Rolf Schwarz

 

Inhaltsangabe:

 

1 Einleitung                                                                                                                                    S.       2

2 Antike Chronisten                                                                                                                     S.        4

3 Exkurs: Stereotype/ Vorurteile                                                                                                 S.        5

4 Britische Vorstellungen von Deutschland und den Deutschen                                        S.        8

5 Erklärungsansätze                                                                                                                     S.        19

                                          5.1 Erklärungsansätze gekoppelt an Ereignisse

historisch- sozialer (- quasi objektiver ) Art                                                                             S.        19

5.1.1 Literarische Aspekte                                                                                                           S.        19

5.1.2 Wirtschaftliche Aspekte                                                                                                    S.        19

5.1.3 Schichtenspezifische Aspekte (- Reiseliteratur )                                                            S.        2o

5.1.4 Moralisierende Aspekte                                                                                                     S.        2o

5.1.5 Kriegspsychologische Aspekte                                                                                        S.        21

5.1.6 Nostalgische Aspekte                                                                                                        S.        21

                                         5.2 Erklärungsansätze basierend auf abstrakten

(- quasi subjektiver ) Vorstellungen                                                                                          S.        21

5.2.1 Psychologische Aspekte                                                                                                   S.        21

5.2.1.1 Projektion                                                                                                                           S.        21

5.2.1.2 Umdeutung                                                                                                                        S.        22

5.2.1.3 Das Gesetz der Nachbarschaft                                                                                       S.        22

5.2.2 Geo- klimatische Aspekte: das Nord- Süd Gesetz                                                          S.        23

5.2.3 Geo- kulturelle Aspekte: das West- Ost Gesetz                                                              S.        25

5.2.4 Sprachliche Aspekte                                                                                                           S.        26

5.2.5 Soziologisch- funktionale Aspekte                                                                                   S.        27

6 Ergebnisse                                                                                                                                  S.        3o

Bibliographie                                                                                                                                  S.       31

 

 

 


 

1 Einleitung

 

Während Europa in den 9oiger Jahren dieses Jahrhunderts immer schneller zusammenzuwachsen scheint, geht mit diesem Prozeß die Aufgabe alter und nun überkommener Vorurteile hoffentlich einher.

Jüngste Ereignisse in dem britisch- deutschen Verhältnis lassen da jedoch Zweifel aufkommen.

Selbst zwischen Nationen, die seit Dekaden nach außen hin ein gutes Verhältnis haben, gibt es immer wieder erstaunliche Fehleinschätzungen betreffs der Absichten und Handlungsweisen der beiden Völker.

Auslöser der letzten größeren Mißverständnisse, die ein beträchtliches Ausmaß an Emotionen auf beiden Seiten beinhaltete, war ein Artikel, der im "The Spectator" erschien und in der sogenannten Ridley- Affäre mündete.

Eben jener Mr. Ridley, Mitglied im Kabinett der englischen Regierung, referierte über das "Joint European Monetarian System" und charakterisierte dies als:

 

             a German racket, designed to take over the whole of Europe. a

 

Dabei wurde der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland nicht nur in einer Karikatur in die Nähe von Hitler gestellt, sondern auch mit Worten. b

Könnte man diese Äußerungen noch als bedauerlichen Rückfall in die Propaganda von Feindbildern des letzten Krieges abtun, mußte es doch recht befremdlich anmuten, daß in diesem Zusammenhang ein Memorandum veröffentlicht wurde, wenn auch zugegebener Maßen durch einige Indiskretion, welches anläßlich eines "Chequers meeting" am 24. März 199o verfaßt wurde. Dieses Memorandum betraf nicht nur die Einschätzung der in Aussicht stehenden deutschen Vereinigung, sondern eben zu einem großen Teil auch eine Charakterisierung des Wesens des deutschen Nationalempfindens.

Ist es nicht nur an sich überraschend, daß eine Regierung, die seit fast 1o Jahren im Amt war und innerhalb dieser Zeit etliche Kontakte mit deutschen Stellen hatte, (darüber hinaus gab es ja eine dekadenwährende Zusammenarbeit auf allen Ebenen der beiden Nachbarländer) anscheinend immer noch so wenig über das offenbar unbekannte Wesen, genannt "Deutschland" wußte, daß es notwendig erschien, einen Bericht darüber abfassen zu lassen, so war es noch erstaunlicher wie trivial das Sammelsurium war, das angewandt wurde, die Deutschen zu beschreiben:

 

angst, aggressivness, assertiveness, bullying, egotism, inferiority complex, sentimentality  c

 

Weiterhin glaubten die Verfasser des Berichts folgende Aussage treffen zu können:

 

There was already evident a kind of triumphalism in German thinking which would be uncomfortable for the rest of us. d

 

"The Guardian" benannte in diesem Zusammenhang  "Germanic imperfections" eder Deutschen, welche seien:

             1) a capacity for excess, to overdo things, to kick over the traces,

             2) a tendency to over- estimate their own strengths and capabilities. f

 

Demzufolge kam der Guardian zu der Schlußfolgerung:

 

The way Germans threw their weight about in the EEC suggested a lot had             still not changed. g

 

All diese Einschätzungen des Deutschen müssen eine Vorgeschichte haben, zu wenig glaubhaft erscheint es, daß gerade in der Nachkriegsgeschichte "aggressivness, bullying, egotism" die deutsche Politik bestimmt hätten, ohne das die vier Siegermächte eingeschritten wären.

Diese Arbeit will versuchen, diese Vorgeschichte aufzuzeigen, in dem das britische Image von Deutschland untersucht werden soll.

Das dabei die ausgewählten Zitate sich auch durchaus in ihren Aussagen wiederholen ist Absicht, um dem Leser nicht nur ein rein benennenden, sondern auch ein quasi sinnlich erfahrbaren Eindruck von immer wieder vorgebrachten Stereotypen zu vermitteln.

Die Arbeit teilt sich hierbei in zwei größere Abschnitte, der erste gibt einen historisch- literarischen Überblick der Entwicklung des deutschen Images und versucht dabei einigermaßen chronologisch vorzugehen, wobei es im analytischem Zuge notwendig sein kann, bestimmte Ereignisse auch themenhaft zusammenzufassen und in dem Falle chronologische Abfolgen außer acht zu lassen.

Der zweite Abschnitt versucht dann Erklärungen für das im ersten Teil nur beschriebene Image der Deutschen aufzuzeigen.

 


 

2 Antike Chronisten

 

Zieht man die frühesten Quellen zurate, die maßgeblich und am nachdrücklichsten die englischen Stereotypen über Deutschland und die Deutschen prägten, so liegt der Anfang, wie bei jeder guten Geschichtsdarstellung, bei den alten Römern.

Schon weiland Cäsar (1oo- 44 v. Chr.) gestand den germanischen Volkschaften eine gewisse Irrationalität und Unberechenbarkeit zu, hob jedoch auch das Unverbrauchte, Ungestüme und das Wilde hervor. [1]

Damit stand Cäsar nicht allein; durch die Beschreibungen und Kommentare aller römischen Zeitzeugen zogen sich Bemerkungen über die persönliche Tapferkeit der Germanen, deren kriegerischem Sinn, aber auch deren ausschweifende Trinkgewohnheiten hin. Zwar schrieb man ihnen gelegentlich eine gewisse Verschlagenheit in der Anwendung von Kriegslisten und diplomatischen Schlichen zu, im großen und ganzen jedoch erschienen die Germanen bar aller Bildung und unfähig zu jeglichem höheren geistigen Lebens. [2]

Die wohl wichtigste antike Quelle, die von späteren englischen Lesern rezipiert wurde, war zweifellos die "Germania" des Tacitus (55- 117). Auch hier fanden sich schon altbekannte Charakterisierungen wieder:

 

The Germans have no taste for peace... A German is not so easily prevailed upon to plough the land and wait patiently for harvest as to challenge a foe and earn wounds for his reward. He thinks it tame and spiritless to accumulate slowly by the sweat of his brow what can be got quickly by the loss of a little blood. ...

Drinking- bouts lasting all day and night are not considered in any way disgraceful. [3]

 

Ohne allzuviel vorwegzunehmen bleibt festzuhalten, daß bereits jetzt, zur Zeit der Römer, die wichtigsten Determinanten des späteren englischen Deutschlandbildes definiert wurden. Natürlich gab es noch Veränderungen und Variationen, jedoch ist es erstaunlich, inwieweit die schon hier angelegten Themen immer wieder aufgegriffen und damit gefestigt wurden.

Vereinfachend konnte man sagen, daß es eine englische Begrifflichkeit von dem deutschen nationalen Charakter gab, noch bevor es einerseits das Volk gab, das sich später "englisch" nannte, noch andererseits die Deutschen im modernen Sinne.

 


 

3 Exkurs: Stereotype/ Vorurteile

 

Bevor wir uns genauer mit den englischen Vorstellungen über die Deutschen auseinandersetzen, ist es sinnvoll sich klarzumachen, wie Stereotype (oder Vorurteile) "funktionieren".

Um die uns umgebende Realität wahrzunehmen, brauchen wir Strukturen, die es uns ermöglichen zu definieren was wir sehen. Nur dadurch bringen wir Ordnung in das Chaos unserer Umgebung.

Aber Ordnung ist nicht genug. Auch die Ordnung birgt noch ihre Probleme, denn sie enthält eine schier unbegrenzte Anzahl von Sinneseindrücken und Informationen, zu viele, um sie alle gleichwertig zu verarbeiten. Um aus einer un- endlichen Vielzahl von Sinneseindrücken eine endliche zu machen, brauchen wir Selektionsmechanismen. Stereotype (oder Vorurteile) sind Teil dieser Mechanismen, sie sind

 

like the door- keeper of a costume ball who judges whether the guest has an appropriate masquerade. [4]

 

Die moderne Forschung hat mittlerweile erkannt, daß Stereotypen (oder Vorurteile) nicht als falsche, unbedingt auszumerzende Vorstellungen einzustufen sind, sondern notwendige Phänomene der kognitiven und kulturellen Entwicklung darstellen. [5] Stereotype sind von daher erst mal weder gut noch schlecht. [6]

Nichtsdestotrotz sind in der Alltagserfahrung, wenn auch Vorurteile unvermeidbar sind, Vorurteile durchaus mit negativen Folgen behaftet. [7]

Des Rätsels Lösung liegt in der Tatsache begründet, daß zwar Stereotype (oder Vorurteile) ihrer Funktion als Selektionsagenten nach wertfrei sind, jedoch erfolgt die konkrete Ausgestaltung dieser Funktion durch den konventionellen Sozialisationsprozeß. [8]

 

It is now universally agreed among scientists that there are no innate antipathies toward the members of different racial, national, religious, or other groups. We have to learn whom we dislike just as we learn other group norms. [9]

 

Damit sind die Stereotypen (oder Vorurteile) Widerspiegelungen der Ängste, Hoffnungen und Erwartungen und Selbsteinschätzungen ihrer Vermittler. Mit den speziellen Stereotypen wird auch ein ganz bestimmter Erklärungsansatz von Realität vermittelt, notwendigerweise eine vereinfachende:

 

Stereotypes are easy ways of explaining things. They take less effort and give an appearance of order without the difficult work that understanding the true order of things demands. [10]

 

Jedoch sind die Wege der Vermittlung der Stereotype keine abstrakten oder anonymen Vorgänge, sie sind vielmehr gebunden an den konkreten Vermittler. Nicht nur unbewußte, sondern durchaus auch bewußt manipulierende Absichten können zum Tragen kommen. Wenn das allgemein menschliche Bedürfnis nach quasi neutralen Ordnungs- und Erklärungsmechanismen überlagert wird von nationalen Impulsen, wenn es sozusagen mißbraucht wird von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen und deren ganz speziellen Interessen, dann kommt es zu dem Phänomen, für das die Stereotype (oder Vorurteile) besser bekannt sind, nämlich ausgrenzende Einstellungen, die durchaus beleidigend oder verletzend gemeint sein können.

Die Schwierigkeit des Einzelnen besteht darin, daß er sich kaum der Internalisierung der vorgegebenen Stereotype widersetzen kann, vielmehr unwillkürlich zu ihrer Verfestigung beiträgt. In gewisser Weise ist er Opfer und Täter zugleich:

 

For the most part we do not first see, and then define, we define first and then see. [11]

We do not see what our eyes are not accustomed to take into account. [12]

 

Was wir aber nicht sehen, kann auch nicht zur Veränderung des Bestehenden beitragen, Stereotype festigen im Sinne einer "self- fulfilling prophecy" den Status Quo.

Aber richten wir das Augenmerk wieder mehr auf die englisch- deutschen Beziehungen und inwieweit die bisherigen Überlegungen zu einer Erklärung des britischen Images von den Deutschen beitragen können.

In dem Maße, in dem sich nach Landung und der Besiedlung Englands durch die germanischen Angel- Sachsen eigene, neue Eigenschaften und Meinungen allgemein wurden und sich festigten, kam es zu der Definierung einer eigenständigen nationalen Kultur. Eine solche nationale englische Kultur mußte sich aber, um in ihren Eigenarten erkennbar zu sein, zu anderen Lebens- und Kulturkonzepten abgrenzen. Mit dem abgrenzen geht auch ein "urteilen" einher, ein Vorgang, der schnell zu einem "ver- urteilen" führen kann:

 

One's own perceptions of reality function as the one and only standard by which ethnocentric point of view others are just seen as 'absurd deviations from an English norm'. [13]

 

Wahrnehmungen von anderen sind nur noch unter ihrem nationalen Aspekt relevant, nur insoweit, wie sie als "typisch deutsch" angesehen werden und als Bestätigung der eigenen Andersartigkeit gegenüber dem Fremden gelten können. [14]

Eine der gebräuchlichsten Formen der Anwendung von Stereotypen ist das Aufstellen von Gegensatzpaaren:

 

Two nations are being contrasted with each other in such a way that for each property in the character of the the one nation the opposite property is sought for in the character of the other nation. [15]

 

Es braucht kaum der Erwähnung, daß bei diesen Gegensatzpaaren die positiven Eigenschaften der eigenen, die negativen Eigenschaften der anderen Nation zuerkannt werden. Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel.

Bei dieser Art der Kontrastierung, die sehr häufig in der Reiseliteratur zum Tragen kommt, sagt ein Autor nicht nur etwas über das zu beschreibende Land und deren Bevölkerung aus, eine Beschreibung, die durchaus fehlerhaft sein kann, sondern definiert in jedem Fall einen eigenen Lebens- und Kulturanspruch.

Das soll natürlich nicht heißen, daß Beobachtungen fremder Kulturen per se sich in der Subjektivität der Eigendefinierung verlieren, nicht alle Aussagen über den Charakter fremder Nationen sind völlig erfunden,

 

but they are such a compound of error, exaggeration, omission, and half- truth that they tell more about the people who believe them, the needs of the group in which they circulate, than the group to which they are supposed to refer. [16]

 

Auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, oder die Verstandesleistung des Lesers herabzuwürdigen, sei eindrücklich darauf hingewiesen, daß es bei vielen Quellen und Aussagen von Engländern über Deutschland und die Deutschen, die im folgenden Teil der Arbeit im Mittelpunkt stehen, es nicht immer notwendigerweise um richtige Reisebeschreibungen darzustellender Sachverhalte geht, sondern um Versuche, sich selbst als Reisender und Träger einer anderen, meistens als höherwertig begriffenen Kultur zu definieren. Es müssen also nicht wirklich die Mahlzeiten schlechter, die Häuser schmutziger, die Menschen roher und die Wälder dunkler sein, sondern es kann zum Teil eigener Aufwertung dienen  solche Bewertungen vorzunehmen (in England seien somit die Speisen schmackhafter, die Häuser sauberer, die Menschen feiner und der Wald lichter).

Als Abschluß dieses Teiles sei die Definition von Stereotype (oder Vorurteilen) genannt, die das bisher ausgesagte zusammenfassen soll:

 

The totality of attributes that a person recognises (or imagines!) when he contemplates that nation. [17]

 


 

4  Britische Vorstellungen von Deutschland und den Deutschen

 

Der Anfang einer eigentlichen englischen Geschichte beginnt mit der Landung von kontinentalen Angeln und Sachsen in Britannien im 5. Jahrhundert. Mit der Etablierung der Herrschaft der Angel- Sachsen standen die in Deutschland ansässigen Völker als Träger einer gleichartigen Lebens- und Kulturgemeinschaft in hohem Ansehen. Diese nationale Volkstradition blieb bis tief in die Normannenzeit (1o66) wirksam. [18]

Doch gab es auch noch eine andere, nicht weniger starke Tradition, nämlich die der lateinisch gebildeten Schichten. Mit der lateinischen Kultur übernahmen sie auch deren Stereotype. So erwähnte der Chronist und Mönch (nach dem Rückzug der römischen Truppen aus Britannien im Laufe des 5. Jahrhunderts stellte der Klerikalismus der römisch- katholischen Kirche die Hauptsäule der klassischen Bildung) Beda Venerabilis im 7. Jahrhundert noch mit Grauen die vielen Völkerschaften Germaniens, die heidnischem Götzendienste huldigten und englisch- christliche Missionare folterten und umbrachten. [19]

Schon zu dieser frühen Zeit der englischen Geschichte gab es jene ambivalente Haltung, die sich nie mehr wirklich ändern sollte, kamen später auch neue Erfahrungen und Aspekte hinzu.

Einerseits waren die Deutschen Träger einer rohen, plebejisch- barbarischen Lebensform, auf der anderen Seite gab es ein tiefes Gefühl von Verbundenheit mit den "germanischen Vettern". [20]

Mit der Invasion der Normannen übernahm nach 1o66 eine weitere romanisch fühlende Schicht die Leitung über die Staatsgeschäfte. Wie schon die Römer vor ihnen sahen sie sich in Opposition zu den Barbaren Germaniens. Diese Opposition war nicht nur notwendigerweise auf militär- politische Themen begrenzt, sondern umfaßte alle Bereiche der Kultur oder Zivilisation.

So ist es nicht weiter überraschend, wenn sich der alt- französische Roman über die Ungeschicklichkeit der Deutschen beim höfischen Ritter- und Minnedienst lustig machte:

 

Das ist also dem Dichter der höchste Grad der Lächerlichkeit, wenn ein Deutscher am Hofe leben und der Minne huldigen will. [21]

 

Der Deutsche war ein Tölpel, untauglich zur Minne, er war ein Vertreter spießbürgerlicher Solidität, dem sein guter Schlaf wichtiger erschien als das Umhersitzen in später Nacht- so lassen sich wohl die Stereotype der damaligen Zeit am ehesten zusammenfassen. [22] So äußerte sich Peire da la Caravanne:

 

Das Volk der Deutschen will ich nicht lieben, noch ihre Gesellschaft irgend haben, denn mir tut das Herz weh von ihren Krächzen. [23]

 

Und Peire Vidal fügte hinzu:

 

Wenn einer den Höfischen spielen wolle, so ist das zum Sterben langweilig. [24]

 

Die Reformation hatte, neben ihren sonstigen politischen und sozialen Veränderungen, kaum einen Impakt auf das Deutschenbild gehabt. Das lag einerseits in der Tatsache begründet, daß Deutschland nie in seiner Gesamtheit protestantisch wurde, andererseits hatte die Gründung der englischen Staatskirche auch relativ wenig mit den Lehren von Luther, Zwingli oder Calvin zu tun. Die im l6. Jahrhundert von Heinrich VIII. ins Leben gerufene Anglikanische Kirche hatte ihren Ursprung eher in politisch- privaten Gründen und wurde zu stark nach dem Vorbild der römisch katholischen Hierarchie aufgebaut, als das religiöse, und damit vom deutschen Sprach- und Kulturraum ausgehende Impulse den Ausschlag gaben. Die wenigen, nach lutherischem Vorbild gegründeten Kirchen wie die schottischen Prespetarianer hatten lange Zeit selbst gegen restriktive Gesetzgebungen zu kämpfen und waren daher als "Dissenter- churches" zu einflußlos, um ihrerseits zum Abbau eventueller negativer Aspekte des Deutschlandbildes beizutragen. [25]

Um l5oo n. Chr. wurde Tacitus' "Germania" quasi wiederentdeckt. Zuerst von Humanisten, dann von Verlegern, die an Büchern über Reisen und ferne Länder interessiert waren. Tacitus' Berichte lösten eine wahre Flut von ab- und ausgrenzenden Stellungnahmen aus, ohne das der Wahrheitsgehalt der Quelle überprüft worden war oder man auf eigene Erfahrungen hätte zurückgreifen können. [26]

So konstatierte Fynes Moryson im Jahr 1617:

 

Every part or member of this nation (Deutschland) is practising night and day this faculty of drinking. [27]

 

Und Peter Heylyn wußte 1677 zu berichten:

 

If by Intemperance either in eating or drinking a man disgorges his foul stomach in his fellow's 1ap, or piss under the table, that's no disgrace to him! [28]

 

Es sei noch einmal hingewiesen auf die im letzten Kapitel genannte Funktion von nationalen Charakterisierungen als Mittel von Selbstfindung- und definierung des eigenen Standpunktes, welche hier in dieser Beschreibung durchaus zum Tragen kommen kann.

Jedoch gab es auch noch im 17. Jahrhundert ein Gefühl der Verbundenheit mit den Deutschen. So bekannte sich Johan Barclay in seinem Roman "Euphormio" zu seiner besonderen Vorliebe für Deutschland, "die große Wiege unserer Vorfahren", aber auch er nannte das deutsche Volk eines, daß mehr für harte Arbeit als für geistige Anstrengung gemacht sei. Natürlich ließ auch er es sich nicht nehmen, in seinem Roman einen Schmaus zu schildern, der bald in ein wüstes Trinkgelage übergeht. [29]

Den Deutschen, beziehungsweise den gemeinsamen Wurzeln von Angeln und Sachsen und den auf dem Kontinent gebliebenen Germanenstämmen Wohlgesonnenen sahen in der "Glorreichen Revolution" von 1688 einen Sieg der unterdrückten germanischen Stämme gegen die normannisch- lateinischen Herren. [30]

Swift (1719) führte das englische parlamentarische System zurück auf germanisches Freiheitsbedürfnis [31] und Hume schrieb in seiner um die selbe Zeit entstandenen Geschichte Englands den nordischen und germanischen Völkern ganz allgemein "Gefühle der Freiheit, Ehre, Gleichheit und Tapferkeit" zu. [32]

Eine weitere, wenigstens teilweise Hochschätzung des deutschen Wesens setzte ein, als im 18. Jahrhundert eine europäische Geisteshaltung um sich griff, die das Naive, Ungekünstelte und Natürliche propagierte. Teile der gesellschaftlichen Elite forderten mit Rousseau (1712- 1778) eine Rückkehr zur Natur und fanden in den Deutschen eine Zielscheibe für diese Ideen. In Deutschland herrschten ihrer Meinung nach noch von der höfischen Kultur unverdorbene Urzustände.

Der Naturmensch wurde dem Kulturmenschen vorgezogen, und der traditionelle Barbar, der Deutsche, ward im neuen Licht gesehen. [33]

Wichtig bleibt hierbei festzuhalten, daß jetzt nicht etwa genauer hingeschaut wurde und damit ein Versuch darstellte ein neues, moderneres und wirklichkeitsnaheres Bild von Deutschland zu entwerfen, sondern im Gegenteil, die alten Stereotype wurden zwar umgedeutet, aber nachwievor weiterverwandt. Was früher negativ schien, galt jetzt nur als positiv.

Es kam nur zu einem Bedeutungswandel, nicht etwa zum Aufbrechen überholter Stereotype.

Ein Beispiel dafür mag auch Samuel Colerige sein, der zwar den ideellen Impulsen, die aus Deutschland kamen, sehr aufgeschlossen gegenüberstand, jedoch benutzte er bei der Beschreibung des "real existierenden" Deutschlands sprachliche Bilder und Wendungen, wie sie schon Tacitus, Moryson oder Heylyn verwandten, als er 1778 Hamburg besuchte:

 

The streets are narrow and stinking, without any appropriate path for foot- passengers. (...)

It is a foul city. I moved on and crossed a multitude of ugly bridges. (...)

(Hamburg) is Huddle and Ugliness, Stink and Stagnation. [34]

 

Auch die Tischsitten lassen nach Coleridge noch immer zu wünschen übrig:

 

All the men have the hideous custom of picking their teeth with their forks. Some hold up their napkins before their mouth while they do it- which is shocking and adds a moral Filth to the action by evincing that the person is conscious of the Filth of the action. [35]

 

Völlig entsetzt war Coleridge jedoch über die moralischen Leitlinien beziehungsweise deren Fehlen, in Bezug auf die zwischenmenschlichen Beziehungen:

 

They dance a most infamous dance called the Waltzen. There are perhaps 2o couples, the man and his partner embrace each other, arms round waists, knees almost touching, and then whirl round and round, the whole 2o couples, 4o times round at least, to lascivious music. This they dance at least three times every ball night. There is no country on the earth where married women are chaste like the English- here the married men intrigue or whore- and their wives have their lovers. [36]

 

Die im 19. Jahrhundert aufkommende Ritterromantik in England will "Menschen von ungebändigter Leidenschaft und Lebenskraft, Menschen, die noch bodenständig und ungebrochen im Denken und Handeln sind, in denen noch der dämonische Urtrieb der Mutter Natur wirkt." [37]

Zur Zeit der immer mehr fußfassenden Industrialisierung wurde das dagegen provinziell erscheinende Deutschland Hort von Mythos und Märchen, wo es zwar skurrile Großartigkeiten gab, in dessen Feenauen aber wohl die wenigsten, wenn sie ausgeträumt hatten, ihr alltägliches Leben fristen wollten. Wieder stand ein bäuerlich- barbarisches Kriegervolk dem zivilisatorisch- industriellen England gegenüber.

So berichtete Sir Walter Scott in seinen Romanen, die zwischen den Jahren von 18o5 bis 1831 entstanden, von deutschen Rittern, die unbefleckt von Bildung und Zivilisation mutvoll ihre Tage verlebten, durchaus verwegen im männlichen Streite waren, jedoch voll Furcht vor geheimen überirdischen Mächten und Dämonen.[38]

Auch George Eliot (1819- 188o) sprach von Raubritterbaronen, die etwas von der Größe wilder Tiere in sich trügen und damit jene dämonischen Kräfte repräsentierten, die für immer mit Schönheit, Tugend, und den sanften Seiten des Lebens in Konflikt ständen [39] (und damit auch mit England?).

In "Vivian Grey" (1826/27) ließ Disraeli eine seiner Protagonistinnen von Deutschland schwärmen:

 

Oh, du hast niemals in einem Land gelebt, in dem jeder Berg, jeder Fluß, jeder Wald und jede Ruine ihre Legende und ihren besonderen Geist haben; ein Land, in dessen dunklen Wäldern der mittelalterliche Jäger mit seinem Geister Ruf den Schlummer des zitternden Untertanen stört; ein Land, in dessen sich windenden Flüssen die blond- haarige Undine den verspäteten Reisenden mit ihrer lechzenden Umarmung begrüßt. [40]

 

Auch wenn er später als Premierminister sicherlich eine andere, eher pragmatistischere Position gegenüber Deutschlands vertrat, so ist es doch interessant zu sehen, inwieweit bestimmte Stereotype Verbreitung gefunden hatten.

Das Motiv des unheimlichen Waldes wurde oft und gern wiederaufgegriffen. So beschrieb Mark Twain 188o den Schwarzwald folgendermaßen:

 

... but the weirdest effect, and the most enchanting, is that produced by the diffused light of the low afternoon sun; no single ray is able to pierce its way in, then, but the diffused light takes color from moos and foliage and pervades the place like a faint, greenhinted mist, the theatrical fire of fairyland. [41]

 

Die Industrialisierung Deutschlands und deren unbestreitbaren Erfolge im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts machte es selbst den hartnäckigsten Verfechtern schwer, wenn nicht ganz unmöglich, an dem provinziell- bäuerlichen, allenfalls mit kauzigen Professoren [42] bevölkerten Bild Deutschlands festzuhalten.

Erneut versuchte sich England nun anders zu definieren (sicherlich nicht nur aufgrund deutscher, sondern ganz allgemein größeren Industrialisierungsgrade der Länder auf dem Kontinent); das Ideal wurde die Lebensform der "landed Gentry". Nicht mehr Urbanisierung und Industrie stand im Fokus der besitzenden Schichten, sondern ein Leben im "cottage in the countryside" wurde erstrebenswert. Ralf Dahrendorf prägte dafür den Begriff der "non- industrial industrial society". [43]

Gleichzeitig entstand das Bild vom Deutschen als "workaholic", der nur Pflichterfüllung kannte, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Präzision. [44]

Zwar konnte nun den Deutschen nicht mehr per se geistige Fähigkeiten abgesprochen werden, jedoch wurden sie auf eine reine, kalte Intellektualität begrenzt, die sich im Organisieren und Planen erschöpfte und nur fähig war, einmal getroffene Entscheidungen starr und unwandelbar zu verfolgen.

So wurden erneut klare Unterschiede zwischen den deutschen und englischen politisch- philosophisch- historischen Prinzipien und Wertvorstellungen gefunden. Acton stellte kompromißlos fest:

 

Während für Deutschland Perfektion, Einheit, Autorität und Subordination typisch sind, ist England gekennzeichnet durch die Kategorien der Freiheit, der Vielfältigkeit des Besonderen, des Rechts und durch den Mangel an einem systematischen Ordnungsprinzip. [45]

 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahm auch eine puritanisch geprägte Argumentation immer breiteren Raum bei der Entwicklung dichotomischer Positionen ein.

Die puritanische Geisteshaltung kannte nur gottgefällige und verdammte Völker. Schon hienieden zeigte sich, vom wem ein Volk auserwählt wurde, von Gott oder dem Teufel. Somit gab es nur schwarze und weiße Schafe unter den Völkern, keine grauen.

Puritanische Nationen waren im festen Glauben, das ihr eigenes Land als "God´s own country" ein auserwähltes ist, die Gegnerländer hingegen zu denen zählen, die dem Teufel verfallen sind.

Länder mit starkem puritanischen Einschlägen waren vor allem die Niederlande, Großbritannien und die U. S. A. In diesen Ländern waren und sind besonders fest verwurzelte und fast unbekämpfbare Vorurteile gegenüber den Deutschen festzustellen.

Ein Krieg war im puritanischen Selbstverständnis eigentlich nur dann statthaft, wenn sich die Auserwählten gegen die Verdammten verteidigen müssen und somit der Wahrheit zum Siege verhelfen. Die Kriege, die puritanische Völker führen, gehörten zum Typus der Kreuzzüge.

Die Greuel, die angeblich (1. Weltkrieg) oder tatsächlich (2. Weltkrieg) von den Achsenmächten begangen wurden, waren für diese Haltung keine Überraschung, sondern eher eine Bestätigung des bestehenden Weltbildes.

Einem derartig leichten, eingängigen Denkschema stand die Tatsache gegenüber, daß noch bis zu Mitte des 19. Jahrhundert von Einigen die "Verwandtschaft" der beiden Völker propagiert wurde. Um dem zu begegnen, wurde begonnen, in allen Gebieten die Andersartigkeit zu betonen. In diesem Punkt unterscheidet sich die englische von der französischen Geistesgeschichte, die nie eine derartige Betonung der offenkundigen Verschiedenheit nötig hatte, was dann die Versöhnung nach dem 2. Weltkrieg erleichterte. [46]

Der Anfang der englischen Abgrenzungsbestrebungen dieser massiven und grundsätzlichen Art lag bei der deutschen Reichseinigung 1871.

So ist es nicht erstaunlich, daß Gladstone, der mit Unterbrechungen Premierminister zwischen den Jahren 1868- 1894 war, befand, daß der deutsche Geist der gefährlichste Feind des Evangeliums sei. [47]

Getreu diesem Denkschema konnten die Deutschen auch nicht plötzlich vom Wege der Tugend abgewichen sein, als sich um die Jahrhundertwende mehr und mehr Konfliktfelder abzeichneten, was im Weltbild der Vorbestimmung nicht möglich war, sondern es hatte stets den "verdammten" Deutschen gegeben, ihre verborgene, aber wahre Seele.

Konfliktpunkte gab es genug zwischen beiden Nationen. So wandte sich die Flottenpolitik des Kaiserreiche direkt gegen englische Interessen, wie auch der Anspruch auf Kolonien. Zwar übte sich das offizielle Kaiserreich in Neutralität, aber die sentimentale Burenbegeisterung der deutschen      Massen während der englischen Feldzüge in Südafrika (1899- 19o2) tat ein übriges, das Klima zu verschlechtern. [48]

Schon 1877 sah Sir Austin Chamberlain Deutschland durch einen

 

narrow- minded, proud, intolerant Prussian chauvinism [49]

 

dominiert .

Traurige Berühmtheit erlangte die "Hunnenrede" des Kaisers, gehalten anläßlich der Entsendung deutscher Truppen, um in einem multi- nationalen Kontingent den sogenannten "Boxer- Aufstand" in China niederzuschlagen (l9oo):

 

Kommt Ihr vor den Feind, so wird dieser geschlagen: Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht. Wer Euch in die Hände fällt, sei Euch verfallen.

Wie vor 1.ooo Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch heute in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf 1.ooo Jahre durch Euch in einer Weise betätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen. [50]

 

Selbst Freunde einer intensiven Zusammenarbeit wie Sir Richard Burdon Haldane kamen nicht umhin, mittlerweile zu allgemeinplätzen gewordene Unterschiedsmerkmale erneut zu konstatieren:

 

Ich darf es daher wagen, Ihnen folgende Rassendifferenz  betreffs des Handelns und des Denkens an die Hand zu geben: Der Engländer handelt nach einer Vorstellung, der Deutsche begriffsgemäß. Bevor er handelt, hat der Engländer weniger oft als der Deutsche, teils gewohnheitsmäßig, teils aus freier Wahl, einen abstrakten Plan oder Grundsatz zurechtgelegt. Es liegt dies in seinem charakteristischen Individualismus, und die Erfahrung hat ihn gelehrt, daß dies die Quelle seiner Kraft ist. [51]

 

So gesagt 1911, anläßlich einer Festrede zur Eröffnung der Sommerferienkurse der Universität Oxford und veröffentlicht in der Zeitschrift für "Internationale Verständigung". Damit zeigte sich, daß diese Art der Charakterisierung nicht auf eine bestimmte politische, gesellschaftliche oder religiöse Gruppe beschränkt war.

Unbestreitbar ein Tiefpunkt der deutsch- englischen Beziehungen war aus offensichtlichem Grund mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges erreicht.

 

For all we have and are

For all our children's fate

Stand up and take the war

The Hun is at the gate. [52]

 

Originalton Rudyard Kipling 1914.

In dieses Bild von den Deutschen paßte es, daß zu Beginn des Krieges Meldungen kursierten, die deutschen Truppen hätten bei ihrem Vormarsch durch Belgien Frauen und Kindern die Hände abgehackt.

Dies stellte sich später als frei erfundene Propaganda heraus[53], aber diese Affäre sollte Jahrzehnte später ein tragisches Nachspiel haben, denn als im 2. Weltkrieg diesmal wahre Meldungen über die Konzentrations- und Vernichtungslager aufkamen, mag die "Belgien- Affäre" mit ein Grund gewesen sein, daß einige Nachdenkliche den Berichten über erneute Greueltaten der Deutschen wenig Glauben schenken mochten.

Ganz in Übereinstimmung mit dem herrschenden Bild zeichnete das neue Medium Film die Deutschen mit den schon an Tradition grenzenden Stereotype nach. Die Deutschen beziehungsweise ihr vornehmliches Auftreten als Soldaten, wurden als dümmliche Trottel porträtiert, die von den smarten, edleren Alliierten überlistet wurden, sowie dann auch als brutale, grausame Komißköpfe. Weniger oft fand sich die Darstellung des deutschen Soldaten als "noble savage", des Edlen, Braven, der aber oft an Anderen und deren Dummheit, Roheit, Grausamkeit und Arroganz scheiterte. [54]

Auch wenn in der Weimarer Zeit der Kontakt zwischen beiden Ländern wieder zunahm und es zu einer regen Reisetätigkeit besonders auch von Literaten und anderen Intellektuellen kam, so reichte dies nicht aus um eine Neudefinierung des Bildes von Deutschland einzuleiten. Viel zu schnell war die demokratische Ära Deutschlands vorbei und das 3. Reich schien der Beweis für die These zu sein, daß es kein anderes, besseres Deutschland gab, daß der Nationalsozialismus nur das wahre Wesen der Deutschen klar an den Tag brachte. [55]

Osbert Sitwell kam 1934 daher zum Schluß:

 

The atrocities in Germany are, like the war, the result of the German character.[56]

 

Und Lord Vansittard, Gegner der englischen Appeasementpolitik in den 3oern, stellte fest, daß das Kriegerische, Verbrecherische, Kranke das wahre Wesen des deutschen Charakters sei. [57]

Als D. H. Lawrence 1934 Deutschland bereiste, floß in seiner Beschreibung fest alles zusammen, was ungefähr l.ooo Jahre lang das Bild Deutschlands in England bestimmte: angefangen von den kriegerischen Barbarenstämmen Tacitus´ über die düstere, unheimliche Waldszenerie Twain´s zum Rigorismus protestantischen Einschlags und Hunnenimages des 1. Weltkrieges:

 

The Rhine is still the Rhine, the great divider. You feel it as you cross. (...) the other side seeming so cold, so empty, so frozen, so forsaken. (...) And there stand the heavy, pounderous round hills of the Black Forest, black with an inky blackness of Germanic trees. (...)

You know that you stand on an actual border, up against something. (...)

The moment you are in Germany, you know. It feels empty, and, somehow, menacing. So must the Roman soldiers have watched those black, massive round hills: with a certain fear, and with the knowledge that they were at their own limit.

A fear of the invisible natives. A fear of the invisible life lurking among the woods. A fear of their own opposite. (...)

The positivity of our civilisation has broken. The influences that come, come invisibly out of Tartary. (...)

Something has happen to the human soul, beyond all help. (...)

The ancient spirit of prehistoric Germany coming back,  at the end of history (...) as barbarians lurking in a wood recoil out of sight. Old habits remain. [58]

 

Sicherlich war D. H. Lawrence sich der neuen Qualität des Lebens in Deutschland unter der Nazi- Herrschaft bewußt und wollte das Bewußtsein seiner Leser sensibilisieren, doch darf bezweifelt werden, ob das mit dem Aufgreifen von jetzt zwar anders gemeinten, nichtsdestoweniger in einer langen Tradition stehenden Stereotype gelang. Zu einfach war es, Kontinuitäten fortzusetzen und dadurch eben nicht das Neue, das Ungeheuerliche in Deutschland zu erkennen.

In eben dieser Tradition stand auch Stephen Spender, als er 1945 die Menschen und die Landschaft Deutschlands beschrieb. Da nun, nach dem Krieg die "barbarians" aus der fernen Steppe besiegt waren, konnte wieder die pittoreske Märchenlandschaft gewürdigt werden. Besonders interessant ist bei Spender zu beobachten, wie die deutsche Landschaft nicht nur ganz allgemein die Lebensumstände und Charakteristik der Deutschen beeinflußt, was in einer sehr abstrakten Weise ja durchaus der Fall sein mag, sondern wie eine Landschaft innerhalb weniger Kilometer eine völlig andere Grundstimmung ausstrahlt. Ist die Landschaft hüben, in Frankreich, aufgeklärt individualistisch, so ist sie drüben, in Deutschland, unheilschwanger und mystisch. Hier wird wie kaum irgendwo deutlich, daß Beschreibungen nicht nur um ihrer selbst willen geschrieben wurden, sondern auch, um sich mit ihnen sich und die eigene Nation zu definieren. Bei Spender ist die deutsche Landschaft einerseits

 

the German fairy story. A country where the children are like dolls and where old men and women are dressed in stiff satiny peasant costume. The houses look as if you could eat them, they are so sweet, so icing- coloured and creamful, striped with beams which look like bars of chocolate. (...) [59]

 

Auf der anderen Seite ist die Landschaft immer noch Ausdruck eines tieferliegenden Unheils, wie in einem Märchen mischen sich daher idyllische wie schreckliche Eindrücke.

 

The great plains of the North, bare and null, interrupted by black pine forests, packed with spears and threats.

(...) in Westphalia, is true German fairytale landscape: little squashed painted houses, too pretty almost to be true. (...) [60]

 

Die Landschaft als Symbol nicht nur der Menschen, sondern auch deren Geisteshaltung und Kultur.

 

Germany, has not the cultivated look of Italy and France but rather a carved or hewn look. ... The landscape of Germany is as varied as that of any other country, yet much of it has in common a mental quality, less sensuous and luminous than France, less earthy than England. It is possible to think of it abstractly and it is possible to imagine it as full of intentions, moods. It doesn't suggest the Gods of Greece, nor is it haunted by the sense of individuality like England or France, but it is full of impulses, some warm and friendly, some sinister. It has been shaped and thought of and thought into, more than civilised. It is significant, pregnant and mystical. [61]

 

Doch gab es auch scheinbar wissenschaftlichere Auseinandersetzungen mit dem Thema Deutschland, wenn auch die nicht ganz auf altgeliebte Stereotype verzichten mochten.

So war nach A. J. Taylor (1945) die deutsche Geschichte eine unablässige Abfolge von Extremen: im Laufe von tausend Jahren hätten die Deutschen alles erlebt "except normality". [62] Der brutale Typ (Synonym für den barbarischen Hunnen?) und der sentimentale (Synonym für den deutschen Vetter?) hätten existiert, oft nicht nur in der selben Epoche, sondern auch in der selben Persönlichkeit (wie ja auch die Dichotomie des englischen Deutschlandbildes jeweils gleichzeitig bestand). Der deutsche Charakter wurde von ihm als eine Mischung gekennzeichnet: gleichzeitig sentimental, vertrauensselig, fromm, brutal, prinzipienlos und niedrig. Die Zwiespältigkeit des deutschen Wesens führte Taylor darauf zurück, daß Deutschland nie eine eigene "bodenständige" Kultur entwickelt habe (was immer das auch sein mag- doch nicht etwa "Blut und Boden"?). Es war immer nur eifrig bestrebt, den Westen nachzuahmen (was Deutschland aber auch durchaus zukam, siehe weiter unten im Kapitel "Geo- kulturelle Aspekte: das West- Ost Gesetz"), eine Imitation, die mit dem Nachäffen Cäsars bei Karl dem Großen begann (Karl den Großen als Deutschen zu bezeichnen, ehrt zwar die Deutschen, aber eine größere Anzahl von Franzosen dürften dem wohl kaum zustimmen- wobei Rom auch kaum westlich von Aachen liegt) und bei dem Nachäffen Napoleons bei Hitler endete. Aber richtig zu begreifen sei der Deutsche erst, wenn man die ganze Antinomie seiner Stellung in Europa sähe: eine Haltung beinahe sklavischen Nachäffens gegenüber dem Westen und brutalem Vernichtungswillen gegenüber dem Osten. [63]

Wie langlebig Stereotype trotz veränderter Zeiten sein können, zeigte sich bei Georges Mikes, seines Zeichens ein nach England eingewanderter Humorist ungarischer Abstammung, und seiner Einschätzung des deutschen Charakters. Geschrieben 195o nahm er fast bruchlos die Darstellung Haldanes von 1911 auf, jedoch sehr viel negativer als der Oxforder Ehrendoktor:

 

The Germans must reduce everything to first principles. This is a good rule, but life and things do not follow it. Everything must be analysed, understood and pigeonholed. [64]

 

Vielleicht ist diese Schilderung nicht die originellste, doch zeigt sie etwas anderes: mit der Übernahme nicht nur der Lebensart, sondern auch der Stereotype seines Gastlandes konnte Mikes sich und den anderen "beweisen", wie sehr er schon ein naturalisierter Einheimischer war.

Mit dem industriellen Aufschwung in den 5oern und 6oern, dem berühmten Wirtschaftswunder der Deutschen kamen auch die Gefühle des Neides und mit ihnen die Stereotype wieder, die auch schon das Bild des viel zu erfolgreichen Deutschen in den 8oern des vorigen Jahrhunderts prägten: der häßliche Deutsche, fett, ignorant, ein unsensibles Arbeits-tier.

So ist es nicht überraschend, daß in der öffentlichen Mythologie und in Film, Funk und Fernsehen der 2. Weltkrieg bis heute lebendig ist. Der Sieg des Jahres 1945 war ein Höhepunkt der britischen Geschichte. Ihm folgte ein steter, unaufhaltsamer Niedergang im wirtschaftlichen und politischen Gebieten. Kriegserinnerungen halfen bei der Kompensierung des auffallenden Erfolges der ehemaligen Gegner (Deutschland und Japan) und erhöhen das eigene Selbstwertgefühl. [65]

Daher wird klar, daß solange England sich nicht aus eigenen Stärken und Werten definiert, sondern zu einen sehr starken Maße in Ab- und Ausgrenzung zu anderen nationalen Kulturen, wie Frankreich und Deutschland, Zuflucht sucht- eine Tendenz, die gerade in der Thatcher- Dekade wieder unverhohlen zunahm und in einer quasi anti- Kontinent oder anti- EEG Politik ihren Ausdruck fand- negative Stereotype, wie immer ihre aktuelle Ausgestaltung aussieht, breiten Raum in dem öffentlichen Bewußtsein einnehmen werden.

Zeitungen verwandten nach wie vor Adjektive, die stark emotional geprägt waren, wenn es um die Beschreibung des deutschen Charakters ging, wie z. B. "militant, nationalistisch, hysterisch, romantisch, störrisch schwerfällig, brutal, perfektionistisch, ungeschliffen". [66]

Als die BBC 198o eine Serie über die Deutschen sendete, stand im offiziellen Vorwort:

 

Germanic thoroughness and desire to follow ideas through may be both advantageous and undesirable (...).

Since the war the Germans have been too busy turning themselves into respectable people to have time for a good laugh. But they eat and drink heroically. [67]

 

Da ist alles wieder beisammen: die Deutschen mit ihrer germanischen (!) Gründlichkeit, die zwar keinen Humor haben aber in beneidenswerter Gemütlichkeit schunkeln.

Selbst Literaten sind nicht frei davon, immer wieder uralte Wurzeln der Deutschen hervorzuheben, nicht immer zu Ehren ihrer modernen Nachfahren.

Frederik Forsyth schrieb in seinen Roman "The Odessa File", (1983) ein Roman, der bezeichnenderweise versteckten Naziverbrechern auf der Spur ist:

 

Later, the Germans converted to Christianity, they paid lip- service by day to the Prince of Peace, dreaming only in the dark hours of the ancient Gods of strength and lust and power. It was this ancient atavism, the worship in the dark of the private Gods of screaming endless trees, that Hitler had ignited with a magic touch. [68]

 

Der ebenerwähnte Kanzler und Führer des deutschen Volkes wäre wohl nicht eben wenig befriedigt, erführe er, wie sehr der von ihm beziehungsweise seinem Propagandaminister verbreitete Auffassung von den Deutschen als blonde, blauäugige (in jeder Hinsicht) Recken mit Wurzeln bis tief in die germanisch- arische Urzeit noch leidenschaftlich geteilt wird, und zwar ausgerechnet von eben jenen, die ausgezogen waren, die Träume von Herrenmenschlichkeit zu negieren. Wahrlich, welch köstliche Ironie der Geschichte, für den, der so etwas mag.

Abschließend sei noch auf zwei Äußerungen verwiesen, die die Vereinigung der beiden deutschen Staaten, und den Gefahren für England und überhaupt, zum Inhalt hatten.

Conor Cruise o'Brien, ansonsten ein brillanter Historiker und Mitglied des irischen Parlaments für die Labour Party sah im Oktober 1989 die "Entstehung des vierten Reichs" [69] und Lord Rees Mogg, Liberalkonservativer, benannte "alte deutsche Fehler", wie die Arroganz des preußischen Offiziers und das Einschüchtern schwächerer Nationen. [70]

Zusammenfassung:

 

Stereotype ordnen, selektieren, erklären, tragen bei zur Definition des eigenen Ich's auf persönlicher, familiärer und nationaler Ebene bei und schaffen ein Zugehörigkeitsgefühl durch die Etablierung einer Wir- oder "In" Group. Diese multi- funkionale Charaktereigenschaft macht es so schwierig, einzelne Informationsstränge aus dem Stereotypenamalgam herauszulösen und zu verändern.

Schon in frühester Zeit spaltete sich das britische Deutschlandbild in zwei Aspekte:

·        einerseits in den Vetter, der als gemütlicher, behäbiger, arbeitsamer Simpel daher           kommt, nicht ohne gewissen bodenständigen Witz oder Bauernschläue; der opulente Festmäler veranstaltet wie das Oktoberfest   und schunkelnd Lieder von Melancholie zum Besten gibt (der zerstreute, aber oder gerade deswegen liebenswerte Professor ist eine Variation dieses Grundthemas),

·        andererseits als der arrogant- brutale preußische, oder, moderner, SS- Offizier, egoistisch, amoralisch, mitleidslos, militaristisch, mit einer kalten funktionalen Intelligenz ausgestattet, die zwar Großes im Planen und Organisieren zu leisten vermag, jedoch aufgrund ihrer Un- flexibilität und Gehorsamssucht leicht von den smarten Feinden ausgetrickst werden kann.

Zwischen diesen beiden Eckpunkten gibt es natürlich Mischformen und Variationen, der schon erwähnte zerstreute Professor ist eine, der ehrgeizige Forscher oder "the noble savage" sind andere.

Beiden Deutschentypen, dem einen wie dem anderen, gehen die feinen Sitten, Kultur und das Weltmännische ab.

Noch ein Wort zur Auswahl der Zitate. Sicherlich mag man einwenden, daß die Beispiele zu pessimistisch ausgewählt sind, daß es auch viele positive Äußerungen zu Deutschland gibt. Dies ist sicherlich wahr. Man muß aber bedenken, daß Personen, die deutsche Kulturleistungen würdigten, nicht notwendigerweise auch dem Volk als ganzes positiv gegenüberstanden. Coleridge mag dafür als Beispiel dienen- auch wenn die Position von Dr. Charles Burney, der sich 1773 so enthusiastisch über die deutschen Komponisten äußerte, wie abfällig über die normalen Bürger, daß man vermuten könnte, daß ihm am liebsten die deutsche Kultur ohne die Deutschen wäre, in ihrer Radikalität wohl eher selten ist. [71]

Die deutschstämmigen Hannoveranischen Könige Englands (1714- 183o) veränderten kaum das Image ihrer Heimat, sie waren darum auch wenig bemüht. [72]

Ähnlich steht es um den Prinzgemahl Königin Victorias´. Mögen heutige Historiker auch mehr von seinen intellektuellen Fähigkeiten halten als seine Zeitgenossen, wichtig bleibt, das er in seiner Zeit relativ unpopulär war, was dem deutschen Bild kaum half, oder allenfalls als etwas naiver, wenn auch umgänglicher Mensch gesehen wurde, was aber keine neue Bedeutung zu dem schon vorhandenen Deutschenimage addierte. [73]

Insofern bleibt festzuhalten, daß es niemals einen Bruch oder eine tiefgreifende Uminterpretierung des Bildes der Deutschen gab, zu verschiedenen Zeiten wurden nur von den verschiedenen sozialen Gruppen die beiden obengenannten Aspekte unterschiedlich stark betont.

 


 

5 Erklärungsansätze

 

Dieser Teil will sich vornehmlich mit dem Versuch einer Auffindung der Gründe für das Entstehen der konkreten englischen Stereotypen über Deutschland beschäftigen, nachdem der letzte Teil eher beschreibender Art war.

Dabei teilt sich dieser Abschnitt in zwei Bereiche; in einen ersten, der konkrete, quasi objektive Aspekte verfolgt und eine direkte und an die jeweilige Zeit gebundene Verbindung zwischen historischen Ereignissen und den daraus resultierenden Folgen aufzeigen will, und einen zweiten, der sich mit abstrakten Vorstellungen, die quasi universelle Gültigkeit haben, beschäftigt. Schon jetzt bleibt festzustellen, daß die im Gewande abstrakter, universeller Regeln daherkommenden Aspekte sich schnell als subjektive (Wunsch-) Vorstellungen entlarven, doch dazu später mehr. Auch der oben verwandte Begriff der "objektiven Aspekte" wird umgangssprachlich benutzt; eine umfassende Diskussion um Konzepte der "Objektivität" wäre hier fehl am Platze, da nicht der Hauptaspekt dieser Arbeit.

5.1 Erklärungsansätze gekoppelt an Ereignisse historisch- sozialer (quasi objektiver) Art

5.1.1 Literarische Aspekte

 

Die Beschreibung des Tacitus die deutschen Stämme betreffend findet man beinahe mit denselben Ausdrücken bei Herodot, der aber beschreibt die Perser.

Tatsächlich sind bestimmte Eigenschaften wie Trunksucht, Kriegslust usw. von den antiken Griechen und Römern all jenen Volksscharen zuerkannt worden, die in den Augen der klassischen Chronisten als primitiv galten: Kelten, Thraker, Illyren, Scythen, Perser, Inder und anderer. [74]

Damit entlarvt sich die früheste und gleichzeitig wichtigste Quelle der Information über die Deutschen als literarisches Topos.

5.1.2 Wirtschaftliche Aspekte

 

Zwischen dem 1o. und 16. Jahrhundert wurde der Außenhandel in England von einem wirtschaftlichen Zusammenschluß dominiert, die als "Hanse" bekannt war. Wenn die Hanse auch nicht als "deutsch" im Sinne einer nationalen Gesellschaft verstanden werden darf, so nahmen Deutsche einen sehr breiten Rahmen darin ein.

Teilweise war die Hanse in England von so großem innenpolitischen Gewicht, das das an ein Monopolwirtschaftsgefüge grenzende Handelsgeflecht selbst englischen Königen und ihren Steuerplänen erfolgreich Paroli bieten konnte. [75]

Eine dermaßen dominante Machtposition innerhalb Englands mußte nicht nur den damaligen "Politikern" (- falls man die in der damaligen Zeit engagierten Aristokraten so nennen darf ), sondern auch dem englischen Handel und der Wirtschaft ein Dorn im Auge sein.

Es wäre sicher falsch zu behaupten, daß die Gegner der Hanse vorsätzlich nach negativen Einschätzungen über den Charakter der kontinentalen Händler gesucht hätten, aber als im Zuge der humanistischen Forschung Tacitus und seine Aussagen über die Deutschen wiederentdeckt worden waren, hat man diese in Sinne negativer Propaganda mit Freuden verwandt.

5.1.3 Schichtenspezifische Aspekte (- Reiseliteratur )

 

Mit Anbruch der Neuzeit nahm der Kontakt zwischen den Nationen und Kulturen zu, man war nicht nur mehr auf bereits überlieferte Berichte angewiesen. Nicht nur mehr Handelsreisende brachten nun Kunde von fernen Ländern, sondern eine neue Gattung von Chronisten betrat die Szene: der Verfasser von Reiseliteratur, der schreibt, um der Beschreibung willen.

Jedoch handelte es sich nicht um einen "demokratischen" oder Massen- Tourismus, der jedem die Möglichkeit bot, das Ausland zu besuchen. Reisen kostet Geld, nicht nur erst heute, sondern erst recht damals.

Reisen damals, zumal wenn nur aus Vergnügen, konnten sich nur Wohlbegüterte leisten, mit anderen Worten: die Oberschicht.

Und bei der war das Frankreichvorbild tonangebend. Die französische Sprache, das französische Wesen galt (und gilt) als fein und vornehm. Auch die englische Erziehung zum Gentleman, die englische Kleidung hatte auf der ganzen Welt Maßstäbe gesetzt.

Deutschland hatte diesem Einfluß nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Deutschland fehlte es an Esprit, es hatte keine Finesse, keinen Takt, keine Eleganz, kein Feingefühl- dies wurde und wird von Deutschen durchaus ähnlich gesehen.

Die Nachahmung des französischen Hotels in 18. und 19. Jahrhundert oder auch die Nachahmung der englischen Sitten in 19. und 2o. Jahrhundert [76] fand hierin seine Erklärung.

Als Engländer konnte man sich also anerkanntermaßen als Vorbild in Deutschland bewegen. Der funktionale Charakter eines Reisenden, oder in unseren Zeiten eines Touristen, vergrößerte diese Kluft noch:

 

One actor tends to be richer and more priviledged than the other. (...)

(The tourists) are paying money in order to be waited upon; the vast majority do not really want to know their hosts and when they do, they are hampered by the genuine problem that there is a limit to how much one can discover in a fortnight about someone speaking a different language.

Their perception of local realites will therefore be superficial and prejudiced. [77]

 

Sicher, nicht allen Reiseschriftstellern darf man eine zu oberflächliche Betrachtungsweise des Gastlandes vorwerfen, jedoch bleibt festzuhalten, daß sich Reiseliteratur von Subjekt her konstituiert, also vom Reisenden, dem die Konfrontation mit der Fremde zum Anlaß wird von Reflexionen über das eigene Selbstverständnis, und nicht vom Objekt her, also der darzustellenden Realität. [78]

Das Scheiben von Reiseberichten stellt eine sozial stabilisierende Wirkung auf das Ich des Reisenden dar, das Lesen von Reiseberichten hat eine große Bedeutung für das kollektive nationale Identitätsbewußtsein[79], "wahrheits-"gemäße Erkenntnisse über das bereiste Land werden fast in den Hintergrund gerückt. (siehe auch S. 6)


 

5.1.4 Moralisierende Aspekte

 

Wenn aber das eigene Sein und Handeln zum allgemeingültigen Standart erhoben wird, dann werden Abweichungen davon nicht als "anders, aber gleichwertig" begriffen, sondern als moralisch minderwertig.

Als Beispiel mag dienen: Statt sich im Kartenspiel an das nach englischer Meinung nach bewährte Bridge oder Whist zu halten, erfreuten sich die Deutschen an einem obskuren Spiel, dem auch Rudyard Kipling 1889 seine Aufmerksamkeit widmete. Er beschrieb einen Deutschen, der den ganzen Tag und die ganze Nacht Bier trank (!) und dabei "Scaird" spielte, den Deutschen besser als "Skat" bekannt. [80]  Noch im späten 19. Jahrhundert erregte allein die Tatsache des Skatspielens das Mißfallen der englischen Reisenden. Auch die Beschreibung des Walzers durch Coleridge (siehe S. 1o) fällt in diese Rubrik.

5.1.5 Kriegspsychologische Aspekte

 

Dieser Punkt scheint mir zu offensichtlich, als das er eine ausführliche Besprechung bedürfte.

In times of war, sentiments against members of the other side run high. [81]

Der 1. wie der 2. Weltkrieg waren in dieser Hinsicht prägend genug. Noch heute finden viele der damaligen Schmähungen ("Huns", "Krauts") in gewissen Teilen der britischen Presse, den "Tabloids", allen voran "The Sun", ihren Widerhall.

5.1.6 Nostalgische Aspekte

 

Bei der jetzigen "schlechten" Wirtschaftslage und dem Verlust des Empires und dem damit einhergehenden Einbüßens des Weltmachtstatus' erinnert man sich gerne an bessere Zeiten. Besonders der zweite Weltkrieg erscheint als Höhepunkt dieser glorreichen Phase. [82]

Daher also das stringente Festhalten und immer wieder Auflebens des 2. Weltkrieges in den englischen Medien. Mit dem Erinnern an die alten Tage erinnert man sich aber auch der damit verbundenen Stereotype jener "guten, alten Zeit".

Moderne Zeiten verwischen die Grenzen historischer Trennungen, nichtsdestotrotz bestehen die Stereotype weiter. Gibt es also Strukturen, die getrennt von historisch- politischen Ereignissen wirken, die für alle Zeiten galten und gelten ?

5.2 Erklärungsansätze basierend auf abstrakten (quasi subjektiver) Vorstellungen

5.2.1 Psychologische Aspekte

 

Eine Instanz, die alle Menschen verbindet ist, bei allen Unterschieden kultureller Art, der Geist, die menschliche Psyche.

Losgelöst von tagespolitischen Geschehen überdauern kommunikative Merkmale, die sich hier finden lassen, Zeit und Raum. Aussagen, die in der menschlichen Psyche ihre Wurzeln hätten,  wären besonders langlebig und schwer zu bekämpfen, da dies bedeute, das Wesen des Menschen an sich verändern zu müssen.


 

5.2.1.1 Projektion

 

Projektion im psychologischen Sinne

 

is a process whereby undesirable personality traits, emotion or impulses are eliminated by attributing them to someone else. [83]

 

Zeichen für eine Projektion kann ein besonders harsches, ungestümes Kritisieren des Anderen sein.

Im konkreten Fall der Englisch - Deutschen Beziehungen mag man sich an die Vehemenz der englischen Vorwürfe des kriegerischen Charakters der Deutschen erinnern. Immerhin dürften die Briten, solange sie noch das Empire besaßen, in mehr militärische Aktionen verwickelt worden sein als die Deutschen im gleichen Zeitraum. Und auch nach dem zweiten Weltkrieg hatten die Briten in ein gutes Dutzend militärischer Aktionen vorzuweisen.

Auch sei in diesem Zusammenhang an die anderen Werte erinnert, die den Briten typisch deutsch erscheinen: Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, Gewissenhaftigkeit usw. Bei näherem Hinsehen sind sie nicht so sehr typisch deutsch, als notwendige industrielle Vorgaben für fabrikmäßige Fertigungen. Gerade England als das Ursprungsland der "industriellen Revolution" sollte diese Werte zu schätzen wissen und nicht bei anderen die Nase darüber rümpfen.

5.2.1.2 Umdeutung

 

In gewisser Weise schließt dieser Punkt an den vorausgegangenen an. Auch dieser Punkt betrifft die verschiedene Bewertung gleicher Tugenden.

 

It is a simple matter for most of us to take what we consider virtues in ourselves into vices when they are found in the behaviour of an out- group. (...)

Is the in- group hero frugal, thrifty, and sparing? Then the out- group villain is stingy, miserly, and penny- pinching. All honour is due to the in- group hero for his having been smart, shrewd, and intelligent, and, by the same token, all contempt is owing to the out- group villain for his being sharp, cunning, crafty, and too clever by far. [84]

 

So lassen sich Äußerungen verstehen, für die Georges Mikes' Einschätzung der deutschen Eigenschaften stellvertretend genannt sein soll:

 

I find their virtues harder to bear. I am speaking of their punctuality, efficiency, thouroughness, cleanliness and all the other petit- bourgeois virtues which tend to make one smug and priggish. [85]

 

Ein konkretes Beispiel für die Umdeutung ist der beliebte Hinweis der Briten, daß die deutsche Küche nicht schmecke, da sie hauptsächlich aus Würstchen und Kartoffeln bestehe.

Ach!- Den wenigsten Briten scheint dabei zu Bewußtsein gekommen zu sein, was unbedingter Bestandteil des typischen "English Breakfast" ist, nämlich zwei ...?- Und woraus sind die Pommes bei dem landestypischen "Fish´n Chips", wenn nicht aus ...? 

5.2.1.3 Das Gesetz der Nachbarschaft

 

Der Mensch gehört zu den revierverteidigenden Lebewesen, der Nachbar wird hierbei fast automatisch zum potentiellen Eindringling, zum möglichen Feind. [86]

Im Bereich der nationalen Ebene läßt sich das Gesetz aufstellen, daß Völker mit gemeinsamer Grenze meistens in Laufe ihrer Geschichte miteinander Streit bekommen und infolge dessen ein bestimmtes negatives und von Mißtrauen gefärbtes Bild voneinander entwickeln. [87]

Nun gab es gerade in diesem Jahrhundert zwischen Briten und Deutschen reichlich Konfliktstoffe, um nicht das beste Bild voneinander zu entwickeln.

Aber es sei zum Abschluß dieses Kapitels