Kleine Katze (Lebensabend I)

 

Kleine Katze- in der beginnenden Dämmerung

sitzt du zu meinen Füßen

und siehst mich fragend an.

Es scheint,du wolltest mir ‘was sagen,

denn in deine neugierigen Augen

tritt ein Schatten von Verzweifelung

und du scheinst betrübt.

 

He, was soll die Traurigkeit?

Wo ist die kleine Katze,

die sonst lustig und unbekümmert

durch die Wohnung tobt?

Du brauchst doch nicht

bei jeder Bewegung vorsichtig sein.

Du brauchst zum Gehen keinen Stock,

deine Knochen sind nicht morsch wie meine.

 

Für dich ist diese Wohnung

deine kleine Welt.

Du riechst nicht den Staub

in Polstern und Tapeten,

du mußt nicht das Gefühl haben

in einer Abstellkammer zu leben,

wo nur alte, unbrauchbare Dinge lagern.

 

Dich stört die Stille der Wohnung nicht,

unterbrochen höchstens vom Knacken des Holzes.

Mir fällt die Decke auf den Kopf,

mich engen die Wände ein

wie die Seiten eines Sarges

und jede dunkele Ecke schreit tausendfach

die Trostlosigkeit meiner Lage hinaus.

 

Die Angst vor der Einsamkeit,

der man entfliehen will

und die einen am Ende des Tages,

am Abend, nach Sendeschluß,

umso unerbittlicher wieder einholt

und von Nacht zu Nacht größer wird,

bei dem Wissen der Ausweglosigkeit.

 

Die Leere, tagsüber, die einen suffrißt,

die ich nur durch Grübeln überbrücken kann,

dieses gottverdammte Aufrollen

der Erinnerungen. –

Weißt du, ich kann mich wieder besser

an längst Vergangenes erinnern,

aber was letzte Woche war—

keine Ahnung.

 

Die elenden Selbstgespräche,

um wenigstens manchmal jemanden zu hören,

der zu mir, mit mir spricht,

nicht nur Oberflächlichkeiten.

Nicht wahr, all’ das kennst du nicht.

Dein Leben besteht nur aus

Spielen, Fressen und Schlafen.

 

Dabei, ich hatte es nie leicht,

oh, nein, nicht ich.

Als Vater in Frankreich fiel,

mußte ich das Geld beschaffen,

mit vierzehn.

Und kaum hatten wir‘s geschaft­

Weltwirtschaftskrise.

 

Arbeitslosigkeit, Inflation, Hunger

das waren die Regenten                     

jener Tage.                  

Und, mein Gott, den Krieg

hab‘ ich doch auch nicht gewollt.

Westfront, Westwall und Gefangenschaft,

für wen hab’ ich das denn ausgehalten ?

 

Und dann, nach dem Krieg,

ach, wie war da alles kaputt.

Ich hab‘ mitgeholfen

alles wieder aufzubauen,

hab‘ mich totgeschuftet

und für wen ?

Für die Kinder,

die sollten es ‘mal besser haben.

 

Hm, Kätzchen,

du hast recht,

jetzt rede ich

schon wieder mit mir.

Aber was heißt Selbstgespräche,

ich hab‘ ja dich,

du hörst immer aufmerksam zu.

 

Was soll nur das dumme Sprichwort,

das alles für die Katz‘ ist,

wenn man sagen will,

daß etwas umsonst war.

Wäre alles, was ich im Leben getan hätte,

für dich, kleine Katze, gewesen,

ich hätte mehr Dank erhalten, als von allen anderen.

 

Bin ich denn wirklich egoistisch,

wenn ich bei meinen Kindern sein will?

Ich hab‘ sie doch großgezogen,

sie waren der Mittelpunkt meines Lebens

und jetzt bin ich eine Last, für sie.

Fängt so das eigenständige, Leben an,

indem man die Eltern zurückstößt?

 

Wo soll ich denn sonst hin?

Ich hab‘ doch niemanden mehr,

seit Marta tot ist.

Ich will ihnen ja nicht zur Last fallen,

sie nicht in ihrer Eigenständigkeit behindern.

Ich will doch nur unter Menschen,

die ich liebe.

Warum versteh‘n sie das denn nicht?

 

Sie sagen nur,

ich soll an Abendkursen teilnehmen,

an der Universität,

oder im Park auf der Bank sitzen,

den ganzen Tag,

wo wir Alten aufgereiht sitzen,

wie Perlen einer Kette.

 

Überall seien Möglichkeiten,

aber wie hinkommen,

wo schon der tägliche Einkauf

an den Kräften zehrt

und die drei Treppen ...

wo ich doch schon bei der ersten

erschöpft verpusten muss.

 

Nur weil ich alt und schwach bin,

bleibe ich doch ein menschliches Wesen,

mit Gefühlen und Wünschen

und Anspruch auf etwas Glück.

Nur weil ich alt bin

soll ich zufrieden sein,

wenn man mir gerade das Gnadenbrot gibt?

 

Ist es denn nicht nur natürlich,

daß ich mich an meine Kinder wende ?

Es sind doch meine Kinder,

ich bin doch ihr Vater!

Und sie, was machen sie?

Haben nicht mehr für mich übrig,

als mich in ein Altersheim zu schicken,

das ich noch von meiner Rente bezahlen soll.

 

Zu diesen alten Figuren,

aneinander vorbeileben,

sehen, wie die Einsamkeit

in den Gesichtern der anderen

groß und größer wird,

als ob ich nicht dazu nur

in den Spiegel zu sehen bräuchte.

 

Anstatt zu helfen,

belehren sie mich,

wo sie mit mir reden sollen,

halten sie Monologe

und bestimmen über mich.

Bin ich denn schon senil,

entmündigt zu werden wie ein Kind ?

 

Na, kleine Katze, komm nur her,

verscheuch‘ die Gedanken,

zu oft nur hatte ich sie schon.

Jetzt ist nicht die Zeit

sie zu pflegen.  

Komm her, kleines Fellkneul,

laß‘ dich kraulen.

 

Ahh, nicht so wild,

ich bin zu schwach dazu.

Nein, nicht daran,

an das Glas darfst du nicht,   

da war nicht nur Wasser drin,

das hätte keinen weißen Rand hinterlassen.     

Ach, die Röhre ist leer,

mit der kannst du spielen.