbesetzer unter dem Begriff "Rowdy" in einen Topf warfen, ohne die Unterschiede zwischen den Gruppen zu erkennen[32].
Wäre die Entwicklung der Skinheads in der DDR ähnlich zu der Entwicklung der Skinheads in Westdeutschland verlaufen, wie einige Autoren konstatierten[33], hätten auch die auslösenden Momente sowie die Äußerlichkeiten des Skinhead-Stils in beiden Ländern ähnlich sein müssen.
Ausschlaggebend für ein breiteres Interesse am Skinhead-Stil unter Jugendlichen in Westdeutschland waren die Medienberichte über die Aufstände in England Anfang der 8oer. Sicherlich hatten auch die DDR-Medien über diese Krawalle berichtet, aber taten sie es mit soviel Bildmaterial, daß für einen Jugendlichen in der DDR der Skinhead-Stil eindeutig zu erkennen war?
Darüber hinaus sei die Frage gestattet, wie hätte ein Jugendlicher in der DDR diesen Stil seinen Wurzeln gerecht übernehmen können, zu dem laut Schumann auch in der DDR "Bomberjacke, DocMartens-Schuhe" und die Musikrichtung "von dort" gehörten[34]? Immerhin war es zu Zeiten des real existierenden Sozialismus mit seinen Reisebeschränkungen besonders in den Westen für einen DDR-Jugendlichen so gut wie unmöglich, entsprechend seinen westdeutschen Gleichaltrigen nach England zu reisen, um sich die Original-Accessoirs zu besorgen, die aufgrund des schlechten Umtausches der DDR-Mark in Westwährung darüber hinaus unbezahlbar gewesen wären.
Entgegen der unterschiedlich datierten Anfänge des Skinhead-Stils in der DDR war es vielleicht doch kein Ausdruck von Gedankenlosigkeit, daß keiner der Wissenschaftler konkrete Belege für seine Behauptungen nachwies.
Ein großes Manko bei der Datierung des Beginns des Skinhead-Stils in der DDR war, daß keiner der Autoren sich mit dem Wesen des "Skinhead-Sein" auseinandersetzte. Zwar wurde bei einigen Artikeln darauf hingewiesen, daß der Skinhead-Stil sich nicht primär durch Rechtsradikalität auszeichne (- teilweise unter Verweis auf die S.H.A.R.P.-Skinheads), aber trotzdem bezog sich der überwiegende Teil der Untersuchungen nur auf rechtsradikale Skinheads[35]. Das macht die Zuordnung bestimmter Verhaltensweisen und Attribute zum Jugend-Stil der (- "nicht notwendigerweise rechtsradikalen") Skinheads sehr schwierig. Gemäß den Hinweisen auf die (- politischen) Unterschiede im Skinhead-Stil genügt es nicht, auf das Vorhandensein von Rechtsradikalen in der DDR hinzuweisen, um automatisch auch einen Beleg für die Existenz von Skinheads zu haben (- auch wenn schon das "traditionelle" Erscheinungsbild von Rechtsradikalen eine Vorliebe für Militaria und, damit verbunden, eine eher kürzere Haartracht beinhaltete). Ebensowenig reicht das Vorhandensein einzelner Elemente des Skinhead-Stils bei Jugendlichen aus, um glaubhaft auf eine Zugehörigkeit zu Skinheads zu verweisen, denn kurze Haare im "Mecki"-Schnitt gab es auch schon vor den Skinheads, und springerstiefelähnliche Schuhe wurden auch von anderen Jugendgruppen - wie "Punks" und "Rockern" - getragen. Da es auch unter diesen Jugendgruppen Rechtsradikale gab[36], bleibt die Frage, wann ein sogenannter "Nazi-Punk" zu einem Skinhead wird? Welche konstituierenden Elemente in der DDR machten einzig den Skinhead-Stil aus und setzen ihn damit deutlich von anderen Jugendgruppen ab? Diese Fragen müßten zunächst beantwortet werden, bevor die Wissenschaft versucht, im Nachhinein über konkrete Daten in Biographien den Beginn des Skinhead-Stils an den Anfang der 8oer zu verlegen.
Diese Erwägungen, zusammen mit den konkreten Aussagen der Jugendlichen, im Gros nicht vor 1985 zu den Skinheads gekommen zu sein, sind Ausgangspunkte für die Überlegung, daß eine gewisse Zeitverschiebung bei der Entstehung des Skinhead-Stils in der DDR durchaus plausibel ist. Nicht zeitgleich mit den westdeutschen Jugendlichen Anfang der 8oer verbreitete sich daher der Skinhead-Stil in der DDR, sondern Jahre später. Wie schon in Westdeutschland spielten Medienberichte bei der Vermittlung des Skinhead-Stils eine große Rolle[37]. Jedoch bezogen sich diese Medienberichte nicht auf Massenunruhen im fernen England, sondern auf die Tötung von Ramazan Avzi durch Skinheads in Westdeutschland.
Wird von dieser Annahme ausgegangen, so werden jene brüchigen Aspekte über die Anfangszeit der Skinheads in der DDR stimmig:
• Westmedien wie Rundfunk- und Fernsehsender konnten in der DDR empfangen werden[38]. Daher kann davon ausgegangen werden, daß die DDR-Jugendlichen durch diese Medien auf den Skinhead-Stil aufmerksam wurden;
• Da es erst in der ersten Hälfte des Jahres 1986 zu einer massiven Berichterstattung über westdeutsche Skinheads kam, wurde, abgesehen von einzelnen Ausnahmen, der Skinhead-Stil erst nach dieser Zeit in der DDR populär. Daher konnten konkrete Daten der Übernahme dieses Stiles durch DDR-Jugendliche in deren Lebensbiographien mehrheitlich auch erst nach 1986 nachgewiesen werden.
• Die Kleidungsmerkmale der zweiten Generation der Skinheads in Westdeutschland hatte sich verändert. Nicht mehr englische Stilechtheit stand im Vordergrund[39], sondern ein martialisches Äußeres. In Berichten des Spiegel und des Stern aus dem Jahre 1986 wurde die Kleidung der Skinheads zum Beispiel folgendermaßen beschrieben: "umgekrempelte Jeans, Knobelbecher der Marke 'Dr. Martens' sowie graugrüne Bomberjacke"[40], "umgekrempelte Jeans mit Hosenträgern, Schnürstiefel sowie graugrüne Bomberjacke"[41], "schwarze Stiefel und dunkler Bomberjacke"[42], "Schnürstiefel, hochgekrempelte Jeans und grüne Bomberjacken"[43], "Kampfstiefel mit Stahlkappen"[44], "graugrüne Bomberjacke, enge Jeans und an den Füßen Schnürschuhe der Marke 'DocMartens'"[45], "Bomberjacke, Stiefel"[46]. Dieser Stil ähnelte dem, der auch die DDR-Skinheads auszeichnete: "schwarzlederne Bomberjacke und Springerstiefel"[47], "Bomberjacke, Armeehose, Fallschirmspringerstiefel"[48], "NVA-Stiefel"[49].
• Die westdeutschen Vorbilder waren durch die Medien als deutlich rechtsextremistisch ausgewiesen. So ist es auch erklärlich, weshalb die ihnen nachfolgenden Skinheads in der DDR schon in ihren Anfängen vielen Autoren rechtsextremer erschienen als die Vorbilder im Westen.
Die weitere Entwicklung der Skinheads in der DDR schien dann jedoch ähnlichen Pfaden gefolgt zu sein, wie Wissenschaftler sie auch schon für die Skinheads in Westdeutschland nachgezeichnet hatten. So rekrutierten sich die ersten Skinheads aus ehemaligen "Punks"[50], denen ihre Gruppen zu wenig aggressiv waren[51] oder zu unpolitisch[52], und aus militanten Fußballfans[53]. Für die ersten Skinheads und die späteren "Hooligans" stand "unpolitische" Randale im Mittelpunkt des Interesses[54]. Dabei gingen sie fast immer in Gruppen vor und achteten darauf, daß die Zahl der anvisierten Gegner unter der der eigenen Gruppe lag[55]. Deshalb rechneten sie kalt mit der Angst der anderen[56]. Die Gründe für Schlägereien seien an sich beliebig[57], obwohl rund 8o Prozent der Opfer bestimmten Zielgruppen angehörten[58]. Die Gegner - besser wohl Opfer - der Skinheads waren "Punks", Ausländer, Behinderte und Homosexuelle[59]. Die gesellschaftlichen Repressionsmaßnahmen sorgten auch in der DDR dafür, daß sich die Skinheads spalteten in weiterhin an Fußballrandale orientierte "Hooligans" mit ihrem unauffälligen Kleidungsstil[60] und Skinheads, die auch aufgrund der Medienberichterstattung, besonders nach 1987, dem Jahr des Überfalls auf die Zionskirche in Ostberlin, als rechtsextremistisch dargestellt wurden und sich verstärkt in eben dieser politischen Richtung engagierten[61]. Gegen diesen zunehmenden Rechtsextremismus unter den Skinheads bildeten sich auch in der DDR die Gruppierungen der "Redskins" und der S.H.A.R.P.-Skinheads[62]. Um 1988/ 89 stiegen viele Skinheads aus ihrer Szene aus und wechselten zu anderen Gruppen - beispielsweise zu den unpolitischen "Psychos" und "Rappern"[63] oder zu den organisierten Rechtsradikalen, den "Faschos"[64].
Zur zahlenmäßigen Entwicklung der Skinheads gab es nur wenig Material. In den meisten Quellen wurde darüber hinaus nicht zwischen Skinheads einerseits und Faschisten, Rechtsextremisten, Neonazis andererseits unterschieden, sondern beide Gruppen wurden von der Wissenschaft gleichgesetzt[65]. Demnach gab es im Jahr 1987 ungefähr 8oo Skinheads[66], wobei ca. 1oo von ihnen in Ostberlin und weitere 1oo im Raum Dresden lokalisiert wurden[67]. 1988 war die Anzahl der Gesamtgruppe von Skinheads auf 1.ooo[68] bis 1.5oo[69] angewachsen. Für das Jahr 1989 schien die Anzahl konstant geblieben zu sein, denn Weiß gab die Zahl mit "weitaus mehr als 1.ooo Skinheads und Faschos" an[70]. Ein leichter Zuwachs ergab sich für das Jahr 199o. Bredthauer und Weiß bezifferten die Zahl nun auf 1.5oo[71] während Bachmann auch die Zahl 2.5oo angab, davon 5oo in Ostberlin[72] Im Jahr 1991 wurde die Zahl der Skinheads in den fünf neuen Bundesländern mit 3.ooo angegeben[73]. Für das Jahr 1993 ging der Verfassungsschutz von 2.6oo militanten Rechtsextremisten in den neuen Bundesländern aus, "darunter vorwiegend Skinheads"[74], ein leichter Rückgang zu den Zahlen der Vorjahre. Aus diesen Zahlen läßt sich die nebenstehende Grafik erstellen, die natürlich nur einen groben Trend wiedergeben kann, da die Zahlen für die einzelnen Jahre sehr unterschiedlich waren oder sich nicht nur auf Skinheads bezogen (teilweise wurden Mittelwerte verwandt).
Bei der Beurteilung der Skinheads in der DDR gingen einige Autoren von der Annahme aus, daß diese Jugendlichen aus marginalen Lebenssituationen stammten[75], Sozialisations- und Bildungsdefizite aufwiesen[76], aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen desillusioniert[77], frustriert[78], neurotisch[79], teilweise vorbestraft[80] seien und einen Hang zum Militärischen hätten[81].
Die Autoren Ködderitzsch, Müller, Niederländer und Schumann widersprachen der These, daß Skinheads aus sozial schwachen oder gestörten Familien stammten[82]. Im Gegenteil, 8o Prozent der Skinheads stammten aus intakten Familien[83], die einer geregelten Arbeit nachgingen[84]. Dementsprechend zeichneten sich die Skinheads durch kleinbürgerliche Ideale aus: durch Arbeitsdisziplin, Ordnungsliebe und Sauberkeit[85]. Darüber hinaus gab es eine große Gruppe von Skinheads, deren Eltern aus der sogenannten "Intelligenz"-Schicht kamen[86] oder sogar aus SED-Funkionärskreisen[87].
Niederländer war eine der ersten Autoren, die schon zu DDR-Zeiten ein soziales Profil von verurteilten Straftätern erstellte, die im Zusammenhang mit Paragraph 215 StGB "Rowdytum" verurteilt worden waren, in der Mehrheit Skinheads[90]. Nach ihrer im Jahr 1989 durchgeführten Untersuchung hatten 15 Prozent der Eltern dieser Gruppe von Skinheads keinen Beruf oder waren ungelernte Arbeiter, 14 Prozent waren Handwerker, 47 Prozent Facharbeiter und 24 Prozent Angehörige der Intelligenz[91].
Die straffällig gewordenen Skinheads waren zu sieben Prozent Schüler, zu 24 Prozent Lehrlinge, zu 3 Prozent Teilfacharbeiter, zu 51 Prozent Facharbeiter, zu zwei Prozent Fachschüler. 13 Prozent waren arbeitslos[92].
Die Altersstruktur der verurteilten Skinheads wies einen hohen Anteil der über 2ojährigen aus, die mit 47 Prozent fast die Hälfte der Skinhead-Straftäter stellte[93]. Dieses Ergebnis war auch insofern interessant, da bald darauf eine erhebliche Verjüngung der Skinheads eintrat (vgl. Kapitel: Die dritte Generation - Skinheads als Synonym für Rechtsradikalismus).
Natürlich könnte die Tatsache, daß die Probanten keine "normalen" Skinheads waren, sondern bereits verurteilte Straftäter, zu einer gewissen Verzerrung in bezug auf die Verallgemeinerung dieser Ergebnisse auf die Gesamtgruppe der Skinheads in der DDR führen. Da es jedoch keine andere Untersuchung gab, die sich auch nur halbwegs so detailliert mit den Skinheads auseinandersetzte, gibt es zu dieser Analyse keine Alternative.
Auch andere Kollegen kamen zu der Auffassung, daß die Skinheads in bezug auf ihr persönliches und soziales Umfeld keine homogene Gruppe waren. Sie kamen ebenso aus gestörten wie intakten Familienverhältnissen. Einige wiesen sehr gute schulische Leistungen auf, andere hatten eine schlechte Schulbildung oder sogar die Schule abgebrochen. Einige waren als Musterarbeiter in ihren Betrieben angesehen, andere waren Gelegenheitsarbeiter, teilweise vorbestraft[95].
Eine andere Untersuchung, durchgeführt vom "Zentralinstitut für Jugendforschung, Leipzig" im Jahr 1988 setzte sich unter anderem mit der Affinität von Jugendlichen zu den Skinheads auseinander.
Demzufolge bekannten sich drei Prozent der DDR-Jugendlichen zu den Skinheads, weitere vier Prozent hegten Sympathien für diese Gruppe und weitere 3o Prozent äußerten Verständnis für Skinheads[97]. Interessant war die Präsentation dieser Ergebnisse seitens der Autoren, denn während Hoffmann-Lange in ihrer Erläuterung die Zahlen über die Skinheads an den Anfang stellte, wiesen Baensch und Brück bei der Vorstellung der Ergebnisse zuerst einmal deutlich darauf hin, daß 64 Prozent der Befragten die Skinheads ablehnten[98]. Brück stellte weiterhin Ergebnisse einer Umfrage vor, die sich nach den Erfahrungen mit Skinheads erkundigte.
Immerhin 66 Prozent der Befragten in der DDR hatten 1988 keine Erfahrungen mit Skinheads gemacht. 13 Prozent der Befragten hatten Erfahrungen mit Skinheads gemacht, jedoch "keine negativen", weitere 21 Prozent besaßen ebenfalls Erfahrungen mit Skinheads, aber distanzierten sich von ihnen.
Nach Geschlecht unterschieden hatten von den männlichen Befragten 6o Prozent keine Erfahrungen und 16 Prozent keine negativen Erfahrungen gemacht. 24 Prozent distanzierten sich von den Skinheads. Von den weiblichen Befragten hatten 82 Prozent keine und 11 Prozent keine negativen Erfahrungen, nur sieben Prozent der weiblichen Befragten distanzierten sich von den Skinheads[100]. Interessant ist auch die Verwendung von Sprache. Warum hatten die Ersteller des Fragebogens die doppelte Verneinung "keine negativen Erfahrungen" verwandt, anstatt die einfachere Form "positiv" zu gebrauchen. Sollte diese Sprache darauf hindeuten, daß mit Skinheads allenfalls "keine negativen", aber in keinem Falle "positive" Erfahrungen gemacht werden (- dürfen)?
Im Oktober und November 1991 wurde vom "Institut für Familien- und Kindheitsforschung" an der Universität Potsdam eine erneute Befragung über die Affinität von Jugendlichen zu verschiedenen Jugendgruppen durchgeführt, deren Ergebnisse jedoch nur für Brandenburg galten. In dieser Studie wurde zwischen rechten und linken Skinheads unterschieden.
Zu den rechten Skinheads rechneten sich 3,3 Prozent der Befragten, zu den linken 1,1 Prozent, 3,3 Prozent würden sich gerne den rechten Skinheads anschließen, aber nur 1,5 Prozent den linken. Eine gewisse Sympathie, ohne sich anschließen zu wollen, zeigten 12,8 Prozent gegenüber den rechten und 9,7 Prozent gegenüber den linken Skinheads. Damit äußerten sich 19,4 Prozent der Befragten positiv über die rechten Skinheads und 12,3 Prozent über die linken Skinheads.[102] Aber auch in diesem Fall wurde mit der Sprache ziemlich manipulativ umgegangen. Kühn stellte die addierten Werte der Spalten, die irgendwie als ein positives Echo auf rechte und linke Skinheads interpretiert werden konnten (- also die 19,4 Prozent und die 12,3 Prozent), dem "Sympathiewert" aus der Befragung von 1988 gegenüber und kam zu der beunruhigenden Feststellung, daß die Sympathiewerte doch arg angestiegen seien.[103] Das war so jedoch nur bedingt richtig. Die Vorgehensweise Kühns, die Summe der Werte aus drei Sparten der 1991er Befragung mit dem Wert einer Sparte der 1988er Befragung zu vergleichen, ist sehr bedenklich. Würden nämlich alle Werte der 1988er Umfrage, die sich positiv über Skinheads äußerten, zusammengezogen, so käme der Wert 36 Prozent heraus (- zwei Prozent Bekenner plus vier Prozent Sympathisanten plus 3o Prozent Verständnisäußernde). Dieses Prinzip auch auf die Befragung aus dem Jahre 1991 angewandt und kombiniert mit einer Zusammenfassung der "rechten" und "linken" Skinheads zu einer Gruppe (- immerhin war in der 1988er Befragung nur eine einzige Skinhead-Kategorie vorgegeben worden), ergäbe den Wert 31,7 Prozent (- 19,4 Prozent für die rechten plus 12,3 Prozent für die linken Skinheads). Nun stünden den 36 Prozent aus der 1888er Umfrage 31,7 Prozent aus der 1991er Umfrage gegenüber. Aus dem beunruhigenden Anstieg wäre ein leichter Rückgang geworden.
Trotzdem sind einige Werte der 1991er Untersuchung aufschlußreich hinsichtlich der inneren Zusammensetzung der Skinhead-Gesamtgruppe und deren Ansehen. Aus der Befragung ergab sich, daß zwar nur ein Viertel der Skinheads sich als "links" einstufte, aber diese Gruppe, obwohl sehr viel kleiner, genoß mit 9,7 Prozent kaum weniger Sympathien als die Mehrheit der Skinheads (12,8 Prozent für die rechten Skinheads).
Schubarth verwies auf die "Freudenberg-Studie" von 1992, derzufolge ein Prozent der Befragten in den fünf neuen Bundesländern Skinheads waren und das Sympathiepotential für Skinheads bei sieben Prozent lag.[104].
Gründe für das Entstehen des Skinhead-Stils in der DDR
In offiziellen Stellungnahmen und in den staatlich gelenkten Medien wurde die Auffassung vertreten, daß es sich bei dem Skinhead-Stil um einen von außen an die DDR-Jugendlichen herangetragenen Stil handele, der der DDR-Gesellschaft an sich wesensfremd sei und daher nicht auf eine innergesellschaftliche Problemlage hindeute[105]. Die meisten der Wissenschaftler lehnten diese These jedoch ab. Skinheads wie auch Rechtsradikalismus seien nicht importiert, sondern Produkte der eigenen Gesellschaft[106]. Bei der Vehemenz, mit der einige Autoren allen Einfluß aus dem Westen ablehnten, übersahen sie jedoch die Tatsache, daß es gerade unter den Jugendlichen der osteuropäischen Staaten eine weitverbreitete Bewunderung für westliche Moden, Musikstile und ganz allgemein für die westliche Lebensart gab[107]. Bar-Heim verwies daher auch auf ein latentes kollektives Bestreben von Jugendlichen, sich mit westlichen Jugendkulturen zu identifizieren[108]. Zusammen mit der Beobachtung von Friedrich, daß sich ab Mitte der 8oer immer mehr DDR-Jugendliche den Westmedien zuwandten[109], deutet dieses darauf hin, daß westliche Medien durchaus an der Vermittlung des Skinhead-Stils beteiligt waren. Die Gründe dafür, daß sich dieser Stil in der DDR dann aber stetig ausbreitete und zunehmend rechtsextrem wurde, waren dann jedoch hausgemacht[110].
Teilweise wurde der Skinhead-Stil als Ausdruck eines diffusen Protestwillens gewertet, der sich anfänglich noch recht unkoordiniert Bahn brach. Primäre Motivation bei der Übernahme des Skinhead-Stils war die Abgrenzung zur politisch- sozialen Umwelt[112]. Dabei legten sich die Skinheads mit typisch jugendlichem Eifer auch mit den Organen des Staates an[113]. Die Übernahme von rechtsextremen Ideologien sei ebenfalls nur Ausdruck dieser Abgrenzungsbestrebungen[114] und geschehe deshalb nur zum Zwecke der Provokation.
Da aber gerade dieses Provozieren mit rechten Denk- und Verhaltensmustern seit Mitte der 8oer verstärkt einsetzte, zu einer Zeit, da in der DDR die Staatsform des "real existierenden Sozialismus" erste Verfallserscheinungen aufwies[115], interpretierten einige Autoren den Skinhead-Stil als soziales Frühwarnsystem[116], als Vorbote der Systemkrise[117].
Tatsächlich ließ sich seit Mitte der 8oer ein erheblicher Vertrauensverlust der Bürger in die Werte des Staates nachweisen[118]. Dieser Trend machte sich auch unter den Jugendlichen bemerkbar. So sank die Identifikation mit dem eigenen Staat wie auch mit der SED rapide.
In derselben Zeit ließ die Identifikation mit dem Marxismus/ Leninismus unter den Jugendlichen stark nach, wie aus der obigen Grafik ersehen werden kann[122]. Auch der Glauben an die historische Perspektive des Sozialismus fiel mit dem Zerfall des Vertrauens in den eigenen Staat und dessen Ideologie.
Synchron zu diesem Vertrauensverfall auf allen Ebenen habe sich dann der Skinhead-Stil als bewußte Abkehr vom Staat ausgebildet[123].
Am Sturz des SED-Regimes der DDR hätten die Skinheads trotz aller Provokation und Opposition jedoch keinen Anteil[124].
Andere Autoren nahmen im Gegensatz dazu sehr viel undramatischere Gründe für die Übernahme des Skinhead-Stils an. Sie stellten den Modeaspekt des Skinhead-Stils heraus. Nicht politische Denk- oder Verhaltensweisen seien ausschlaggebend für die Übernahme des Skinhead-Stils gewesen, sondern allein der Aspekt, daß der Skinhead-Stil etwas Neues, etwas Anderes war, ein Stück Nonkonformität innerhalb des Bekannten[125].
Dazu paßte die Beobachtung, daß der Übergang zur Skinhead-Szene häufig mittels sozialer Kontakte aus der Schul- oder Freizeit erfolgte - man wurde Skinhead, weil die Freunde und Bekannten es auch wurden[126], nicht wegen einer indoktrinierenden Schulung durch rechte Organisationen oder Parteien. Korfes verwies in ihren Artikel daher auch darauf, daß es nicht so sehr die Identifikation mit einer rechten Ideologie war, die die Jugendlichen bewog, Skinhead zu werden, sondern eher Zufall sein konnte, daß Jugendliche sich den Skinheads anschlossen. Andere mit denselben Interessen wurden "Punks" oder "Heavy Metals"[127]. Da die Zugehörigkeit zu einer Jugendszene ziemlich beliebig war, kam es auch vor, daß die Jugendlichen mehrfach ihre Gruppenzugehörigkeit wechselten[128].
Arenz verwies darüber hinaus auch auf den Aspekt, daß einige Jugendlichen in Skinhead-Gruppen etwas fanden, das sie ansonsten vermißten: Geborgenheit einerseits und Erfahrung von Machtgefühlen andererseits. Dieser eher psychologische Erklärungsansatz lief darauf hinaus, daß der Skinhead-Stil Jugendlichen, die ansonsten eher unsicher waren, die Chance bot, Identität, Geschlossenheit und Stärke zu erleben.[129]
Die Strafprozesse nach dem Überfall auf die Zionskirche in Ostberlin
Die Ereignisse am 17. Oktober 1987, als Skinheads die Zionskirche in Ostberlin überfielen, machten es der Staatsführung der DDR unmöglich, die Skinheads einerseits und den wachsenden Rechtsradikalismus andererseits weiterhin zu ignorieren, und so rückten beide Phänomene zum ersten Mal in das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit.
Dabei kam es schon 1985 zu einem ersten Prozeß gegen Skinheads, die wegen Schlägereien vor Gericht standen. Der Ausdruck "Skinhead" durfte bei diesem Prozeß nicht verwandt werden, sondern nur der Begriff "Rowdy", so Schumann.[130] Leider verwies Schumann nicht darauf, wodurch diese "Skinheads" als solche zu erkennen waren, sondern konstatierte nur deren Vorhandensein.
1986 war es in Halle zum ersten bekanntgewordenen Überfall auf ein Ausländerwohnheim gekommen. Die Strafen fielen jedoch recht gering aus[131].
Am 17. Oktober 1987 kam es dann zu einem spektakulären Überfall von Skinheads auf die Besucher eines "Punk"-Konzertes in der Ostberliner Zionskirche[132].
Die Tat selbst war unumstritten. Ansonsten waren sich die Wissenschaftler jedoch nicht einig über die näheren Umstände dieses Ereignisses, obwohl es recht große Medienaufmerksamkeit erzeugte. Arenz, Schumann und Weiß sprachen in ihren Veröffentlichungen von "ca. 2o - 3o Skinheads"[133], Assheuer, Sarkowicz sowie Ködderitzsch und Müller behaupten, daß 3o Skinheads an dem Überfall beteiligt waren[134]. Ammer lenkte die Aufmerksamkeit auf Berichte, nach denen bis zu 1oo Skinheads in das Ereignis involviert waren[135]. Ammer, Ködderitzsch, Müller und Borchers wiesen darauf hin, daß auch 15[136] oder 2o[137] Skinheads aus Westberlin in der Gruppe gewesen seien. Die Skinheads aus dem Westen konnten nach der Tat unbehelligt aus der DDR ausreisen[138]. Erst am 15. Februar 1988 richtete der Generalstaatsanwalt der DDR ein Rechtshilfeersuchen an den Generalstaatsanwalt des Kammergerichtes in Westberlin [139], zwei Wochen nachdem der dritte Prozeß gegen die ostdeutschen Täter beendet war.
Gesetzliche Grundlage aller Prozesse, bei denen Skinheads in der DDR angeklagt wurden, waren der Paragraph 212 des Strafgesetzbuches (StGB), "Widerstand gegen staatliche Maßnahmen", Paragraph 215 StGB, "Rowdytum", in Tateinheit mit Paragraph 216, "Bekundung von faschistischem und rassistischen Gedankengut" und Paragraph 22o StGB, "Öffentliche Herabwürdigung". Der Strafrahmen konnte bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe betragen[140].
Der erste Prozeß gegen vier Tatverdächtige des Überfalls auf die Zionskirche begann am 27. November 1987 und endete am 4. Dezember mit Freiheitsstrafen für die vier Täter zwischen ein und zwei Jahren[141].
Da man nicht nur auf offizieller Seite sondern auch in der breiten Öffentlichkeit mit einem so milden Urteil unzufrieden war, kam es zu einer Neuverhandlung des Falles am 22. Dezember.[142]
Schumann war sich in der Beurteilung dieser Affäre jedoch nicht sicher, ob es sich bei den milden Strafen tatsächlich nur um ein "Versehen" gehandelt hatte. Da der ganze Prozeß als Schauprozeß angelegt worden war, hätten auch die geringen Strafen vorher abgesprochen gewesen sein können, mit der wohlkalkulierten Absicht, Empörung hervorzurufen, um dann nach einem zweiten Prozeß die Strafen im Einklang mit der Meinung der Öffentlichkeit zu verschärfen.[143] Am 4. Februar 1988 wurden Strafen zwischen eineinhalb und vier Jahren ausgesprochen[144].
Ende Januar mußten sich acht weitere Angeklagte für den Überfall auf die Zionskirche verantworten. Ebenfalls am 4. Februar wurden diese Jugendlichen zu Freiheitsstrafen zwischen eineinviertel und dreidreiviertel Jahren verurteilt[145].
Ein weiterer aufsehenerregender Prozeß fand am Kreisgericht von Oranienburg im April 1988 statt. Neun angeklagte Skinheads wurden aufgrund von Straftaten, die sich über drei Jahre erstreckten, zu Haftstrafen von zweieinhalb bis sechseinhalb Jahren verurteilt[146].
Nach dem Prozeß in Oranienburg durfte von den anderen Prozessen gegen Skinheads nicht mehr berichtet werden[147], da ansonsten die Ereignisse nicht mehr nur als Einzelfälle hätten dargestellt werden können[148].
Im Laufe der Jahre kam es zu weiteren Prozessen gegen Skinheads. Bis Anfang Juli 1988 kam es zu mindestens neun[149], bis zum Herbst 1989 zu mindestens 23 Prozessen mit insgesamt 98 Verurteilten[150]. Wesentlich höhere Zahlen nannte Korfes. Nach ihren Angaben gab es im Jahr 1988 44 Prozesse wegen rechtsradikaler Delikte und in den ersten 11 Monaten des Jahres 1989 144[151]. Dabei bezog sie sich zwar nicht ausdrücklich auf Skinheads, aber da in der Literatur Skinheads und Rechtsradikale häufig gleichgesetzt wurden (siehe oben), kann es nicht ausgeschlossen werden, daß es auch bei diesen Prozessen um Skinheads ging.
Bei der Beurteilung der Härte des Strafmaßes waren sich die Wissenschaftler nicht einig. Während Schröder der Auffassung war, daß die Urteile im allgemeinen nicht höher ausgefallen waren, als sie auch ein Gericht in Westdeutschland gefällt hätte[152], war die Mehrheit der Autoren der Meinung, daß die Strafen sehr hoch waren, um auf drakonische Art abschreckend zu wirken[153]. Sie verletzten daher "das elementare juristische Fairneßgebot"[154]. Arenz und Weiß wiesen darüber hinaus darauf hin, daß so hohe Haftstrafen kontraproduktiv wirken würden, da die Angeklagten in der Haft ihre Anschauungen eher festigten und daher die Reintegration in die Gesellschaft der DDR erschwert würde[155]. Damit würden gerade die restriktiven Maßnahmen dazu führen, den Zusammenhalt unter den Skinheads zu stärken, was zur Folge hätte, daß sich nicht nur deren Attraktivität für andere Jugendliche erhöhte, sondern auch einen vermehrten Zulauf zu den Skinheads bedeute[156].
Einige Autoren jedoch verwiesen auf die Ambivalenz in der Haltung der DDR-Behörden gegenüber den Skinheads. Auf der einen Seite gäbe es ein hartes Vorgehen gegen einzelne Skinheads, aber auf der anderen hätten die Sicherheitsbehörden die Skinheads dann geduldet, wenn diese "Regimegegner" angriffen. Daher hätten die Sicherheitsorgane die Skinheads nicht nur bis zu den aufsehenerregenden Prozessen 1987/ 88 mit erstaunlicher Gelassenheit behandelt[157], sondern auch nach dieser Zeit griffen Sicherheitsbehörden nicht ein, wenn zum Beispiel Anhänger der unabhängigen Friedensbewegung oder andere linke Oppositionelle von Skinheads angegriffen wurden.[158]
Trotz dieser scheinbar stillschweigenden "Zusammenarbeit" gab es auch weiterhin Konflikte mit den Sicherheitsbehörden. Daher ließ sich nach Zusammenstößen mit der Polizei ein Teil der Skinheads die Haare wachsen und trat nicht mehr so auffällig in Erscheinung[159].
Die Skinheads in den DDR-Medien
Die Rolle der Medien in bezug auf die Skinheads wechselte häufig. Zuerst durfte nicht in den Medien über Rechtsradikalität in der DDR berichtet werden[160]. Rechtsradikale Skinheads wurden daher nur als unpolitische "Rowdys" dargestellt[161]. Nachdem das Phänomen "rechtsradikale Skinheads" nach dem Überfall auf die Zionskirche nicht mehr so ohne weiteres geleugnet werden konnte, wurde zwar zuerst weiterhin auf Verschweigen der Tat gesetzt[162], dann aber durfte doch in bestimmtem Rahmen über die gewalttätigen Vorgänge in der Zionskirche und an anderen Orten berichtet werden[163]. Jedoch herrschten weiterhin eine Tendenz der Verharmlosung vor[164] und/oder die Darstellung, daß es sich bei den gewalttätigen Ausschreitungen um die persönlichen Verfehlungen einzelner handelte[165]. Eine tiefergehende Analyse der Ausschreitungen fand in den Medien nicht statt, da ansonsten nach den gesellschaftlichen Ursachen dieser Verhaltensweise hätte gefragt werden müssen[166]. Vielmehr wurde in den Berichten der Presse darauf hingewiesen, daß es sich bei dem Skinhead-Stil um eine durch westliche Medien beeinflußte Mode handelte, die auf keinerlei DDR-spezifischen Entwicklungsproblemen fußte[167]. Nach den Oranienburg-Prozessen durfte nicht mehr über Prozesse gegen rechtsradikale Jugendliche berichtet werden[168], daher setzte wieder ein Verschweigen und Bagatellisieren ein[169]. Zwar redete die DDR-Führung häufig von der Notwendigkeit "objektiver Analysen", aber in Wirklichkeit tat sie alles, um eben diese Analysen zu verhindern[170].
Erklärungen für die Entwicklung des Rechtsradikalismus unter der Skinheads
Die Wissenschaftler schrieben nicht immer speziell über die Entwicklung rechtsextremistischer Tendenzen unter Skinheads, sondern allgemein über die Entwicklung rechter Ideologien unter den Jugendlichen. Da aber von vielen Autoren rechtsradikale Jugendliche mit Skinheads gleichgesetzt wurden, kann alles, was zu diesem Thema publiziert wurde, auch für Skinheads gelten.
Die Erklärungen für das Entstehen des Rechtsextremismus in der DDR lassen sich grob in zwei Bereiche aufteilen: in einen mit eher individualpsychologischen und einen zweiten mit eher sozialpsychologischen Ansätzen. Dabei unterteilten sich die beiden Bereiche noch einmal in allgemeinere Theorien, die auch auf die DDR angewandt wurden, und Erklärungsansätze, die sich eher mit DDR-spezifischen Eigenheiten auseinandersetzten.
Individualpsychologische Ansätze
Zu der ersten Gruppe gehörte die Theorie der "Autoritären Persönlichkeit", wie sie von Adorno formuliert worden war[171] und von Schubarth sowie anderen Autoren aufgegriffen wurde.
Schubarth nahm an, daß die totalitären Strukturen der DDR die Entstehung der "autoritären Persönlichkeit" begünstigt habe[172]. Diese "autoritäre Persönlichkeit" zeichnet sich zum Beispiel durch duale Denkmuster, Bejahung von Autoritäten und Hierarchien, Verachtung von Schwachen und Schwächen, Mitleidslosigkeit und eine gewisse Gefühlskälte, stereotype und inhumane Einstellungen aus. Daher besitzt sie auch eine Neigung zum Faschismus[173]. Diese Eigenschaften wurden auch den Skinheads unterstellt.
Breymann jedoch bestritt aufgrund der von ihm ausgewerteten Forschungsergebnisse, daß die autoritäre Gesellschaft der DDR bei weiten Teilen der Bevölkerung die Entstehung autoritärer Persönlichkeiten verursacht hatte, die nun ihrerseits rechtsextreme Verhaltensweisen reproduzierten[174].
"Deformierte Persönlichkeit" der DDR-Bürger nach Maaz
Einen eher auf die Realitäten der DDR-Gesellschaft bezogenen individualpsychologischen Ansatz vertrat Maaz.
Der Psychoanalytiker Maaz deutete Fremdenhaß, Ausländerfeindlichkeit und Gewalt primär als Ausdruck psychologischer Prozesse, auch wenn er gesellschaftliche Bedingungen als Ursache für die psychologischen Prozesse ansah. Seiner Auffassung nach zeichnete sich das System in der DDR durch Disziplin, Anpassungsdruck, autoritäre Erziehung und körperlichen sowie seelischen Terror aus[175]. Diese Strukturen hätten dazu geführt, daß es zu einer emotionalen Beherrschtheit und die Unterdrückung aller Gefühle bei den DDR-Bürgern gekommen sei. All ihre Lebensfreude sei gebremst, verhalten und unterläge strengster Selbstkontrolle[176]. Da er ausdrücklich die Aussagen seiner Psychotherapiepatienten für verallgemeinerungsfähig hielt[177], unterstellte er allen DDR-Bürgern per se nicht unerhebliche innerseelische Defizite.
Zwar würde nach außen hin eine Fassade der Unantastbarkeit, der Normalität und Ordentlichkeit von den DDR-Bürgern gewahrt bleiben, aber hinter dieser stillen Oberfläche brodelten heftigste Gefühle: mörderische Wut, abgrundtiefer Haß, ohnmächtige Angst tiefer Schmerz und Traurigkeit[178]. Die aus der Unterdrückung der Gefühle entstandene Spannung würde von den Menschen in der DDR auf vielerlei Arten abgebaut:
• durch ständige Anwendung von Dämpfungsmitteln wie Alkohol oder Medikamenten,
• durch psychosomatische Symptome und Beschwerden,
• durch die Wendung der durch die Unterdrückung der Gefühle entstandenen Spannung gegen sich selbst, beispielsweise in Form von Suizidgedanken und Suizidabsichten,
• durch die Ableitung der durch den Gefühlsstau entstandenen Aggression nach außen, beispielsweise in Form von Rassismus und Gewalttätigkeit[179].
Der Rechtsextremismus in der DDR und später in den fünf neuen Bundesländern wurde von Maaz als gewalttätiges Ausagieren innerseelischer Konflikte verstanden, die letztendlich alle DDR-Bürger kennzeichneten. Daher sei auch das Potential der rechtsextremistischen Szene in der DDR "erschreckend groß"[180]. Die gewalttätigen Ausschreitungen rechtsextremer Jugendlicher und damit auch der Skinheads wurde von Maaz als "destruktiver Aufschrei gekränkter und gedemütigter Seelen"[181] gewertet und damit in erster Linie als ein "Zeichen seelischer Not"[182] interpretiert.
Oesterreich jedoch verwies auf Untersuchungen, die die These einer deformierten Persönlichkeit der DDR-Bürger widerlegten, da die befragten Teilnehmer im Osten Deutschlands nicht ethnozentristischer oder autoritärer seien als ihre westdeutschen Teilnehmer[183].
Sozialpsychologische Ansätze
Werteverfall
Die allgemeine Annahme, daß ein Werteverfall innerhalb von Gesellschaften für das Entstehen von rechten Ideologiemustern verantwortlich sei, wurde von einigen Autoren auf die Situation der DDR angewandt. Es wurde ein fortschreitender Werteverlust in der DDR konstatiert, teilweise ohne genaue zeitliche Angaben und konkrete Ausführungen zu den Umständen zu machen, die die Ausbreitung rechter Ideologie begünstigt hatten.[184]
Abgrenzung vom "linken" Staat nach Brück
Am eingängigsten unter den DDR-spezifischen Erklärungen der Ausbildung von Rechtsextremismus unter den Jugendlichen in der DDR war die These, daß die Übernahme von rechten Ideologien ein Ausdruck des Abgrenzungsbestrebens gegenüber dem eigenen Staat war. Diese These wurde im besonderen durch Brück vertreten. Da sich der Staat als "links" verstand, konnte sich ein Abgrenzungsbemühen, ob aus bloßer Provokation oder vertiefter politischer Opposition, am drastischsten durch die Verwendung von Inhalten und Symbolen des "rechten" politischen Spektrums ausdrücken[185]. Die restriktive Vorgehensweise des "linken" Staates hätte demzufolge ein übriges getan, zur Verfestigung und Radikalität des rechten Gedankengutes beizutragen[186]. Daß für dieses Abgrenzungsbestreben kein eigener Stil von den DDR-Jugendlichen kreiert worden war, sondern der Skinhead-Stil übernommen wurde, wird erklärlich, wenn man die schon erwähnte Bewunderung westlicher Jugendkulturen bei den osteuropäischen Jugendlichen berücksichtigt. Der Skinhead-Stil bot beides - das Image der Modernität und Andersartigkeit eines westlichen Jugendstils kombiniert mit der Möglichkeit, sich durch die rechte Symbolik vom eigenen "linken" Staat abzugrenzen.
Analogie zwischen Faschismus und DDR-Stalinismus
Viele Autoren wiesen im Gegensatz dazu jedoch auf die Kontinuität der Eigenschaften hin, die die DDR-Gesellschaft charakterisierten und im Verhalten der Skinheads weiterwirkten. Sie betonten nicht die Gegensätzlichkeiten, sondern Ähnlichkeiten zwischen beiden Entitäten. So seien nicht nur rechtsradikale Ideologiemuster wie Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus, Führerprinzip und das Denken in dualen Rastern, sondern auch andere, den Skinheads zugeschriebene Eigenschaften wie Gewalttätigkeit und hoher Alkoholkonsum durchaus in der Gesellschaft der DDR nachweisbar gewesen. Autoren, die diese Auffassung besonders vertraten waren Schumann, Stock und Mühlberg.
So zeichnete sich auch schon die DDR-Gesellschaft durch Ablehnung von Ausländern und Intoleranz gegenüber Andersdenkenden aus. Dieses waren Auswirkungen der Abschottung und Isolation des DDR-Staates, der sich zwar Internationalismus auf die Fahnen geschrieben hatte, aber durch Reisebeschränkungen und fehlende Integrationsangebote der Gastarbeiter kaum wirkliche Kontakte zu Ausländern ermöglichte.[187]
Mit dieser Isolation einher ging die Etablierung eines nationalen Chauvinismus. Die DDR stellte sich stets in überhöhter Form dar - so besäße die DDR-Bevölkerung einen unerreicht hohen Lebensstandard, international überdurchschnittlich erfolgreiche Sportler, entwickelte aus eigener Kraft hervorragende technische Errungenschaften und hätte eine exzellente soziale Absicherung, bei der Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit Fremdwörter waren, um nur einige Punkte der Propaganda zu nennen. Auch wenn diese Darstellungen in den meisten Fällen reine Übertreibungen waren, die permanente Betonung der eigenen Leistungsfähigkeit und Größe führte zu Großkotzigkeit und nationaler Arroganz der DDR-Bürger.[188]
Auch Antisemitismus ließ sich in der Haltung der DDR nachweisen. Dieser war Ausdruck der araber- und palästinenserunterstützenden Politik der Regierung. Natürlich würde offiziell jeglicher Antisemitismus verleugnet, aber Bücher mit israelfreundlichem Inhalt durften in der DDR nicht erscheinen. Wer jedoch aus außenpolitischen Gründen mit negativen Stellungnahmen über israelische Juden konfrontiert würde, der käme nicht umhin, diese negative Einstellung auch auf die Juden seiner persönlichen Umgebung anzuwenden.[189]
Als totalitärer Staat lebte die DDR autoritäre Führungsprinzipien vor und dokumentierte mit der damit einhergehenden einschüchternden und bevormundenden Wirkung auf die Bürger die Wirksamkeit dieser Haltung[190].
Auf der anderen Seite hatten die Jugendlichen schon früh gelernt, sich äußerlich totalitären Strukturen unterzuordnen, sich anzupassen und Gehorsam zu zeigen[191]. Daher hatte ein Teil der Jugendlichen beide Seiten des Befehl-Gehorsam-Prinzips verinnerlicht.
Auch die Phraseologie und der Einsatz von Gewalt waren unter bestimmten Voraussetzungen positiv besetzt. In Sportvereinen, im Wehrunterricht, in der Nationalen Volksarmee und in der Gesellschaft für Sport und Technik galten Begriffe wie "Kampf", "Haß", "Vernichtung", "Einsatz" und "Sieg" oft als positive Normen und der Einsatz auch körperlicher Mittel als angemessen und nötig.[192]
In punkto Alkoholkonsum konnten sich die Skinheads ebenso auf ihre soziale Umwelt beziehen. Rund zehn Prozent der erwachsenen DDR-Bevölkerung galten als Gewohnheitstrinker. In Form von hochprozentigen Alkoholika nahmen die DDR-Bewohner statistisch im Durchschnitt jährlich rund fünf Liter reinen Alkohol zu sich, doppelt so viel wie die Westdeutschen.[193]
Vielleicht wären einige dieser negativen Einstellungsmuster zu bekämpfen gewesen, hätte es gemäß der offiziellen Staatsdoktrin einen aktiven und bewußten Antifaschismus gegeben, der seinen Namen verdient hätte. Aber eine Auseinandersetzung mit dem Faschismus des Dritten Reiches fand nicht statt, zu drängend wäre in einer Analyse die Erkenntnis gewesen, daß Faschismus und der Stalinismus der DDR-Prägung analoge Macht- und Denkstrukturen aufwiesen. Daher versagte sich die DDR-Regierung eine selbstkritische Auseinandersetzung mit rechten Ideologien. "Antifaschismus" verkam zu einer bedeutungslosen Worthülse des staatlichen Selbstimages, dessen Bekundung reine Pflichtübung wurde. Solchermaßen diskreditiert wurde der "Antifaschismus" zusammen mit dem Staat von einem Teil der Jugendlichen abgelehnt und konnte daher die Bildung rechter Ideologien trotz staatlicher Bekundung des Gegenteils nicht verhindern.[194]
Allgemein stellten die Autoren fest, daß dem Faschismus, Nationalsozialismus, Rechtsextremismus verwandte Denkstrukturen auch die Gesellschaft der DDR kennzeichneten[195].
Im Gegensatz zu Brück, der die Skinheads aufgrund ihrer Herkunft aus marginalen Lebenssituationen[196] und der Tatsache, daß sie sich als Abgrenzende von einem totalitären Staat[197] verstanden, eher vom Rand der Gesellschaft kommend sah, lokalisierten diese anderen Autoren die Skinheads in der Mitte der Gesellschaft. Die Skinheads hätten zwar gewisse Tendenzen und Werte überzeichnet, nichtsdestotrotz aber bezogen sie sich auf etwas, das in der Gesellschaft schon lange existiert hatte[198].